DAS RÜCKWÄRTSLIED

Roman

von  Drita

Als ich zwölf Jahre alt war, sammelte ich am Waldrand Pilze, die mir wie kleine Regenschirme vorkamen. Dort biss mich eine Schlange in die weiche Stelle meines rechten Beins.

Ich war nicht weit von zu Hause entfernt. So schnell ich konnte, rannte ich los, außer Atem, das Herz in meiner Brust schlagend wie eine Kriegstrommel.

Meine Mutter erschrak nicht.

Sie band mein Bein fest oberhalb der Bissstelle ab und sah mir direkt in die Augen, als suche sie nach etwas, das tiefer lag als der Schmerz.

„Welches Lied hast du zuletzt im Traum gesungen?“, fragte sie.

Es dauerte einige Augenblicke, bis ich mich erinnerte. Die Angst hatte meinen Geist vernebelt.

Dann fiel es mir ein.

„Das Lied von Mrika“, sagte ich mit zitternder Stimme.

„Sing es rückwärts“, sagte sie ruhig.

Und ich begann, es rückwärts zu singen, Wort für Wort, als würde ich einen Traum auseinandernehmen.

„Gut“, sagte sie. „Jetzt wird das Gift der Schlange herauskommen. Dein Bein wird heilen.“

Und es heilte.

Zumindest schien es so.

Auf meiner Haut blieben nur die Spuren ihrer Zähne zurück und die Angst in meinem Inneren, die niemals verschwand.

Jahre später, als der Krieg kam, verstand ich es.

Nicht jedes Gift verlässt den Körper.


Kapitel I


Meine Augen bleiben unter meinem Herzen.

Selbst wenn ich versuche, sie zu senken, sie dem Leben zuzuwenden, dem Licht, verraten sie mich.

Die Sonne blendet mich - nicht wegen ihres Glanzes, sondern aus Angst, in ihr sein Gesicht zu erkennen.

Meinen Mann sehe ich wie einen Schatten, der auf Antworten wartet, die ich nicht habe.

Meine Kinder umarme ich vorsichtig, als wären sie aus Glas, als trügen meine Hände noch immer Gift in sich.

Die Menschen, die ich liebe, sprechen mit mir, doch ihre Stimmen kommen zu mir wie vom Grund eines Brunnens.

Ich höre sie, aber ich kann sie nicht erreichen.

Ich kann nicht.

Direkt in die Augen sehe ich nur den, der mich getötet hat.

Er erscheint nicht immer in derselben Gestalt.

Manchmal wird er so klein wie eine Maus, unsichtbar, die nachts durch meine Beine huscht.

Manchmal verwandelt er sich in ein verwesendes Skelett, mit schwarzen Höhlen anstelle von Augen, die mir den Atem aussaugen.

Und ich bleibe dort zurück, zwischen zwei Welten, ohne zu wissen, ob ich noch lebe oder mich nur daran erinnere, wie es war zu leben.

Oft nehme ich die Waffe in die Hand.

Ich reinige sie sorgfältig, wie ein heiliges Ritual.

Ich lade sie mit Patronen, eine nach der anderen, und zähle dabei jeden Atemzug.

In diesen Augenblicken spüre ich eine trügerische Ruhe, wie vor einem Sturm, von dem ich weiß, dass er kommen wird.

Doch genau dann - wenn mein Finger den Abzug berührt, wenn mein Herz nicht mehr aus Angst schlägt, sondern aus Entschlossenheit – verschwindet er.

Er sinkt in einen schwarzen, zähen Schlamm hinab, aus dem ein schwerer Geruch aufsteigt, ein Geruch von Verwesung und Vergessen.

Und ich ziehe mich zurück.

Immer ziehe ich mich zurück.

Es ist nicht länger die Angst vor ihm.

Es ist die Angst vor dem, was ich werden würde, wenn ich schieße.

Ich gehe langsam, immer langsam.

Jeden Schritt wiege ich ab, als wäre er ein Wort, das nicht ausgesprochen werden darf.

Diese Erde wurde mit Blut gewaschen, und ich fürchte, sie erneut zu verletzen.

Jeder Stein, jeder Grashalm scheint eine Erinnerung zu tragen, einen Namen, einen Schrei, der niemals gehört wurde.

Am Morgen wache ich vor allen anderen auf.

Die Stille dieser Stunden ist die einzige, die mich noch erträgt.

Ungesehen trete ich hinaus.

Gewöhnlich pflanze ich, sobald ich erwache, Nachtblumen - jene Blumen, die in der Dunkelheit erblühen, wie Wunden, die das Licht nicht ertragen.

Ich wähle sie sorgfältig aus, als würde ich meine eigenen Wunden auswählen.

Ich pflanze sie in geraden Reihen, reiße sie wieder heraus und pflanze sie erneut, denn in mir ist nichts mehr gerade.

Meine Hände graben sich in die Erde, und für einen Augenblick habe ich das Gefühl, etwas zu begraben ... oder zu versuchen, es wieder zum Leben zu erwecken.

Ich weiß, dass sie für meine Schmerzen blühen werden.

Doch nicht nur für diese.

Sie werden blühen für das Lachen der Kinder, die noch nicht wissen, was hier geschehen ist.

Für die Alten, die die Last ihrer Erinnerungen schweigend tragen.

Für jene, die niemals zurückkehrten und die vielleicht auf eine seltsame Weise doch noch hier sind.

Vielleicht werden sie eines Tages auch für mein Grab blühen.

Und wenn dieser Tag kommt, wünsche ich mir, dass die Blumen mich nicht als jene erkennen, die die Waffe trug ...

sondern als jene, die Leben in eine Erde pflanzte, die vergessen hatte, wie man atmet.



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