Die Müdigkeit der guten Wünsche

Betrachtung zum Thema Allzu Menschliches

von  AnneSeltmann



Danke für die Inspiration >>  tulpenrot  <<

 

Vesna saß an ihrem Schreibtisch, der Stift lag sauber ausgerichtet neben den Karten, alle gleich, alle mit glänzenden Rändern und dem gleichen Versprechen von Wärme. Draußen hing der Dezember grau und still, drinnen roch es nach Tee und ein wenig nach Gewohnheit.

Vesna drehte eine der Karten zwischen den Fingern. „Frohe Weihnachten und ein gesundes neues Jahr.“ Sie kannte den Satz auswendig. Sie hatte ihn tausendmal geschrieben, mit kleinen Variationen, mal mehr Herzlichkeit, mal mehr Förmlichkeit. Und jedes Mal war es dasselbe gewesen.

Ich mag keine Weihnachtspost mehr schreiben, dachte sie und erschrak fast über die Klarheit dieses Gedankens. Nicht aus Trotz. Nicht aus Kälte. Sondern aus Müdigkeit.

Die Wünsche langweilten sie, weil sie hohl geworden waren. Gesundheit, Frieden, Glück – große Worte, die niemand erklären musste und die doch niemand wirklich meinte.

Sie fühlten sich an wie automatische Gesten, wie Nicken im Vorübergehen. Vesna fragte sich, ob man all das wirklich noch wünschen konnte, ohne etwas dabei zu empfinden.

Sie legte den Stift weg. Früher hatte sie geglaubt, Höflichkeit sei gleichzusetzen mit Verbundenheit. Jetzt spürte sie, dass zwischen beidem eine Lücke lag. Eine leise, unbequeme.

Vielleicht, dachte sie, ist es ehrlicher, nicht zu schreiben. Oder nur einer Person. Oder einen Satz, der wirklich von ihr kam – unbeholfen, nicht rund, aber wahr. Einen Satz, der nicht alles wollte, sondern nur meinte: Ich habe an dich gedacht, heute.

Vesna nahm eine der Karten und schob sie zurück in die Schachtel. Nicht aus Ablehnung, sondern aus Respekt vor den Worten. Wenn sie schrieb, dann wollte sie wieder etwas zu sagen haben. Und bis dahin durfte auch Stille ein Geschenk sein.



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Kommentare zu diesem Text


 niemand (10.12.25, 18:09)
@ Anne
Mit diesem Text triffst Du meinen Nerv bezüglich der Zwänge voll und ganz!
LG Irene

 Moppel (10.12.25, 18:20)
genau so ist es, liebe Anne. Eine gute Kurzgeschichte, die ziemlich viel zu sagen hat..lG von M.

 Tula (10.12.25, 21:22)
Hallo Anne
Geht heute alles mit Whatsapp. Ist viel schneller, copy paste - für jeden höchst persönlich dasselbe. Seit einiger Zeit bereits geht es noch schneller, du stellst den Gruß einfach als eine Art Wurmfortsatz an dein Profilbild. Kann doch jeder selber drauf klicken, um zu wissen, was du ganz herzlich allen deinen Freunden und Verwandten wünschst. 
Aber rufe bloß keinen an, die denken sonst, du willst was von ihnen ...

LG Tula

Kommentar geändert am 10.12.2025 um 21:24 Uhr

 AchterZwerg meinte dazu am 11.12.25 um 07:13:

 AchterZwerg (11.12.25, 07:21)
Liebe Anne,

wie gut ich deine Protagonistin verstehen kann!
Dieser Jahr betreibe ich selber eine weihnachtliche Totalverweigerung und lege mich lieber mit Schopenhauer und Thomas Mann ins Bett.
Später kommen sicherlich noch andere hinzu, und die Weihnachtszeit wächst sich zu einem angenehmen Swingerclub aus.
Ich weiß, eigentlich müsste ich jetzt traurig gucken ... :D
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Du fängst die erwünschte Stille ganz wunderbar ein - und deren "Verzicht" als Voraussetzung für eine Erfahrung, die sich aus Erinnerungen speist, die an Gewicht verloren haben.

Schöne Grüße
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