Der Tag, an dem Isai zu sterben begann
Kurzprosa
von Drita
Der Hof war nicht groß. Aber er bot genug Platz, damit eine Ehe in ihm alt werden konnte.
Auf der Ostseite hatte Elma Blumen gepflanzt. Nicht, weil sie eine leidenschaftliche Gärtnerin gewesen wäre, sondern weil sie nackte Erde nicht ertragen konnte. Jeden Frühling setzte sie etwas Neues in die Beete: rote Rosen, weiße Lilien, Nelken, Lavendel. Kaum verwelkte eine Blüte, ersetzte sie sie durch eine andere. Es schien, als glaube sie, dass Leere die schwerste Krankheit der Welt sei.
Die andere Seite des Hofes gehörte Isai. Ein halb zersägter Walnussstamm, ein Handkarren mit nur einem Rad, einige Bretter, die seit Jahren darauf warteten, einmal ein Zaun zu werden. Dazwischen wuchs das Gras in einer Gelassenheit, die niemanden um Erlaubnis bat.
Die Kinder liefen von den Blumen zu den Holzstapeln, ohne zu ahnen, dass sie zwischen zwei verschiedenen Arten zu leben hin und her wechselten. Sie spielten Ball, versteckten sich hinter dem Weinstock, stritten sich, versöhnten sich und lachten laut. Sie wussten nicht, dass Häuser Schreie besser bewahren als Wälder.
Elma und Isai hatten sich in der Schule kennengelernt.
Damals waren die Schulbänke aus Holz und voller eingeritzter Namen, die niemand je entfernte. Anfangs teilten sie sich Bleistifte, dann ihr Brot und später das Schweigen. Ihre Liebe hatte keinen Ort, an dem sie bleiben konnte. Das Dorf betrachtete junge Menschen mit jenem Misstrauen, das denen gilt, die zu nah beieinander gehen.
Sie stiegen hinauf zu den Kiefern.
Dort wusste der Wind zu schweigen.
Der Berg bewahrte ihre Geheimnisse, ohne einen Preis dafür zu verlangen.
An einem späten Sommernachmittag, als die Sonne bereits auf den grünen Baumkronen lag, begriff Elma, dass ihr Körper begonnen hatte, andere Tage zu zählen.
Die Nachricht kam früher als der Mut.
Die Mutter weinte.
Der Vater schwieg.
Die Frauen der Nachbarschaft sahen sie plötzlich mit anderen Augen.
Die Hochzeit wurde hastig gefeiert – mit Musik, gebratenem Fleisch und Lächeln, von denen niemand wusste, wem sie eigentlich gehörten.
Nur der Fotograf schien an diesem Tag glücklich zu sein.
Fotos zeigen niemals die Angst.
Die Ehe zerbrach nicht auf einmal.
Sie löste sich auf.
Wie Kalk im Regen.
Isai war kein schlechter Mensch.
Aber auch kein besonders guter.
Er war mit einer verborgenen Müdigkeit geboren worden. Jede Arbeit erschien ihm größer, als sie war. Für alles fand er einen Grund, es auf morgen zu verschieben.
Fragte man ihn, warum der Zaun noch immer nicht fertig sei, lächelte er.
„Der Zaun läuft ja nicht davon.“
Fragte man ihn, warum die Haustür noch immer nicht gestrichen sei, sagte er:
„Die Tür bleibt schon stehen.“
Und wenn jemand meinte, die Zeit vergehe, antwortete er:
„Auch die Zeit hat keine Eile.“
Die Jahre gingen vorbei.
Nur Elma blieb niemals stehen.
Sie putzte.
Morgens die Treppen.
Dann die Fenster.
Dann das Geschirr.
Den Staub auf den Schränken.
Den Boden.
Die Schwelle.
Den Hof.
Abends wischte sie noch einmal den Tisch ab, an dem längst niemand mehr gegessen hatte.
Manchmal stand sie mitten in der Nacht auf, nur um einen Stuhl geradezurücken, den niemand bewegt hatte.
Die Kinder lachten.
„Mama putzt schon wieder.“
Aber niemand wusste, dass Elma nicht gegen den Staub kämpfte.
Sie kämpfte gegen die Erinnerung.
Sie hatte Angst, dass, wenn sie eines Tages innehielte, die Stimmen jener Frauen zurückkehren würden, die damals die Monate ihres Bauches gezählt hatten.
Diese Frauen lebten längst nicht mehr.
Und doch sprachen sie weiter.
In ihr.
Von Zeit zu Zeit fiel der Name eines Mannes.
Eigentlich nicht einmal ein Name.
Nur eine Erinnerung.
Ein alter Schulkamerad.
Ein Gesicht aus der Jugend.
Ein Mensch, der weit fortgegangen war.
