Es war einmal ein tiefes Tal, in dem ein finsterer Wald stand. In der Mitte dieses Waldes wuchs eine uralte Zypresse. Sie war nicht einfach nur ein Baum; sie war der Herrscher des Waldes. Ihr Schatten war so gewaltig, dass kein Sonnenstrahl den Boden erreichte, und ihre Wurzeln hatten sich wie eiserne Krallen tief in die Erde gegraben.
Jahrzehnte vergingen. Die Zypresse wurde immer dürrer und schwärzer, ihre Äste ragten wie harte Finger in den Himmel. Sie zwang alle anderen Pflanzen, in ihrem Schatten zu wachsen, und wer versuchte, höher zu wachsen als sie, wurde von den stürmischen Winden, die sie selbst erzeugte, gebrochen. Die Vögel des Waldes sangen keine Lieder mehr, sondern nur noch Lobgesänge auf die Zypresse.
Unter der Erde jedoch, verborgen im Dunkeln, arbeiteten kleine, unsichtbare Pilze und Wurzeln. Sie ernährten sich von dem Reichtum, den die Zypresse an der Oberfläche verlangte.
Dann kam ein Tag, an dem ein plötzlicher, eisiger Blitz aus dem fernen Westen einschlug. Die uralte Zypresse, die so lange als unbezwingbar galt, erzitterte. Ihre harte Rinde riss auf. Sie schwankte – nicht nur Sekunden, sondern Tage lang in der Stille – bis sie schließlich mit einem ohrenbetäubenden Krachen stürzte.
In dem Moment, als der Baum fiel, geschah etwas Seltsames.
Der Schatten verschwand.
Für einen kurzen Augenblick herrschte absolute Stille im Wald. Dann, zum ersten Mal seit über dreißig Jahren, trafen Sonnenstrahlen den Waldboden. Die kleinen Pflanzen, die lange unter dem Schatten gelitten hatten, wussten nicht, ob sie sich über das Licht freuen oder das Ende des Giganten fürchten sollten.
Einige Tiere weinten um den Baum, weil sie nur ihn gekannt hatten. Andere begannen sofort, sich um die Reste des mächtigen Stammes zu streiten, um zu sehen, wer nun die Pilze unter der Erde kontrollieren durfte.
Doch der Wind, der nun frei durch das Tal wehte, brachte ein Flüstern mit sich: Die Zypresse war fort, aber der Boden war nun frei für ein neues Wachstum. Die Ära des Schattens war zu Ende, doch der Wald war nun verwundbar und unruhig, bereit für eine ungewisse Zukunft...