Lampenstahl - Ein deutsches Drama in drei Akten (Akt I, Szene II)

Theaterstück

von  autoralexanderschwarz

Erster Akt. Zweite Szene (Verhörzimmer II, Grete allein)


Grete So also sieht es hier tatsächlich aus,

wie grauen mir die Wände,

der Stuhl, der Tisch,

das halogene Licht –

so einsam fühlt man sich darin:

als Schatten seiner selbst.


Beamter I und Protokollant betreten den Raum.


Grete Mein Kind...


Beamter I Für das ist wohl gesorgt,

es ist noch klein.


Grete Und meinem Mann,

ich sah ihn nicht, bereits seit vielen Stunden.


Beamter I Der Vorgang ist mir leider nicht bekannt.

Warum ist er denn hier?


Grete Es hat bestimmt mit seinem alten Freund zu tun,

ich weiß nur nichts Genaues.

Seit Stunden denke ich darüber nach,

seit mitten in der Nacht die Polizei

durch uns're Türe stürmte,

mir hat ja niemand irgendwas gesagt.


Beamter I (setzt sich) Wer ist denn dieser alte Freund?

Vielleicht lässt sich das klären.

Grete Es war vor etwa einem Jahr im März,

da klopft' es an die Türe.

Ich weiß es noch, wir scherzten gar,

wer da wohl kommen möge,

und lachend öffne ich die Tür,

da steht: ein Fremder –

mein Blick sucht seinen,

ich erschrecke mich,

so wild und ernst und so gehetzt,

so blickte er mich an,

doch eh' ich etwas sagen kann,

da stürmt mein Mann an mir vorbei

und schließt ihn in die Arme.

So steh'n sie da und halten sich,

wie Brüder, die verloren,

ich spüre, dass das eine tiefe Freundschaft ist,

sie kennen sich schon lange.


Beamter I Wie hieß denn dieser alte Freund,

der Sie dort überraschte?


Grete Als Walter stellte er sich vor,

als Freund aus Kindertagen,

doch schnell begreif' ich,

dass da etwas ist,

dass ihn und meinen Mann

verbindet,

ich schau sie an

und seh' im Fremden

den Vater meines Sohns verändert,

es war als ob die Linien im Gesicht

sich leicht verschoben hätten,

ich staunte, denn so sah ich einen Teil von ihm,

der mir in all den Jahren, die wir uns jetzt kennen,

verborgen blieb.


Beamter I Und dann...


Grete Das lässt sich nicht so leicht zusammenfassen,

der Fremde blieb und mit ihm

dieser neue Teil von meinem Mann;

ich fragte ihn, begierig zu erfahren,

was die Geschichte hinter all dem sei,

warum er mir bisher noch nie davon erzählt,

doch er weicht aus,

mit Worten und mit Gesten,

will nicht darüber sprechen.

Das hat mich alles damals sehr verletzt.

Ich hab' ihn nicht verstanden.

Wir konnten immer über alles reden.


Beamter I Du sagtest doch, sie kannten sich,

bereits seit Kindertagen.

Hast du sie denn gefragt,

was sie dann trennte?


Grete Es hat wohl etwas mit dem Bürgerkrieg zu tun,

als die Faschisten und die Demokraten

in vielen Städten aufeinander schossen,

da haben beide wohl in Köln studiert,

dort trennten sich die Wege.

Ein Jahr danach, da hab' ich meinen Mann getroffen

und weil das Leben da nicht einfach war,

da blickten wir nach vorne.

Wir sprachen wenig über jene Zeit davor.

Vielleicht war das ein Fehler.


Beamter I
(zum Protokollanten) Ich hoffe, das ist alles so notiert.


Protokollant Es ist notiert, Verhörbeamter.


Beamter I Das war ja mal zumindest kooperativ.


Grete Was ist mit meinem Kind, kann ich zu ihm,

wie muss es sich hier fürchten?

An diesem kalten, fremden Ort

und ohne seine Mutter.


Beamter I Da ließe sich womöglich etwas machen.

Es liegt an dir allein.


Grete Ihr sagtet selbst bereits, ich sei kooperativ,

ich bin es noch,

was kann ich denn noch tun?


Beamter I Du trägst da einen wirklich schönen Ring,

so schlicht und doch erlesen.

Das Kind ist ja bereits in einem andern Raum,

davor steht eine Wache.

Sie ist sehr streng,

tut Dienst nach Protokoll,

doch habe ich einmal gehört,

dass sie für einen kleinen Obolus

beiseitetreten würde.


Grete nachdenklich Das ist der Ring, der mich und meinen Mann verbindet,

er ist mir teuer, doch er ist auch nur Metall.


Beamter I Ich hörte auch, dass dieser Knabe ständig weint,

er schreit nach seiner Mutter.


Grete streift sich den Ring langsam ab, hält ihn zögernd, legt ihn auf den Tisch

Er ist ja schließlich nichts als ein Symbol,

ich trage ihn im Herzen.


Beamter I nimmt den Ring Ich werde mit der Wache sprechen.

(erhebt sich) Und melde mich, sobald ich etwas weiß.


Beamter I und Protokollant verlassen den Raum.






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