Blätterregen 13

Erzählung

von  minze

Wir sind in Nordfrankreich, Yanns Vater erzählt von den Schwiegergroßeltern, den Geldproblemen und dem Trinken. Ich höre zu, ohne Fragen zu stellen, nehme es mit, als wir nach Hause fahren im Zug. Ich weiß, welche Fragen ich Oma noch stellen muss.


Über ihren Vater hat sie mir erzählt, dass er halt immer schwächlich gewesen sei. Ich sehe ihn auf den Fotos, er wirkt schmal und traurig; die Urgroßmutter klein, gebückt, geschäftig. Das war sie auch, meine Oma musste es auch sein, sie hatten Schweine, Hühner und Landwirtschaft, ich höre nie davon, wie Urgroßvater etwas gearbeitet hat, er war im Krieg, heute sagt mir Oma: in beiden Kriegen. Die Lücke, weil ich es nicht weiß, lässt nur Annahmen zu, ich will aber fragen. Zunächst frage ich, ob ich etwas zu ihren Eltern fragen darf.


Ich bin direkt nach meiner Heimkehr aus Frankreich zu Oma ins Krankenhaus gefahren, wo sie nun wegen ihrer undichten Herzklappe liegt. Neben ihr sind noch zwei andere Frauen, jede sieht unglücklich aus; im ersten Moment, wie ich die Mitinsassen sehe beim Eintritt ins Krankenzimmer, frage ich mich kurz, warum jede hier ist. Schnell gebe ich den Gedanken daran auf. Sie nehmen jeden Besuch und jedes Wort auf, auch wenn sie mir den Rücken zugewandt auf ihren Bett sitzen, still, denn ich komme auf 17:00 Uhr und es gibt schon Abendessen. Nur vierzig Minuten habe ich für meine Fragen, ich weiß, später werden auch noch meine Cousinen kommen, dann werden wir anders miteinander sprechen.


Er hat doch eine Weile gearbeitet, als Waldarbeiter und als es nicht mehr ging, da sagten welche im Ort und eine Tante, er solle zum VdK, der Verein würde sich um die Renten von Kriegsgeschädigten kümmern, Ansprüche prüfen; das hat er nicht gemacht.


Er war doch in Sibirien, seine Füße sind eingefroren. In mir wieder ein Foto, auf dem er etwas krumm, sich anlehnend, am Treppenende vor seinem Hauseingang steht. Vielleicht ist es das einzige, was ich in mir trage, aus einem anderen Blickwinkel nun betrachtet. Tatsächlich stelle ich mir vor, eine Starre habe sich in ihm festgesetzt, in den unteren Beinen des Urgroßvaters, der ihn nicht mehr natürlich gehen lässt und noch weniger mit den Beinen arbeiten. Und er war einfach immer schwach; da frage ich nach, ob er keine Kraft mehr gehabt habe, ich gehe einer Vermutung nach, psychisch aber auch körperlich? Oma nickt, sie nickt auf ihre Art mit dem ganzen Körper, die Schultern zieht sie nach oben und mit dem Kopf nickt sie, diese Bewegung von ihr von ja-ich-weiß-auch-nicht.

Und dann seine Rival, er hat immer geraucht, aber es wurde ja nichts untersucht. Sie erzählt die letzte gemeinsame Szene, denn sie war es, die nachts bei ihm gewacht hat. Ich muss herausfinden, warum. Die Urgroßmutter war es nicht und es gab schon Omas Familie; sie wachte bei ihm, nachts und er wollte wieder raus, rauchen, am Ende konnte er es nicht mehr alleine, und wer hat sie angemacht, wer hat sie mitgeraucht--? Wieder ihr Zucken und Nicken und dass der Arzt ihr gesagt habe, zuletzt, er habe nur noch das Rauchen, sie solle es ihm lassen. Sie hat es ihm aber vorgeworfen, dass er noch einmal raus ist, wie sie bei ihm ist, trotz ihrer Familie, in der Nacht.


Sie ist doppelt traurig, meine ich, einmal, weil es so war und einmal, weil sie es ihm nicht lassen konnte oder vielleicht müsste man die Reihenfolge drehen, dann wäre das zweite noch schwerwiegender, dass es so war, die ganze Zeit. Auch sind die Rival und das Kaufen der Rival die eine Erinnerung meiner Mutter an ihren Großvater, ihre heimliche und ihre innige Verbindung zu ihm, sie scheinen mir eine eigene Kraft und Ruhe zu sein, eine Zuflucht für ihn, eine letztliches Zugeständnis an ihn von seiner Familie.

Mich streift der Gedanke, als mich sorgt, dass Yann raucht, häufiger macht es mich wütend und ich sehe, wie er sich entzieht; einmal mehr aussetzt. Manchmal ist es auch bei ihm so ein Teil; nur schon der Geruch als Anteil seiner Person.


Irgendwas hat er vielleicht erlebt, immer wieder legte er so großen Wert darauf, dass man schwimmen lernen müsse. Es gab dort einen großen Fluss. Das Wasser ist angelegt, schon lange. Meine Mama, seine Enkelin ist fast ertrunken und sein Ururenkel, mein Bruder, ist es wirklich. Ob das fast-ertrunken zählt oder ob es dazu sehr oft kommen mag, auch bei allen anderen Familien, das weiß ich nicht, vielleicht zählt es auch erst, weil es doch noch vollkommen zum Wassertod gekommen ist in unserer Familie.

Vielleicht leuchtet so der Moment besonders, den meine Mutter einmal erzählte, als sie von meinem Onkel getrunkt wurde.

Oma trägt eine Gewissheit und eine Ahnung von verschiedenen tödlichen Schicksalen, ohne die genaue Anzahl der Toten und die Beziehung, die ihr Vater dazu hatte.


Wir reden jetzt so spät darüber und wenn sie erzählt, passiert es wie im Staunen, vielleicht weiß sie nicht, ob und wie sie Fragen gestellt hat, Fragen in sich trägt. Mich drängt es, sie zu retten.



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