Einsame Ameisen in einem Aschenbecher

Kurzgeschichte zum Thema Begegnung

von  SiebenÄpfel

Im Herbst 1998, kurz nach Anbruch meines ersten Studiensemesters, verbrannte meine Großmutter in ihrer Seniorenresidenz. Nichts blieb von ihr übrig bis auf ein Häufchen verkohlter Gegenstände in einer Ecke des Wohnzimmers: ihr Gebiss, ihr Brillengestell, die Ösen ihrer Lederstiefel und zwei Stricknadeln, die sich wie Schlangen in der Asche ringelten.

 

Es war ein grauer Tag. Angehörige der Toten kletterten über den Schutt wie einsame Ameisen in einem Aschenbecher. Dann und wann schrie jemand auf. Regen fiel langsam auf die Angehörigen, die durch die Trümmer wateten. Zwei Feuerwehrmänner mit bleichgrünen Gesichtern befestigten Absperrband rund um die Ruine. Meine Großmutter war tot. Etwas Schlimmeres als tot, da nichts von ihr übrig war, das als tot hätte bezeichnet werden können. Ich fragte mich besorgt, was aus ihrer besten Freundin Fräulein Klopp werden würde, einer kleinen, zierlichen Frau, deren Spitzmausgesicht eingezwängt zwischen graubraunen Schultern aus der Menge blitzte. Sie starrte auf die Ruine, als wäre ihr das Herz herausgebrannt worden. Als ich auf sie zuging, trippelte sie in ihren winzigen Schnürstiefeln davon. Der Kragen ihres Mantels war hochgeschlagen, auf ihren weißen Dauerwellen glitzerten Regentropfen. Sie bewegte sich, als wären Arme und Beine, Brust und Hals verwundet, als wäre ihr ganzer Körper zerlöchert. 

 

Am folgenden Mittwoch sah ich sie bei der Beerdigung wieder. Vor der Kirche standen sieben Särge. Erst viel später ging mir auf, dass die Särge leer gewesen sein müssen. Die Kirche war voll. Rechts neben mir saß ein Mann mittleren Alters mit glasigen Augen und fummelte an einem lila Gummistück herum. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass es ein Luftballon war. Links neben mir saß eine Frau mit gefalteten Händen und bewegte stumm die Lippen. Frau Klopp saß ganz hinten und hielt den Kopf so tief gesenkt, dass er kaum sichtbar war. Wir fuhren im selben Auto hinter dem Leichenwagen her. Aber als ich sie ansprach, schien sie mich nicht zu hören und hielt den Blick durchs Fenster auf den riesigen Schrottshredder der Recycling-Anlage gerichtet, die unseren Weg säumte. Auf dem Friedhof stand sie dicht neben dem ausgehobenen Grab. Sie wirkte so fahrig mit ihrem vor Kummer zerfallenen Gesicht, dass ich fürchtete, sie könnte hineinfallen. Beim „Staub zu Staub“ wandte sie sich abrupt um und schlüpfte durchs Friedhofstor. Als ich einige Minuten später auf den Parkplatz trat, war sie nirgends zu sehen. 

 

Es war Ende September. Die Tage waren lang und kühl. Nachdem meine Großmutter verbrannt war, machte ich jeden Abend einen Spaziergang. Ich verließ das Haus immer kurz vor Sonnenuntergang und kehrte erst zurück, wenn es vollkommen schwarz war. Jeden Tag ging ich einen anderen Weg, die Platanenallee entlang oder über die vielen kleinen Kanalbrücken, durch verwinkelte Altstadtgassen und auf den knirschenden Kieswegen zwischen den Reihenhausgärten. Ich guckte in Hauseingänge und in Wohnzimmer. Ich schlenderte über die Hinterhöfe, vorbei an den Rückseiten der Restaurants durch die Dampfwolken und das Geschirrklappern, das aus den Küchen drang. 

 

Ich glaube, ich war auf der Suche nach Fräulein Klopp, obgleich ich selten an Orten war, die ältere Damen aufzusuchen pflegen. Doch als ich sie schließlich wiedersah, war mir, als hätte ich die ganze Zeit über nichts anderes gewollt, als sie wiederzusehen. 

