DER LETZTE KAFFEE AM STOLPER LOCH

Short Story zum Thema Erinnerung

von  harzgebirgler



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Die Luft war feucht und roch nach Novemberregen und welkem Laub. Heinrich von Kleist stand am Ufer des Stolper Lochs, dem kleinen Wannsee, und blickte über das graue Wasser. Es war der 21. November 1811. In seiner Tasche lasteten die Pistolen schwer, doch sein Herz fühlte sich seltsam leicht an. Hinter ihm saß Henriette Vogel auf einem umgestürzten Baumstamm. Sie war todkrank, gezeichnet von Schmerzen, doch in ihren Augen lag eine tiefe, fast heitere Ruhe.

Es ist kalt, Heinrich“, sagte sie leise.
„Bald nicht mehr, Henriette“, antwortete er, ohne sich umzudrehen. „Bald sind wir dort, wo die Welt uns nicht mehr kränken kann.“

Kleist zog einen Brief aus der Tasche, den er an seine Schwester Ulrike geschrieben hatte. Er dachte an die Worte, die er ihr anvertraut hatte. Die Welt hatte ihn verstoßen, seine Werke wurden missverstanden, die Geldsorgen erdrückten ihn. Aber es war mehr als das. Es war diese tiefe Unvereinbarkeit. Er drehte sich zu Henriette um, seine Augen glühten.

Ich passe mich nicht unter die Menschen!“, sagte er, und es klang wie ein letztes, trotziges Credo. „Sie gefallen mir nicht. Sie sind zu klein für das, was wir fühlen.“

Henriette lächelte schwach. Sie wollte nicht weiterleben, sie sehnte sich nach Erlösung. Sie hatten sich in dieser dunklen Leidenschaft gefunden, einer Liebe, die im Diesseits keinen Platz mehr hatte.

Sie tranken den letzten Kaffee, den sie in der kleinen Gastwirtschaft am Ufer bestellt hatten. Heinrich half Henriette auf. Sie gingen ein paar Schritte in den Wald hinein, zu einer kleinen Anhöhe.

Er spürte keine Angst, nur eine unendliche Müdigkeit. Henriette legte sich nieder, das Gesicht zum Himmel gewandt. Sie nickte ihm zu. Ein letztes Einverständnis.

Heinrich von Kleist richtete die Pistole auf seine Freundin. Ein Schuss brach die Stille des Nachmittags.
Dann, nach einer kurzen Ewigkeit, die kaum einen Atemzug dauerte, drehte er die Waffe gegen sich selbst.

Das Echo verhallte im Novemberwald. Das Paradies war verriegelt, aber sie hatten den Schlüssel gefunden.



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Kleist-Grab am Kleinen Wannsee um 1900




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