Heinrich Meise und der Frühling

Kindergeschichte

von  Citronella

Für Heinrich Meise schien die Sache ganz einfach zu sein, schließlich war er ein erfahrenes Vogelmännchen. Im letzten Sommer hatte er insgesamt 7 Junge großgezogen, zusammen mit seinem Weibchen Irmchen. Und alle waren zu prächtigen kleinen Meisen geworden, darauf konnte Heinrich richtig stolz sein. Leider war Irmchen dann im Spätsommer plötzlich verschwunden. Er hatte den Verdacht, dass die dicke Katze vom Nachbargrundstück daran schuld sein könnte, doch genau wusste er es nicht. Man musste die Dinge nehmen, wie sie kommen, deshalb war er jetzt schon einige Zeit auf der Suche nach einem neuen Weibchen. Allzu große Ansprüche stellte er nicht, aber die Neue sollte seinem Irmchen schon ein wenig ähnlich sein: fleißig beim Nestbau, geduldig beim Brüten, und mit Durchsetzungsvermögen gegenüber den Jungen. Er war sicher, so etwas würde sich wieder finden. Aber leider entpuppte sich in diesem Jahr alles anders als sonst, und das machte ihn ein wenig nervös.

Schon im Winter hatte Heinrich mit Entzücken gesehen, dass Opa Emil, der Gartenbesitzer, wieder den Nistkasten an die junge Erle gehängt hatte. Heinrich war der Erste, der dieses Häuschen inspizierte, und es gefiel ihm sehr gut. Hier würde es sich gut mit einer Familie leben lassen. Nur musste dazu eben erst ein passendes Weibchen her.

Heinrich hielt sich nun jeden Tag am Häuschen auf, schaute mal hinein, um die Größe abzuschätzen, schaute mal hinaus, ob irgendwo ein Weibchen auftauchte, zwitscherte mit zunehmender Tageslänge jeden Tag ein wenig länger - und wartete. Aber nichts passierte.

Nach einigen warmen Tagen im März kam der Winter noch einmal mit aller Strenge zurück. Es schneite kräftig, und Heinrich war froh, sich ab und zu in seinem schönen Häuschen verkriechen zu können. Zum Zwitschern hatte er in so einer Situation keine rechte Lust mehr, es schien ihm vergebens. Plötzlich wurde er sehr traurig. Die Tage wurden heller und länger, er verspürte eine starke Unruhe, konnte aber beim besten Willen nichts dagegen tun. Er hatte nur eins im Sinn: Ein Weibchen musste her!

Anfang April setzte Tauwetter ein, und Heinrichs Laune änderte sich schlagartig. Wieder saß er die meiste Zeit des Tages vor oder neben seinem Häuschen und gab sein Bestes mit fröhlichem Gezwitscher. Dabei konnte er so nebenbei beobachten, was sich alles im Garten von Opa Emil tummelte. Am besten gefiel ihm die elegante Bachstelze, da wurde er immer ein wenig aufgeregt, wenn er sie mit elegantem Schwanzwippen über den Rasen stolzieren sah. Auch das süße kleine Rotkehlchen mit den drolligen Knopfaugen gefiel ihm sehr. Aber ach, er wusste sehr genau, dass diese Nachbarinnen für ihn nicht in Frage kamen, er brauchte ein solides, zierliches Meisenweibchen – wie sein Irmchen eben.

So vergingen die Frühlingstage. Es wurde allmählich wärmer, und Heinrich hatte fast schon alle Hoffnung verloren. Da saß sie plötzlich neben ihm – er wusste gar nicht, aus welcher Richtung sie angeflogen war. Er konnte es nicht glauben: Ein properes Weibchen, das ihn keck ansah und interessiert auf sein Häuschen schaute. Heinrich wäre vor Aufregung fast vom Ast gefallen, drehte dann aber eine Pirouette um den Baum und rückte ein Stückchen näher an die Besucherin heran. Die zeigte sich erst einmal ein bisschen zickig und flog auf die alte Eiche am Rande des Grundstücks. So schnell wollte sie sich ja nun auch nicht entscheiden!

Am nächsten Morgen ging das Spielchen von Neuem los. Heinrich flatterte aufgeregt um sein Häuschen, Irmchen, wie er sie der Einfachheit wieder nannte, blieb diesmal sitzen, und schwups – war sie einfach in seinem Häuschen verschwunden. Heinrich wartete einen Augenblick, bis sie herauskam, flog dann einladend auch noch einmal hinein, kam aufgeregt wieder heraus und schaute Irmchen fragend an. Sie schien wirklich interessiert zu sein, und Heinrich zwitscherte erst einmal eine Weile, um Irmchen noch einmal deutlich sein Interesse zu zeigen.

Die Beiden hatten sich also wirklich gesucht und gefunden, und von nun an verschwanden sie mehrfach am Tag in dem kleinen Häuschen. Nach und nach schleppten sie kleine Hälmchen hinein, suchten Moos aus dem Rasen, brachten auch mal ein längeres Hälmchen, das sie kaum durch das enge Einflugloch zerren konnten. Als endlich alles gut ausgepolstert war, legte Irmchen prompt fünf Eier – und aus allen schlüpften bald danach gesunde, ewig hungrige Küken.

Und wenn sie den nächsten Winter überstehen, kann der Kampf um ein Weibchen und einen geeigneten Nistplatz in der nächsten Generation weitergehen. Männchen wie Heinrich wissen, dass für jeden irgendwann etwas Passendes dabei sein wird.



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Kommentare zu diesem Text


 niemand (16.03.26, 18:00)
@ Citro
Mir hat das Lesen dieser bezaubernden Tiergeschichte, welche man durchaus auch auf den Menschen beziehen kann, sehr viel Spaß gemacht. Vor allem dieser straffe Erzähl-Stil, der sich nirgendwo verhaspelt, die nicht auf Effekte aus ist,sondern etwas sehr liebes und lebensfrohes erzählt. Irgendwie sagen einem solche stillen Geschichten mehr als alles Aufgesetzte. Ist natürlich alles Geschmackssache aber den meinen trifft diese Erzählung      ;)  
Ja und für Kinder ist sie voll geeignet, da diese Tiere in der Regel doch lieben
LG Irene
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