 

Nach einem Sturzregen lief ich einen schmuddeligen Weg hinter einem Fischrestaurant entlang. Die Wolken hatten sich gelichtet und gaben klare, schwarze Himmelflecken frei. Ich dachte, ich wäre allein, als ich plötzlich ein Scheppern hörte und sie wiedererkannte. Sie trug einen weißen Arbeitskittel, auf den ein blauer Anker gestickt war, und leerte einen Müllkübel in eine Tonne neben der Hintertür des Restaurants. Sie schüttelte den Kübel, vermutlich um klebengebliebene Reste herauszubekommen. Als ich sie ansprach, schreckte sie auf. Für einen Augenblick stand sie reglos da. Ich glaubte schon, sie wolle antworten. Ihr Gesicht zuckte, ihre Lippen öffneten sich. Aber dann drehte sie sich blitzschnell um und flitzte durch die Hintertür ins Restaurant hinein. Ein paar Müllreste waren auf den Boden gefallen. Ein Fischkopf, Krabbenbeine. Ich fühlte mich fehl am Platz. Ich ging. 

 

Ich blieb immer länger draußen. Ich lief weiter, nachdem alle Menschen nach Hause gegangen waren, die Straßen und Restaurants sich geleert hatten und nichts mehr geöffnet hatte, bis auf ein paar Bars und Kneipen am Kanal. Ich erforschte jeden Winkel der Stadt und fand wenig, das mich anzog: einen Rest Stadtmauer, einen Brunnen, eine Fabrikfassade. Ich kam immer wieder dorthin zurück, um sie bei unterschiedlichem Lichteinfall zu betrachten. Ich wartete darauf, Fräulein Klopp wiederzutreffen, aber ich kam nicht auf die Idee, vor dem Restaurant auf sie zu warten. Als ich ihr folgte, war es beinahe unfreiwillig. 

 

Ich lief die Platanenallee entlang, als ich ihren kleinen, weißgelockten Kopf ein paar Meter vor mir sah. Sie ging langsam und machte kleine, vorsichtige Tritte, als schwankte der Boden. Ich verlangsamte meinen Schritt und folgte ihr, als sie kreuz und quer durch die Altstadt lief, bis wir wieder auf der Platanenallee waren. Ihre Route ergab keinen Sinn. Ich war müde und verwirrt. Dann blieb sie stehen, stand einen Augenblick und rannte dann Richtung Kanal. Ich verlor sie. 

 

Wochen vergingen, bevor ich es wagte, zur Hintertür des Restaurants zu gehen und nach Fräulein Klopp zu fragen. Ein feister Mann um die vierzig, der den gleichen Arbeitskittel trug wie Fräulein Klopp, sagte, dass er sie schon seit Wochen nicht mehr gesehen habe. Sie arbeite jetzt anderswo. Am Tag danach setzte ein Dauerregen ein. Ich wusste nicht mehr, was klares Tageslicht war. Ich hatte die Hoffnung, mit Fräulein Klopp zu sprechen, beinahe aufgegeben. 

 

Eines Abends im Dezember sah ich sie im Regen auf der Platanenallee wieder. Sie lief im Zickzack auf und ab und schlug mit beiden Fäusten in die Luft. Ihre Dauerwellen waren herausgewachsen. Eine Haarsträhne klebte auf ihrer Stirn. Sie stürzte auf zwei Jugendliche zu, die erst erschrocken zurückwichen, es sich dann aber anders überlegten und sie schubsten. Sie stolperte und fiel hin. Als ich auf sie zulief, rappelte sie sich auf und verschwand in einer Seitengasse neben dem alten Kino. 

 

Nach dieser Nacht war ich vollkommen erschöpft. Ich ging nicht mehr so häufig spazieren und wenn ich es tat, nahm ich meine Umgebung nicht mehr wahr. Obwohl ich die Häuserfronten hinaufblickte und in den Himmel, sah ich nur noch gepflasterte Straßen vor mir. 

 

Als Fräulein Klopp starb, war ich da. Es war Sommeranfang. Ich war am frühen Morgen zur Müllhalde am Stadtrand gelaufen. Auf der anderen Seite des Stacheldrahtzauns, zwischen Scherbenhaufen und alten Schuhen, sah ich eine Gruppe von Männern mit Stecken und Flaschen auf etwas eindreschen. Als ich den Zaun erreicht hatte, rannten sie durch den Schutt davon. Ich ging weiter zu Fräulein Klopp. Ein Arm war unter ihren Oberkörper gedreht. In ihrer linken Schläfe klaffte ein Loch. Das weiße Haar war mit Asche bedeckt. Ich sah kein Blut. 

 

Ich rief bei der Polizei an und meldete ihre Ermordung. Als ich nach meinem Namen gefragt wurde, legte ich auf. 


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