GEFANGENES LICHT
Roman
von Drita
. Es war eine Stille, die meinen Zorn anfachte, und ein Schweigen, das sich wie eine Welle der Verachtung über mich ergoss. Das Blut kochte mir in den Adern, meine Gedanken verfinsterten sich, als mir eine innere Stimme kraftvoll zurief: Warum schweigt sie? Warum hört sie dir nicht zu? Warum nimmt sie nicht einen noch so kleinen Teil der dich erdrückenden Schmerzenslast von dir?
Ich erhob mich auf die Beine, erfasst von einem Sturm von Emotionen, und die Schritte führten mich in die Küche. Die Hände bewegten sich mir wie von einer blinden Kraft gesteuert. Ich ergriff ein Messer und drückte den Griff so fest zusammen, dass mir die Finger zu zittern begannen. Der Verstand sprach mit einer kalten und scharfen Stimme zu mir, gleich wie die Spitze des Messers: Geh und erstich sie! Schneide ihr die Brust auf und gieße diesen Schmerz über sie, der dir jeden Tag das Herz auffrisst!
Das unbeherrschbare Gefühl der Rache hatte sich meiner bemächtigt. Ich wollte, dass sie genau jenen Schmerz spürte, der mich lebendig zerriss. Ich wollte, dass ihr Schweigen gebrochen wurde, ich wollte, dass sie schrie wie ich, ich wollte, dass sie verstand, was eine Seele fühlte, die im Feuer der Sehnsucht und des Schmerzes verbrannte. Für einen Augenblick war ich davon überzeugt, dass sie an allem schuld war, was mir zugestoßen war: an meinen Verlusten, an meiner Einsamkeit und an Dingen, die niemals mehr wiederkehren würden.
Ich stand da, das Messer fest in der Hand haltend, während mein Herz zwischen dem Schmerz und der Dunkelheit zitterte. In diesen Momenten, als ich das Messer in meiner vor Wut und Schmerz zitternden Hand hielt, tauchte mein Verstand in ein Labyrinth von Erinnerungen ein. Plötzlich erinnerte ich mich an Blerta mit ihrer erstickenden Stimme und ihrem angsterfüllten Gesicht, als sie mir zurief: Geh weg! Geh weg! Sie haben dich für tot erklärt …
Es war ein Ruf, der mich stets wie ein Echo verfolgt hatte, wie eine Warnung, welche ich bis heute nicht völlig verstanden hatte. Nun verstand ich sie: Es ging nicht um den Tod meines Körpers, sondern um den Tod meiner Seele, ein Tod, welcher in der Form eines allmählichen, mich innerlich aushöhlenden Verlöschens erfolgte.
Ich erinnerte mich auch an die Ehefrauen unserer Nachbarn: Mimoza, Sevdija und Hana. Ich sah sie immer schweigsam, unterwürfig, mit diesen Blicken, hinter denen sie jene Wunden verbargen, welche sie der Welt nicht zeigen konnten. Sie wurden ständig von ihren Ehemännern geschlagen, manchmal sogar vor den Augen aller, und trotzdem, zum Erstaunen gehorchten sie weiterhin ihren Männern, als wäre es eine völlig natürliche Sache, ein geschriebenes Gesetz ihres Lebens. „Die Frau muss ihrem Mann gehorchen“, sagten sie, indem sie solche Worte wiederholten, die sie ein Leben lang gehört hatten, wie eine steckengebliebene Schallplatte zur Betäubung ihrer Seelen.
Diese Gehorsamkeit erschien mir so unerträglich, dass ich nicht nur eine Wut auf die gewaltausübenden Männer hatte, sondern auch auf jene selbst, die diese Gewalt mit blindem Gehorsam über sich ergehen ließen. Und ich? Machte ich etwa auch das Gleiche? Gehorchte auch ich einem Schmerz, der mich versklavt und dazu gezwungen hatte, eine tiefe Dunkelheit in meinem Innern zu fühlen?
