Stillleben

Skizze

von  SiebenÄpfel

Ich erwache bei Sonnenaufgang. Ich lasse die Gardinen nachts geöffnet, nur tagsüber, wenn es heiß ist, ziehe ich sie vor die Fenster. Im Bett auf dem Rücken liegend schaue ich in den roten, rosafarbenen, orangenen Himmel. Er sieht an jedem Morgen anders aus. 

 

Ich wohne seit einem Jahr in meiner Wohnung in einem Hochhaus aus den 70er Jahren. Wenn der Lift kaputt ist, muss ich zwölf Stockwerke zu Fuß nach oben gehen. Ich gehe immer im selben Takt und komme nicht aus der Puste. Im Treppenhaus stinkt es nach Rauch und Müll. Letzten Winter wohnte jemand heimlich darin. Das erkannte ich an einer Isomatte und einer Crack-Pfeife, die im dritten Stock auf dem Boden lagen.

 

Ich habe noch immer nicht alles ausgepackt. Es ist meine erste richtige eigene Wohnung. Ich habe jahrelang in Wohngemeinschaften und möblierten Zimmern gewohnt. Es erleichterte mich, keine Entscheidungen über Gegenstände treffen zu müssen: was ich brauche, was ich kaufe und wo ich es hinstelle. Die Erinnerungsstücke an meine Jugend lagerten auf dem Dachboden meiner Mutter. 

 

Im Laufe des Vormittags gurren Tauben auf meinen Balkon. Mein Balkon ist voller Taubenscheiße. Mein Nachbar hat Stacheln auf seiner Balkonbrüstung angebracht, meine Nachbarin kratzt jeden neuen Taubendreck einzeln weg. Letzten Sommer wollte ein Käfer vom Balkon durch mein gekipptes Fenster krabbeln, ich habe es gerade noch rechtzeitig zumachen können. Vielleicht war es eine Kakerlake.

 

Ich habe lange gebraucht, um den Zigarettenrauch aus dem Haus meiner Mutter aus meinen Sachen zu lüften. Ich habe meine Bücher in Mülltüten verpackt in den Gefrierschrank gelegt. 

 

Ich habe keinen Spiegel in meiner Wohnung. Ich kenne meine Haare mittlerweile gut genug, um sie nach Gefühl zu richten. Wenn ich nachts das Licht anmache, um ins Badezimmer zu gehen, habe ich manchmal Angst, auf meinem Boden auf viele vor dem Licht fliehende Käfer zu treffen, so wie ich es mit 17 Jahren in einem Hotelzimmer in Nizza erlebt habe. Das waren Kakerlaken.

 

Letzte Woche blätterte ich meine alten Tagebücher durch und fand mich selten darin wieder. Ich finde meine Stimme auf alten Zetteln wieder, die ich während des Unterrichts mit meinen Freundinnen auf der Bank hin- und herschob. Ich muss nur noch die Papiere sortieren und sie in Mappen einordnen: private Papiere und offizielle Papiere. Rückblickend verstehe ich, dass mich die Jungs in meiner Jugend attraktiv fanden. Aber besser verstehe ich noch immer, wie fremd sich ihr Begehren damals für mich anfühlte. Als hätte es nichts mit mir zu tun.

Draußen höre ich eine Nebelkrähe krächzen. Es gibt viele davon hier in der Gegend. Ich habe mir vorgenommen, mir ihre Freundschaft mit Walnüssen zu erkaufen, sodass sie mich regelmäßig besuchen kommen und die Tauben vertreiben. 
 

Letztes Jahr habe ich über Kleinanzeigen eine alte Obstschale gekauft. Sie gehörte zu einem Nachlass. Ich fuhr eine Stunde durch die Stadt, um diese Obstschale von einem Enkel der Verstorbenen abzuholen. In der Schale fällt das Obst immer zu einem Kunstwerk zusammen, egal wie unachtsam ich es hineinwerfe. Ich schicke meiner Mutter ein Foto und schreibe dazu: seit ich die Obstschale habe, verstehe ich Stillleben. 


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