Bafög und Kartoffelpüree

Betrachtung zum Thema Lebensweg

von  Citronella

Im Frühjahr des folgenden Jahres wurde ich 21 – und damit endlich volljährig. Nicht nur bei mir, sondern auch bei meinen Eltern machte sich Erleichterung breit.


Ich fühlte mich rundherum wohl in meiner neuen Welt: Der Job machte mir Spaß, ich hatte dort sofort zwei Freundinnen gefunden, und auch mit den übrigen Kolleginnen und Kollegen unternahm ich in der Freizeit viel. Mindestens einmal in der Woche waren Tina und ich in Schwabinger Discos unterwegs, wobei das „Gaslight“ in der ersten Zeit unser Lieblingslokal wurde. Spätestens gegen 0.30 Uhr war Schluss, und wir zockelten mit der letzten Trambahn nach Hause. Die U-Bahn war erst noch im Bau.


Nach zwei Jahren suchte ich mir einen neuen Job, der erste war ein wenig langweilig geworden, und nichts hasste ich mehr als Routine. Es wurde ein wenig anstrengender in einem Ingenieurbüro, das unter großem Zeitdruck an der Planung des Olympischen Dorfes beteiligt war. Manche Nachmittage verbrachte ich mit dem Oberbauleiter in zugigen Rohbauten, um mit dem Stenoblock die festgestellten Mängel aufzunehmen. Mittags fuhr mich die Frau des Chefs vom Büro hinaus ins Olympiazentrum, für den Heimweg konnte ich die neue U6 nutzen, die im Herbst 1971 eingeweiht wurde.


Eine der kuriosesten Faschingsfeiern meines Lebens erlebte ich Anfang 1972 in einem solchen Rohbau, der zwar schon geschlossen war, aber noch auf den Innenausbau wartete. Bauleiter und Mitarbeiter der ausführenden Baufirmen hatten dazu eingeladen. Wir konnten ungehindert Wände bemalen und die angeschleppten Lautsprecherboxen bis zum Anschlag aufdrehen. Hier störten wir niemanden.


Überschattet wird die Erinnerung an diese Feier allerdings immer durch die traurige Tatsache, dass in einem dieser Bauten im September 1972 der palästinensische Terroranschlag stattfand, der etliche Menschenleben forderte. Die düstersten Tage Münchens nach den so fröhlich begonnenen Olympischen Spielen werde ich nie vergessen.


Eines Tages stieß ich auf eine Zeitungsannonce, die mich elektrisierte: Ein neuer Schultyp war eingeführt worden, der es Erwachsenen mit kaufmännischer Vorbildung erlaubte, in zwei Jahren das Abitur bzw. die fachgebundene Hochschulreife nachzuholen. Ich musste nicht lange überlegen und besorgte mir sofort die Unterlagen für eine Anmeldung. Diese Chance, doch noch zum Abitur zu kommen, wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ob ich anschließend auch noch studieren würde, wusste ich gar nicht. Mir ging es erst einmal um zusätzliches Wissen und eine neue Herausforderung.


Voraussetzungen für eine Aufnahme waren die Mittlere Reife und eine kaufmännische Lehre. Erstere konnte ich vorweisen, dazu eine einjährige Höhere Handelsschule, einen Sekretärinnenkursus und eine mittlerweile sechsjährige Berufserfahrung als Stenotypistin, Sekretärin und Sachbearbeiterin. Das sollte gleichwertig mit einer Lehre sein, glaubte ich.


Die Ablehnung zog mir den Boden unter den Füßen weg, denn damit hatte ich nicht gerechnet. Die Zugangsvoraussetzungen seien nicht erfüllt, hieß es lapidar. Ich legte umgehend Einspruch ein und wurde tatsächlich kurzfristig zu einem Gesprächstermin ins Kultusministerium eingeladen. Mit wackligen Knien machte ich mich an einem sonnigen Freitagmorgen auf den Weg. Ein freundlicher junger Referent empfing mich. Ich legte ihm noch einmal ausführlich meinen Werdegang dar und erklärte ihm, wie wichtig diese Weiterbildung für mich sei, da mir ein höherer Schulbesuch früher nicht möglich gewesen sei. Der junge Mann schien beeindruckt. Wenige Tage später erhielt ich die schriftliche Zulassung.


Ich kündigte meinen Job und beantragte Bafög, das im Jahr zuvor eingeführt worden war. Mir war klar, dass finanziell harte Jahre vor mir lagen. Allein die kleine möblierte Dachgeschosswohnung, die ich auch noch für mehrere weitere Jahre bewohnte, kostete schon 300 DM.


Im Herbst begann ich also mit der BOS (Berufsoberschule) für Wirtschaft und bereute diesen Schritt niemals. Das Lernen fiel mir leicht und ich gehörte durchaus nicht zu den schlechtesten Schülern. Wieder erschloss sich ein neuer Freundeskreis. Besonders gern erinnere ich mich an die Nachmittage im Partykeller der Eltern eines Klassenkameraden, wo wir zuerst zusammen lernten (meistens Mathe) und dann noch bis in den Abend feierten.


In den Ferien, manchmal auch am Wochenende oder abends, nahm ich Schreibjobs an. Zeitarbeitsfirmen gab es mittlerweile mehrere, ich konnte durchaus wählerisch sein. Ich kam gut über die Runden, und auch meine Eltern und die Oma leisteten einen kleinen regelmäßigen Obolus. Mit Diskotheken und anderen Unternehmungen war allerdings erst einmal Schluss, und zum Mittagessen gab es oft Kartoffelpüree aus der Tüte mit zwei Spiegeleiern – einfach, schnell und sättigend.


Mit 25 Jahren hatte ich dann die fachgebundene Hochschulreife in der Tasche, die durch eine Zusatzprüfung in einer zweiten Fremdsprache sogar zur allgemeinen Hochschulreife (wenn auch nur für Bayern) aufgewertet wurde. Der erste Teil meines beschwerlichen 2. Bildungsweges war aus eigener Kraft geschafft.



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Kommentare zu diesem Text


 niemand (16.03.26, 12:32)
@ Citro
Deine unverkrampfte Art zu erzählen gefällt mir sehr.
Man fühlt sich angesprochen und hat nicht das Gefühl in zusammen gezurrten  Gefielden zu wandeln. Es ist wie eine frische Brise.
Mit liebem Gruß, Irene       :)

Kommentar geändert am 16.03.2026 um 12:33 Uhr

 Citronella meinte dazu am 16.03.26 um 15:07:
Danke für deine netten Worte, Irene.

Was ich mit diesem Text auch aufzeigen wollte: Wie einfach es einem damals gemacht wurde (wenn man denn wollte!), weiterzukommen. Ich trug dann auch auf meiner neuen (roten!) Aktentasche den Aufkleber „Ich bin für Willy“. Was meinen stockkonservativen, mit Sicherheit CSU-wählenden Vermietern sicher nicht gefallen hat ...

LG Citronella
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