„Ich habe gehört, er ist Professor geworden …“
Oder:
„Jemand sagte, er lebt am Meer …“
Oder:
„Ich frage mich, ob er überhaupt noch lebt …“
Mehr war da nicht.
Und doch spürte Isai, dass diese Sätze länger im Raum blieben, als sie sollten.
Wie der Schatten einer Wolke über einem Feld.
Er fragte nie nach.
Er hatte gelernt, dass manche Antworten einen Menschen schneller töten als jede Frage.
Eines Morgens klagte Isai über Schmerzen.
Nicht im Herzen.
Nicht im Rücken.
Weiter unten.
Elma sagte ihm, er solle zum Arzt gehen.
Er lachte.
„Männer werden eben alt.“
Wochen vergingen.
Dann Monate.
Der Schmerz wurde Teil seines Ganges.
Doch er sagte immer wieder, es werde schon vorbeigehen.
Inzwischen begann Elma, mit ihren Freundinnen darüber zu sprechen.
Nicht aus Bosheit.
Eher aus Erschöpfung.
„Er ist nicht mehr derselbe.“
„Er benimmt sich merkwürdig.“
„Manchmal glaube ich, er verliert den Verstand.“
Die Worte wanderten von Hof zu Hof.
Jeder Mund fügte etwas hinzu.
Als sie zu Elma zurückkehrten, erkannte sie sie selbst nicht mehr.
Zwei Jahre später hatte der Arzt weniger Zeit als die Krankheit.
Der Name war kurz.
Karzinom.
Von diesem Tag an begann Isai mit der Geschwindigkeit angeschnittener Früchte zu altern.
Seine Haut wurde dünn.
Seine Hände glichen Weinreben.
Nur seine Augen blieben dieselben.
Sie waren lediglich ruhiger geworden.
In den Nächten, in denen er nicht schlafen konnte, hörte er Elma durchs Haus gehen.
Sie putzte, obwohl nichts mehr zu putzen war.
Da begriff er, dass der Mensch sich nicht aussucht, wie er seinen Schmerz trägt.
Manche weinen.
Manche schweigen.
Manche putzen.
Eines Abends, als der Wind die Äste des Pflaumenbaums gegen das Dach schlug, fragte er sie:
„Warst du jemals glücklich mit mir?“
Elma antwortete nicht sofort.
Sie nahm ein Glas.
Spülte es.
Trocknete es ab.
Stellte es zurück ins Regal.
Dann sagte sie:
„Wir hatten ein gemeinsames Leben.“
Es war nicht die Antwort, auf die er gehofft hatte.
Vielleicht aber die einzige, die sie geben konnte.
In seinen letzten Tagen sprach er kaum noch.
Er blickte in den Hof.
Auf die Blumen.
Das Gras.
Den Weinstock.
Auf die Kinder, längst erwachsen, die kamen und gingen, mit Gesichtern, die bereits selbst müde geworden waren.
Sie glaubten, ihren Vater zu verlieren.
Sie wussten nicht, dass er etwas viel Älteres verlor.
Den Glauben, jemals die erste Liebe eines Menschen gewesen zu sein.
Als er starb, senkte sich eine Stille über das Haus, die anders war als jede andere.
Die Menschen kamen.
Sie setzten sich.
Sie redeten leise.
Sie tranken Kaffee.
Einer sagte, Isai sei ein ruhiger Mann gewesen.
Ein anderer meinte, er sei ein guter Mensch gewesen.
Niemand sagte, dass er einsam gewesen war.
Einsamkeit steht in keinem Nachruf.
Wochen vergingen.
Der Hof blühte wieder.
Die Rosen wussten nicht, wer gestorben war.
Eines Nachmittags blieb eine Nachbarin am Tor stehen.
Sie sah Elma, die mit demselben alten Tuch die Türschwelle putzte.
„Wie geht es dir?“, fragte sie.
Elma richtete sich langsam auf.
Sie sah die Blumen an.
Dann das Haus.
Dann den Himmel.
In ihrem Gesicht lag weder Freude noch Trauer.
Nur die stille Müdigkeit eines Menschen, der eine Last so lange getragen hat, bis er ihr Gewicht nicht mehr spürt.
„Mir geht es gut“, sagte sie.
Nach einer kurzen Pause fügte sie leiser hinzu:
„Sehr gut.“
Die Nachbarin nickte und ging.
Elma blieb allein zurück.
Sie nahm den Besen.
Begann den Hof zu kehren.
Der Wind trug Blätter von Isais Seite hinüber zu ihren Blumen.
Sorgfältig sammelte sie sie ein.
Dann hielt sie inne.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren ließ sie ein einziges gelbes Blatt auf dem Steinweg liegen.
Und ging ins Haus, ohne es mitzunehmen.