Wenn ich heute an Sumatra denke, sehe ich zuallererst die vielen Kinder vor mir – Kinder in ihrer Schulkleidung: kurze rote Hosen oder Röckchen mit weißen Hemden oder Blusen. Ich sehe sie entlang des Trans Sumatra Highways in der Mittagshitze von der Schule nach Hause gehen, meistens in einfachen Flip Flops.
Nun erfüllt der Trans Sumatra Highway bei weitem nicht die Erwartungen, die man bei diesem Namen haben könnte: Der größte Teil der etwa 2.500 km langen Strecke würde bei uns als normale Landstraße durchgehen. Trotzdem ist diese Querverbindung, die fast über die gesamte Insel führt, viel befahren und für Fußgänger nicht unbedingt empfehlenswert. Mir versetzte es jedes Mal einen Stich, wenn ich Schüler am Rand der Straße nach Hause eilen sah, speziell wenn ein kleines Mädchen völlig allein unterwegs war. Ihre Hütten lagen meistens nah an der Straße, größere Ortschaften fehlten in weiten Bereichen ganz. Meistens winkten die Kinder unserem Reisebus fröhlich zu.
Beim Besuch einer Grundschule, den unser Reiseleiter organisiert hatte, wurden wir empfangen wie bei einem Staatsempfang. Die Schüler standen brav aufgereiht und singend auf dem Schotterplatz vor der Schule, die eher einer Baracke glich. Stolz führten sie uns dann in einen spärlich eingerichteten Klassenraum. Wir trugen gern mit einer kleinen Spende dazu bei, dass dieses Schulgebäude erhalten und ausgebaut werden konnte.
Unser Reiseleiter kannte solche Stationen natürlich gut, und wir hatten nichts gegen kleine Abstecher, wenn sie einem guten Zweck dienten. Als wir einige Tage später ein Kinderheim besuchten, von dem nicht klar zu erfahren war, ob es sich nicht tatsächlich um ein Waisenhaus handelte, tanzten und musizierten die Kinder mit höchster Konzentration und tiefem Ernst, wobei sie uns mit großen traurigen Augen ansahen. Der Kleinste, ein etwa Dreijähriger, trötete unbeholfen und unmelodisch auf einem Blasinstrument herum – er hatte die traurigsten Augen, die ich je gesehen habe. Natürlich sagte uns niemand, was diese Kinder schon alles mitgemacht hatten. Was konnten wir denn mit ein paar indonesischen Rupien Großartiges für sie tun?
Größere Touristengruppen waren in einigen Gebieten durchaus selten. Einmal wurden wir von einer Gruppe johlender und ein wenig zerlumpt wirkender Kinder empfangen, die überraschend aus allen Ecken heran liefen, als unser Bus mit einer Reifenpanne am Straßenrand stand und die gesamte Reisegruppe kurzfristig in der heißen Mittagssonne auf die Weiterfahrt wartete. Vorwitzig mischten sie sich unter uns und hielten mit strahlendem Lächeln auch schon mal die Hand auf. In der Nähe schien eine kleinere Siedlung zu sein, man sah einige einfachste Hütten, abgemagerte Hunde lungerten dazwischen herum. Was für eine Zukunft würden diese Kinder hier haben?
Den allerschlimmsten Eindruck hinterließen im Vorbeifahren die Hütten einer Islamschule. Soweit das Auge reichte, zogen sich diese kleinen Wohnhütten, nicht viel größer als eine Hundehütte, etwas abseits der Straße entlang. Kleine Menschlein wuselten zwischen den Hütten herum und verschwanden darin – die Szenerie erinnerte eher an ein Straflager als an eine Schule.
Unsere Indonesien-Reise über vier Inseln, wie sie damals, vor etwa fünfundzwanzig Jahren, stattfinden konnte, wird schon lange nicht mehr angeboten. Naturkatastrophen wie der Tsunami und immer wieder Erdbeben oder Vulkanausbrüche haben das Land erschüttert und Touristenströme gebremst. Auf einigen Inseln kommt es immer wieder zu politischen oder religiösen Unruhen. Wir waren und sind dankbar, dass wir die kaum zu beschreibenden vielfältigen Eindrücke und die Gastfreundschaft der Einheimischen ohne Hindernisse erleben durften – Eindrücke, die einen auch nach all den Jahren manchmal wieder aufwühlen und von denen einige immer noch schmerzen.
Die Kinder von damals sind inzwischen längst erwachsen geworden. Was mag aus ihnen geworden sein? Sind die fröhlichen Schulkinder fröhliche Erwachsene geworden? Haben es die Kinder aus der Siedlung an der Straße geschafft, aus dieser bitteren Armut herauszukommen? War den traurigen Heimkindern doch noch eine glückliche Zukunft in einer Familie beschieden?
Zu gerne hätte ich Einblick in diese Lebensläufe. Aber ich habe nur die Fotos von damals und die Hoffnung, dass alle zufrieden ihren festen Platz im Leben finden konnten.