step down
Erzählung
von minze
Ich gehe sofort schlafen, erst bring ich die Kinder, dann wende ich mich dem Frühstückstisch zu, lege alles bereit für den nächsten Tag. Ich gehe ins Badezimmer. Vor zwei Jahren vielleicht bin ich sorgsamer geworden, langsamer und vorausschauender. Ich versuche, wenn ich daran denke, nicht so vieles zur gleichen Zeit zu machen. Durch meinen Ernst in den Versuchen denke ich immer häufiger daran. Ich prüfe mein Gesicht im Spiegel, sehe mich an, wenn ich die Haare kämm. Es muss damit zusammen hängen, dass ich eine Niveacreme gekauft habe, die ich mir ins Gesicht schmiere. Man findet sie überall, sie riecht schon immer gleich, ich muss mir keine Fragen stellen. Ich entscheide mich für eine Marke Shampoo, für eine Marke Seife, bei der ich bleibe, ich weiche nicht mehr ab, ich entscheide nicht mehr neu, habe die Auswahl getroffen.
Wenn wir gegessen haben, schalte ich das Telefon aus und fang an, den Kopf zu leeren, abschließend für heute. Kein Projekt mehr, ich beweg mich langsam, sammle Kräfte für die Woche.
Seit ich nicht etwas machen will, was passiert, wenn die Kinder schlafen, seit ich's nicht mehr brauche, mein Level sich sanft senkt und ausschleicht, mag ich das Ins-Bettbringen mehr. Wir lesen jetzt interessante Bücher und die Kinder ziehen sich selbst an. Ich lese mit ihnen, manchmal lese ich ein paar Tage nichts sonst, lese, was ich vor zwanzig Jahren selbst gelesen habe. Ich erinnere mich daran, dass ich alleine auf dem Sofa lag, nachmittagelang, und frage mich, warum niemand außer mir in der Familie das Sofa so genutzt hat, meine Eltern hatten noch keinen Computer und trafen wenig Freunde, vielleicht hat meine Mutter doch nebenher ferngesehen und mein Bruder – er war immer draußen.
Nun lesen wir zusammen, Harry Potter, und als ich Amalia, unsere Babysitterin frage, ob sie's auch vorgelesen habe, als sie einmal die Kinder ins Bett bringt, sagt sie, dass nur ich das sollte. Das habe Joscha so bestimmt. Ich freue mich, weil ich so kein Kapitel verpasse. Amalia erzählt, sie haben alle Bände als Familie gelesen, das habe ich eigentlich auch vor, denn ich kam damals nur bis zum fünften Buch. Das meiste der Geschichte habe ich vergessen. Ich glaube, wir werden das schaffen. Diese Abende erstrecken sich warm und voll vor mir aus, für eine lange Zeit, werden es Monate, oder mit Pausen auch ein, zwei Jahre – es wird eine gute Zeit. Vor allem hat Joscha nun ein großes Bett seit Weihnachten und wir haben eine dicke Decke dazu mit, als wir bei meiner Oma waren, so ist dieser Ort noch heimlicher geworden und noch mehr für diesen Zweck gemacht.
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Wenn ich kaum zu mir komme und an den Abenden, wenn, dann Yann anschau, mit ihm spreche, es zulasse, dass er mir sich wiederholende Dinge sagt, aber wenn ich wirklich zu höre, so sagt er auch immer wieder etwas Neues, wenn ich zulass, ihm auch das zu sagen, wovon er nicht viel weiß, dann weiß er auch was zu sagen. Er weiß nicht viel davon, er fasst aber einen Kern und ist sich sicher damit und ich kann mich daran festhalten, auch wenn es nicht die anderen Gespräche ersetzt. Die, die weiter gehen und alles umdrehen.
Ich spreche mit Rita und sie sagt mir, wie ich bin und ich weiß es danach besser. Yann fasst zusammen, was möglich ist und was unverrückbar und ist schnell entschieden, für das erste scheint das gut, ich rede wieder davon, wenn die Sache reifer ist.
Wenn ich kaum zu mir komme, so hat es einen Zweck, weil ich die Basis nähren muss. Dann find ich mich in den Minuten vorm einschlafen und wenn ich langsam wieder in den Winter hinaus laufe, zumindest mal am Sonntag, es reicht vielleicht nicht aus für viel Zeit mit mir, doch kann ich mich doch im Schlaf umarmen. Manchmal, auf der Arbeit, gehören mir dort die ersten zwanzig Minuten nach dem Mailchecken.
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Mit Mara lese ich Geschichten über berühmte Frauen, viel mehr sprechen wir aber am Abend, einmal über unsere Oma, dann den Opa oder andere, sie will mich erzählen hören und dann selbst reden. Schon lange hat sie nicht mehr über den Krieg gesprochen, Alpträume hat sie aber noch.