Lampenstahl - Ein deutsches Drama in drei Akten (Akt I, Szene IV)

Theaterstück

von  autoralexanderschwarz

Erster Akt, vierte Szene (Verhörzimmer I: Lampenstahl alleine)


Beamter I (betritt den Raum) So langsam klären sich die Dinge auf.

Das ist die Kunst bei den Verhören,

dass man den Fäden durch die Knoten folgt,

dass man die Netze über'nander legt,

durch die dann Stück für Stück und Wort für Wort

die Wahrheit sichtbar wird.


Lampenstahl Sie sprachen eben über meine Frau...


Beamter I Ich rat dir, unterbrich mich nicht.

Es könnte Folgen haben.


Lampenstahl … ist sie bei meinem Kind?


Beamter I Mir scheint, du nimmst mich immer noch nicht ernst.

Dir werde ich es zeigen.

(drückt auf einen Knopf)


Prügler (betritt den Raum) Dann ist es wieder mal soweit?


Beamter I (zum Prügler) Er macht nicht das, was man ihm sagt.


Prügler (stellt sich neben Lampenstahl) Das wird er schon noch lernen.


Beamter I (zum Protokollanten) Ich setze hier an dieser Stelle fort.

(zu Lampenstahl) Ich habe Fragen über jenen Walter.

Ich hörte von der Zeit in Köln,

als er mit dir studierte

und zwar in jenem Schicksalsjahr

als unser Volk das Joch der Demokraten

von seinen Schultern stieß und sich befreite.

Wo standest du zu dieser Zeit genau,

es steht nichts in den Akten.


Lampenstahl Wie viele And're war ich sehr besorgt.

Ich war noch jung und wusste nicht,

wohin das alles führte.

So ging ich nur noch selten aus dem Haus,

weil es gefährlich war

dort draußen.

Manch einer starb in dieser Zeit

und lag dann auf der Straße.


Beamter I Sie waren nie politisch involviert?


Lampenstahl
Ich lernte für's Examen.


Beamter I Und jener Walter, den Sie da schon lange kannten?

Was machte er zu jener Zeit?


Lampenstahl
Da möcht' ich nicht so gerne drüber reden.


Beamter I (zum Prügler) Da haben wir's, ich sagte es,

Er will es nicht verstehen.


Prügler schlägt Lampenstahl gegen den Kopf.


Beamter I
(zum Prügler) Noch einmal, damit er's versteht.


Prügler schlägt Lampenstahl gegen den Kopf.


Beamter I (zum Prügler) Und noch mal, denn der guten Dinge,

so sagt man doch, der sind es ja bekanntlich drei.


Prügler schlägt Lampenstahl gegen den Kopf.


Beamter I (zum Protokollanten) Ich fahre nun mit der Befragung fort.

(zu Lampenstahl) Was trieb denn Walter nun zu dieser Zeit,

ich warte...


Lampenstahl
(blutet aus einer Platzwunde über dem Auge, lacht)

Als ob ihr mich mit solchen Schlägen

zu irgendetwas zwingen könnt' –

da bin ich wohl aus einem and'ren Holz geschnitzt.

Ich hab' schon Schläge eingesteckt,

bevor ich laufen konnte.


Beamter I (zum Prügler) Noch mal, er hat es nicht verstanden.


Prügler schlägt Lampenstahl gegen den Kopf.


Beamter I (zu Lampenstahl) Da war'n der guten Dinge mehr als drei,

du magst ein zäher Bursche sein,

doch glaub' mir, letztlich kriege ich auf jede Frage

die Antwort, die ich hören will.

Vielleicht hältst du ja all die Schläge aus,

doch warum sollte ich das Brett

an dieser Stelle bohren.

Er zieht Gretes Ring aus der Tasche und legt ihn auf den Tisch.

(zum Prügler) Geh du doch schon mal rüber in den and'ren Raum.

(erhebt sich) Dann woll'n wir mal.


Lampenstahl
(leise) Nein, wartet noch damit.

nimmt den Ring und dreht in in der Hand

Ich bitte euch, zu bleiben.


Beamter I (setzt sich wieder) So zäh wohl doch dann wieder nicht.


Lampenstahl
(leise) Ich habe die Frage vergessen.


Beamter I War jener Walter damals Teil des Widerstands,

das wollt' ich von dir wissen.


Lampenstahl Er war politischer als ich, das stimmt,

schon in der Schule trat er jeder Ungerechtigkeit entgegen,

er sagte oft, dass nur man selbst

für das eintreten könnte, was man denkt,

das war ihm eine heil'ge Pflicht –

und als die Rechten nach und nach die Ämter übernahmen,

da ist er in den Untergrund gegangen.

Das letzte Mal, dass ich ihn sah,

da war er voller Sorgen,

er kannte Leute, die so war'n wie er

und die man jagte.

Zum Abschied sagte er mir nur,

dass er sich für mich schäme.


Beamter I Und dennoch nahmen Sie ihn bei sich auf

und das nach all den Jahren.


Lampenstahl Ich stand ja immer noch in seiner Schuld.


Beamter I Worin besteht denn diese Schuld genau?


Lampenstahl Das möchte ich nicht sagen.

Es hat auch nichts mit all dem hier zu tun.


Beamter I Ich werde nicht noch einmal droh'n,

du kennst ja meinen Hebel.


Lampenstahl Mein Vater war ein alter böser Mann.

Die Mutter starb bei der Geburt.

Ich war sehr früh auf mich allein gestellt

und ich war schwach,

so hilflos-klein

zu zart.

Das konnte jeder sehen.

Und als ich in die Schule kam,

da hackten ständig alle auf mir rum,

da war mein Kreuz noch nicht so breit,

da gab es keine Gnade.

Und wäre Walter damals nicht gewesen,

dann wäre ich vor Schwäche wohl gestorben.


Beamter I Was tat er denn genau, was dich so inspirierte?


Lampenstahl Er war vielleicht der erste wahre Mensch,

den ich in meinem Leben traf,

er gab mir Kraft und hörte zu,

er zeigte mir,

wie ich mich wehren kann,

selbst meinen Vater überwand ich so

und blick' ich heut' darauf zurück,

dann weiß ich, dass ein neues Leben dort begann,

dass alles, was darauf noch folgte

am Ende ein Geschenk von Walter war.

Das mein' ich, wenn ich sage,

dass ich ihm etwas schulde.


Beamter I (zum Protokollanten) Vielleicht machen wir hier lieber eine Pause.

Der Tag war lang, ich möchte etwas essen.

(zum Prügler) Ich weiß du prügelst gerne auch mal Frauen,

doch scheint sich hier ein Konsens abzuzeichnen.

(zu Lampenstahl) Ich komme später noch auf dich zurück.

erhebt sich und verlässt den Raum


Der Protokollant folgt.



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