ZWISCHEN DEN ZEILEN - Ein moderner Briefroman in E-Mails und Chats -- zum Genre des Tages:
Roman zum Thema Annäherung
von harzgebirgler
I. Der erste Kontakt
Betreff: Deine Notiz in „Der große Gatsby“
Von: clara.m@webmail.de
An: [Unbekannt]
Datum: 12. Mai, 23:14 Uhr
Hallo,
ich weiß, das hier ist seltsam. Ich habe heute das Buch aus der Leihbücherei zurückgegeben und darin einen kleinen Zettel gefunden, auf dem diese E-Mail-Adresse stand – direkt neben der Stelle, an der Gatsby auf das grüne Licht starrt. Da stand nur: „Falls du das hier liest und auch glaubst, dass wir alle gegen den Strom schwimmen: Schreib mir.“
Nun ja. Ich schwimme gerade ziemlich heftig gegen den Strom. Wer bist du?
– Clara
Betreff: Re: Deine Notiz in „Der große Gatsby“
Von: j.vandenberg@gmail.com
An: clara.m@webmail.de
Datum: 13. Mai, 08:42 Uhr
Hallo Clara,
ehrlich gesagt hatte ich nicht damit gerechnet, dass sich wirklich jemand meldet. Ich habe diese Notiz vor Monaten dort hinterlassen, als ich das Gefühl hatte, der einzige Mensch in dieser Stadt zu sein, der nachts nicht schlafen kann. Ich bin Julian. Ich arbeite im Marketing (was ironisch ist, weil ich eigentlich keine Menschen mag, die einem Dinge verkaufen wollen). Was hält dich nachts wach, Clara? Das grüne Licht am Ende des Stegs oder einfach nur der zu starke Espresso am Nachmittag?
– Julian
II. Die digitale Vertrautheit
Betreff: AW: Re: Deine Notiz in „Der große Gatsby“
Von: clara.m@webmail.de
An: j.vandenberg@gmail.com
Datum: 15. Mai, 01:20 Uhr
Hallo Julian,
es ist der Espresso. Und die Tatsache, dass ich gerade versuche, meine Masterarbeit über „Einsamkeit in der modernen Literatur“ zu schreiben, während ich mich in einer Wohnung befinde, die viel zu still ist. Es ist verrückt, oder? Wir starren beide auf Bildschirme und hoffen, dass am anderen Ende jemand ist, der die Welt ähnlich sieht. Erzähl mir was: Wenn du kein Marketing machen müsstest, wo wärst du jetzt?
– Clara
Betreff: Fluchtpläne
Von: j.vandenberg@gmail.com
An: clara.m@webmail.de
Datum: 16. Mai, 19:55 Uhr
Clara,
wenn ich nicht hier wäre, säße ich vermutlich in einer kleinen Buchhandlung an der Küste von Maine. Irgendwo, wo es nach Salz und altem Papier riecht. Ich habe heute bei der Arbeit eine Präsentation gehalten und die ganze Zeit an deine Mail gedacht. Plötzlich fühlte sich der Tag echt an. Darf ich dich was fragen? Warum hast du Gatsby gelesen? Pflicht oder Leidenschaft?
– Julian
III. Das Risiko der Realität
Betreff: Keine Korrekturen mehr
Von: j.vandenberg@gmail.com
An: clara.m@webmail.de
Datum: 18. Mai, 11:30 Uhr
Clara,
ich möchte deine Tippfehler sehen. Ich möchte wissen, ob dein Schal wirklich so gelb ist, wie ich ihn mir vorstelle. Treffen wir uns? Morgen. 19 Uhr. Vor der Bücherei. Ich werde keinen gelben Schal tragen, sondern einen Kaffee für dich halten. Schwarz, kein Zucker. Kommst du?
– Julian
Messenger-Chat: 19. Mai, 19:02 Uhr
Julian: Ich stehe direkt hinter dir. Dreh dich um.
Clara: ... Leg das Handy weg.
Julian: Okay. Jetzt.
Sie trafen sich im Café „Lesezeichen“. Julian stellte die Becher ab. „Du zitterst“, sagte er leise. Clara lachte kurz auf. „Es ist die Dekompressionskrankheit. Wenn man aus der Tiefe der E-Mails so plötzlich an die Oberfläche der Realität taucht.“ Julian sah sie an. „Du siehst genau so aus, wie deine Sätze klingen. Ein bisschen nachdenklich, ein bisschen wild.“
IV. Das neue Kapitel
Betreff: Boarding Pass: Portland (PWM)
Von: j.vandenberg@gmail.com
An: clara.m@webmail.de
Datum: 15. August, 22:45 Uhr
Clara,
das grüne Licht brennt hier in Maine viel heller. Ich habe ein Haus gemietet. Es gibt Platz für einen Schreibtisch, auf dem man Masterarbeiten schreiben kann. Der Flug geht am Freitag um 10:00 Uhr. Das Ticket ist im Anhang. Kommst du und schreibst das nächste Kapitel mit mir zusammen? In echt. Ohne Korrektur-Taste.
– Dein Julian
Messenger-Chat: Freitag, 09:20 Uhr
Clara: Ich schließe jetzt die Augen. Wenn ich sie wieder öffne, will ich Maine riechen. Ich komme, Julian. ❤️
V. Epilog
Drei Jahre später zog die Bibliothekarin Frau Meyer ein abgegriffenes Exemplar von Gatsby aus dem Regal. Auf Seite 154 klebte eine Postkarte aus Maine: „An alle Suchenden: Die Geschichte endet nicht auf der letzten Seite. Manchmal beginnt sie genau dort.“ Sie lächelte und stellte das Buch ganz nach vorne, damit es der Nächste als Erstes finden würde.