Lampenstahl - Ein deutsches Drama in drei Akten (Akt I, Szene I)
Theaterstück
von autoralexanderschwarz
Erster Akt, erste Szene (Verhörzimmer I: Der Protokollant sitzt am Tisch, Lampenstahl wird hineingeführt und an den Stuhl gekettet)
Lampenstahl (setzt sich): So also sieht es hier tatsächlich aus,
so geistlos karg, so dacht' ich mir die Wände,
doch dass da nicht einmal ein einzig' Buch...
Protokollant (blickt auf): Ihr seid wohl Besseres gewohnt
und schämt euch dennoch augenscheinlich nicht,
das Maul so aufzureißen,
Ihr ahnt wohl nicht einmal,
wie tief Ihr schon gefallen seid.
Ich sah ja hier schon manchen diskutieren,
doch glaube mir:
Die Lauten werden hier ganz schnell
ganz zahm und dabei leise.
Lampenstahl: Du hast dich wohl mit deiner Rolle arrangiert.
Mir musst du nichts erzählen.
Ich seh' ja, diese Uniform,
die steht dir wirklich gut.
Beamter I betritt den Raum: Dann woll'n wir mal
setzt sich, zum Protokollant: Dann woll'n wir mal.
Sind Sie bereit?
Protokollant: Ich bin bereit, Verhörbeamter.
Beamter I (zu Lampenstahl): Sie heißen also Lampenstahl,
welch schöner deutscher Name,
mit denen hat man es hier ja so oft nicht mehr zu tun,
mit Namen, wo man weiß, woran man ist,
ich sehe schon, ich sehe schon,
das Blut in ihren Adern,
und dennoch lese ich dann hier (blättert in einer Akte),
kann das denn sein?
Hier steht, Sie seien Terrorist.
Man muss Sie also fürchten?
Lampenstahl: Ich hab' ja niemand irgendwas getan.
Beamter I: Die Frage ist dir wohl entgangen?
Lampenstahl: Ich bin ja nur durch Zufall hier gelandet.
Beamter I: Die Frage aber, die ich stellte...
Lampenstahl: Nein, niemand muss mich fürchten.
Beamter I: Nun gut, dann schauen wir mal weiter,
(blättert in den Akten) hier steht, Sie hätten einen Terroristen
bei sich versteckt,
und das, obwohl Sie wussten,
dass Polizei und Staatsanwalt
nach dem Verbrecher suchten.
Das ging wohl über eine ganze Zeit,
hier steht, für fast ein Jahr.
Das scheint mir doch schon etwas mehr,
als Zufall nur zu sein.
Lampenstahl: Ich habe einem guten Freund geholfen.
Ich wusste nicht...
Beamter I: Du redest nur, wenn ich dich etwas frage,
sonst schlag' ich dir auf dein verhurtes Maul,
du Schwein, erdreistest dich das bloß nicht noch einmal.
(zum Protokollanten) Ich bitte Sie, das Wort für Wort,
genau so festzuhalten.
Protokollant: Ich schreibe mit, Verhörbeamter.
Beamter I (zu Lampenstahl): Sie sind sich also wirklich keiner Schuld bewusst?
Lampenstahl: Ich bitte Sie, mich nicht mehr anzuschreien.
Beamter I: Die Frage ist dir wohl entgangen?
Lampenstahl: Ich gebe zu, dass ich vielleicht an mancher Stelle,
mich wider dem Gesetz verhielt,
doch meinem Freund, den ich seit Kindertagen kenne,
dem droht ja immer noch der Tod –
und dabei weiß ich doch: er ist ein guter Mensch
und treuer Freund: Wie könnt' ich ihn verraten?
Beamter I: Jetzt sprechen wir. Jetzt hör' ich dich.
Da kann man was mit machen.
Lampenstahl: Ich habe ihm geraten, sich zu stellen.
Beamter I: Ich rat dir, Terroristenschwein, mich nicht zu unterbrechen.
(zum Protokollanten) Ich bitte Sie, das Wort für Wort,
genau so festzuhalten.
Protokollant: Ich schreibe mit, Verhörbeamter.
Beamter I: So blöd wie du muss man ja erst mal sein,
du hast ja schon gestanden,
und die Motive sind mir eigentlich egal,
doch was du sagst, das zeigt mir doch,
wie tief der Abgrund ist.
Und wo solche Gesinnung wohnt,
da muss man tiefer bohren.
Was deinem Freund vom Staat aus droht,
das ist nur ein Verfahren,
und wäre er nur halb so gut,
so treu, wie du ihn schilderst,
dann käme seine Unschuld dabei schnell heraus,
wir müssten hier nicht sitzen.
Doch du, du stellst dich einfach über das Gesetz
und setzt den starken Arm uns'rer Justiz
mit einem Schlächterarme gleich.
Wenn das kein Defätismus ist.
Du sagtest mir, dass dich die Treu
an deinen Freunde binde,
doch frag ich dich:
Was ist mit all den and'ren Banden.
Du hast ja noch, so les ich hier,
ein Weib und einen Knaben?
Lampenstahl Die haben aber nichts damit zu tun.
Beamter I Ein Weib und einen Knaben.
(erhebt sich langsam) Wir kommen später noch einmal darauf zurück.
Ich hab' für dich ja nur begrenzte Zeit.
(geht zur Tür) Dann woll'n wir mal, dann woll'n wir mal
zum nächsten Delinquenten.
Der Protokollant erhebt sich und verlässt den Raum.