flou

Erzählung

von  minze


In der Nacht kommt sein Gesicht wieder, ich habe aber bemerkt, dass ich ihn vor allem von weitem weich finde, anziehend, er entfaltet sich mit seinem Geschick, wenn ich ihn im Überblick sehe, im großen Kontext mit den anderen, mit dem ganzen Rat. Wir sitzen zu zweit beienander, er eröffnet das Gespräch mit wie geht es Ihnen? und ich will aufrichtig antworten, sage es auch frei heraus, aber ganz auf das Berufliche bezogen, trotzdem macht er es so, dass ich gemeint bin, wie lange, in welcher Strategie, weiß ich nicht, es ist vielleicht auch egal, es fühlt sich gut an, an jemanden zu denken, wenn ich im Halbschlaf bin. Nun, viele Tage später, wollte ich meinerseits zurückfragen und Ihnen? aber das passt noch nicht, es kommt noch, kann noch.


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Mit meinem Arzt ist es wie mit dir, ich fühle ihn radikal gut, aber will ich mir sein Gesicht vergegenwärtigen, ist es nicht da. Ich übe mich im Einschlafen darin, manche Dialoge wieder zu beleben, ich höre ihm hinterher, was er mir gesagt hat, ich spür hin, was ich formuliert hab, vorsichtig oder nach einem Schweigen offen, nach einem Zögern herausgebracht. Ich erinnere seinen Monitor, das blaue Rezept, das rote Formular, sein Nachfragen, als ich eine Mutter-Kind-Kur beantrage. Er fragt mich nach Belastungen, die meine Gesundheit beeinträchtigen, ich bin stockend, aber ich erzähle etwas von mangelnder Selbstfürsorge, er fragt mich nach Ernährung, Sport, ich erinnere mich an meine Geständnisse und seine ernsthaften Feststellungen, mit der Frage, ob er das so festhalten sollte – auf dem Papier – und wie er es auf meine Arbeit bezieht, wie er mich ernst nimmt, so erinnere ich doch ein bisschen seinen Blick, ich bin scheu und so scheu ist mein Verusch, sein Gesicht zu fassen, wenn ich versuche, ihn zu imaginieren. Ich bin auch aufgekratzt, ein bisschen am lachen, wenn ich einzelne helle Momente habe und doch seine Lippenpartie, seine Augenbraue dann erkenne, er scheint mir durch, wenn ich es wieder realer mache. Dass sein Bild so durscheinend ist, heißt doch, dass ich noch nicht ganz ihm begegnet bin oder immer ein Raum insgeheim bleibt, von mir offen gehalten, eigentlich nicht, wenn ich bei ihm bin und ihn konsultiere, sondern zuvor und danach, und das weicht den ganzen Kontakt auf.



Ich habe mich gegen die Kur entschieden, weil ich besser atmen kann, besser schlafen und weil ich, auch nach seiner Frage, wieder geschafft habe, Sport zu machen, ich befinde mich auf einem besseren Weg und wir haben sporadisch etwas gesagt wie halten Sie mich auf dem Laufenden und manchmal will ich vorbei gehen und ihm sagen, dass ich es nicht mehr machen will oder brauche, aber wie will ich es ihm sagen, nachdem ich auch erzählt habe, wie schwer es mit Yann ist, wie, in welchem Ton will ich es ihm sagen. Was nehme ich weg von dem, was war in meinem Leben, was nicht gut lief. Also sage ich es natürlich nicht, irgendwann werde ich wieder einen leichten Infekt haben oder doch ein Antibiotikum brauchen, eine Frage haben, das ist selten, dann will ich es ihm sagen und ich bin auf sein Gesicht gespannt.



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