Committed

Kurzgeschichte

von  SiebenÄpfel

Vor ungefähr acht Jahren sah ich meine Freundin Mira in einem Fenster auf meinem Bildschirm vor mir sitzen. Sie saß bei hellem Sonnenschein im Nachthemd auf dem Sofa im Halbschatten ihrer riesigen Monstera deliciosa in ihrer Wohnung, die in Ocker- und Orangetönen gehalten war, zwischen denen ab und zu ein kräftiges Türkis aufblitzte, und schwitzte und weinte. Es war ein heißer Sommer. Sie saß da wie ein Felsbrocken.

 

Zwar kann ich mich nicht erinnern, worum es in diesem Gespräch ging, aber ich erinnere mich, worum unsere Gespräche in dieser Phase unseres Lebens kreisten. Meine Freundin wünschte sich, Mutter zu werden, und sie wünschte sich den passenden Mann für diese Mutterschaft: einen Mann, der, wie sie auf Englisch sagte, committed sei.

 

Zu dieser Zeit ging meine Freundin Mira einmal wöchentlich in eine Gruppentherapie. Die Therapie fand im Keller eines Gebäudes statt, das sich auf dem Gelände des protestantischen Friedhofs befand. In unseren Videogesprächen erzählte sie mir oft ausführlich von den Sitzungen, aber ohne Namen zu nennen. Sie gab den anderen Bezeichnungen wie: der Angeber, der Kinderarzt, die Künstlerin, die Lesbe. 

 

Im ersten Corona-Sommer lernte meine Freundin Mira über eine Dating-App den US-Amerikaner Alex kennen, der committed war. Er war Raketeningenieur, besaß ein großes Haus in Florida und hatte Diabetes. Ein Jahr führten die beiden jeden Tag Videogespräche miteinander. Im Sommer darauf trafen sie sich das erste Mal auf einer karibischen Insel und verbrachten drei Monate miteinander, um sich im Alltag kennenzulernen. Die riesige Monstera deliciosa ließ Mira zu unserer Freundin Kathrin transportieren, die in einem Dorf an der Nordsee wohnte. 

 

Am Ende des dritten Monats entschieden sich Mira und Alex dafür, zu heiraten. Sie kehrte für ein paar Monate nach Deutschland zurück und organisierte ihren Umzug. Der Therapeut und alle Gruppenmitglieder (bis auf den Kinderarzt) waren gegen die Heirat und den Umzug. Sie fanden die Story zu Hollywood. Ich sah meine Freundin Mira in einem Fenster auf meinem Bildschirm wie einen Felsbrocken vor mir sitzen und weinen und schwitzen. 

 

Die Monstera deliciosa blieb bei unserer Freundin Kathrin an der Nordsee. Es fiel Mira schwer, sich von ihr zu trennen; sie hatte ihrem verstorbenen Vater gehört. 

 

Wenige Wochen nach ihrer erneuten Ankunft in den USA fand die Hochzeit statt. Kathrin und ich und andere Freundinnen, ihre Mutter und ihre Schwester verfolgten die Hochzeit in kleinen Videofenstern auf unseren Bildschirmen. Danach hörte ich viele Monate nichts von Mira.

 

Ein Jahr nach ihrer Übersiedlung in die USA wurde sie schwanger. Nach der Geburt ihrer ersten Tochter Maya telefonierten wir wieder häufiger, aber nicht mehr mit Video. Mira war jetzt meistens damit beschäftigt, Mahlzeiten zuzubereiten oder etwas zu putzen.


Inzwischen war ich in die Stadt gezogen, in der Mira vor ihrem Umzug in die USA gewohnt hatte. Ich begann eine Gruppentherapie bei Miras früherem Therapeuten in der Praxis auf dem protestantischen Friedhof. Zuerst bot er mir einen Platz in Miras alter Gruppe an, aber dann änderte er seine Meinung wieder; ich wurde einer anderen Gruppe zugeteilt. In unseren Telefongesprächen erzählte ich ihr jetzt oft ausführlich von den Sitzungen, aber ohne Namen zu nennen. Ich gab den anderen Bezeichnungen wie: die Alkoholikertochter, der Narzisst, der Historiker, die junge Mutter. Ich mochte den leichten Modergeruch des Kellerraums und seine Lage auf dem Friedhof. Oft kam ich eine halbe Stunde vor Sitzungsbeginn, spazierte zwischen den Gräbern umher und las die Namen der Toten und ihre Geburtsdaten.

 

Mira erzählte wenig von ihrer Beziehung mit Alex und viel von ihrer Tochter Maya und von der Natur, die sie in Florida umgab: den Tomaten in ihrem Garten, einem Schwarm Flamingos, einem Alligator, der neulich aus einem nahegelegenen Fluss gekrochen war. Drei Jahre nach der Übersiedlung brachte sie ihre zweite Tochter Irma zur Welt. 

 

Ich brach die Gruppentherapie nach ein paar Monaten ab. Der Narzisst, der Historiker, die junge Mutter und die Alkoholikertochter dachten über Liebe ganz anders als ich darüber sprechen wollte. 

 

Als Miras Töchter zweieinhalb Jahre und ein halbes Jahr alt waren, kehrte sie mit ihnen nach Deutschland zurück. Zum Einstand brachte ich ihr eine kleine Monstera deliciosa mit. Ihr Mann Alex blieb vorerst in den USA. Wenn ihre Töchter gleichzeitig aus unterschiedlichen Gründen weinen, trägt sie die kleine auf der linken und die große auf der rechten Hüfte. Sie sieht dann wieder aus wie ein Felsbrocken, aber einer der läuft und mit weinenden Wesen behängt ist. 

 

Neun Monate nach Miras Rückkehr kam Alex in Deutschland an. Eine Woche zuvor besuchte ich Mira. Wir saßen gemeinsam mit Maya und Irma und der Monstera deliciosa auf dem Balkon, machten Witze darüber, dass sie noch aufräumen müsse und bespritzten uns mit Wasser. Es ist ein heißer Sommer. Nach ein paar Tagen schrieb ich ihr: „Und, wie ist es?“ Bisher habe ich noch keine Antwort bekommen. 


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