Das Messer in meiner Hand schien zu brennen. Aber nun spürte ich mehr als Rache eine Leere, eine tiefe Ermüdung durch alles: den Schmerz, die Erinnerungen, den Schatten meines Lebens, der mich verfolgte und nicht zu Atem kommen ließ.
Als ich den Messergriff mit einer wilden Kraft zusammendrückte, dass es meinen Arm taub machte, erfasste mich plötzlich eine große Angst. Dieses Gefühl hatte nichts zu tun mit jener unbekannten Frau, die dort drüben schlief, sondern mit mir selbst. Es kam mir vor, als würde etwas in mir sterben, vielleicht ein Stück meiner Seele, das all diese Jahre auf mir gelastet hatte, seitdem ich in der Schweiz angekommen war. Eine solche Kälte durchströmte mich, eine solche finstere Leere dehnte sich in mir aus, dass mir unverzüglich alles klar wurde: die, welche gerade starb, war ich.
Ich fühlte mich, als ob ich aus einem langen Schlaf erwachte und mich von dieser inneren Wut befreite, die mich geblendet hatte. An diesem Punkt wandte sich mein Verstand einem anderen Gefühl zu: der Liebe für Alban. Diese Liebe hatte ich lange bewahrt, wie einen geheimen Schatz, für ganze Jahre, auch als die Zeit und die Umstände alles andere verschlungen hatten. Für einen Augenblick tauchte sein Antlitz wieder klar und lebendig in meiner Erinnerung auf, als ob es mich aus einer anderen Welt riefe. Jenes Gefühl schenkte mir ein Stückchen Wärme, brachte mir ein Teilchen meines Selbst zurück, das ich für immer für verloren gehalten hatte.
Aber zusammen mit dieser Erinnerung tauchte auch plötzlich eine unerklärliche Leere auf. Für eine Weile kam ich mir wie ein Sarg vor, wie eine kalte Kiste, angefüllt mit toten Erinnerungen, mit einer bloß als Schatten gebliebenen Liebe, mit nicht verwirklichten und von den Jahren erstickten Träumen. Jede Erinnerung war irgendwas Vergessenes, Zeugnis dessen, das ich einst gewesen war, und dessen, was ich niemals werden konnte.
Das war nur ein Augenblick, ein kurzer Atemzug Stille, bevor die Finsternis mich wieder bedecken sollte. Ich beugte mich und nahm das Messer in die Hand. Ich drückte den Griff so fest, dass ich ein Stechen in den Fingerspitzen spürte, als wollte es mich daran erinnern, dass ich noch lebendig sei. Alle meine Gedanken wurden von einer einzigen Stimme übertönt: Du musst diese Frau töten! Dieser unumstößliche und unausweichliche Befehl wurde mir zur unerschütterlichen Überzeugung. Ich sagte zu mir selbst: Ich gehe lieber ins Gefängnis, als weiterhin diese unerträgliche Last zu tragen. Die Rache war offensichtlich die einzige Möglichkeit der Selbstbefreiung.
Diese Rache war nicht nur für meinen Bruder, nicht nur für meinen Schmerz, sondern für alles, was mein Volk mitgemacht hatte, für alle Ungerechtigkeiten, die uns von Generation zu Generation widerfahren waren. Jene Frau schien alle Menschen zu repräsentieren, die ihre Augen vor unseren Leiden verschlossen hatten, alle Menschen, die demgegenüber gleichgültig geblieben waren während der ganzen Zeit, als wir langsam verloschen.
Dann brachte mich der Verstand weit weg, in das damalige Kosovo, als alles ein unendlicher Alptraum schien. Das Leben glich dort einem unaufhörlich kochenden Kessel, in den jeder seine Bestandteile hineinwarf, ohne Rezept, ohne Logik. Einige sagten, der Krieg sei unvermeidbar, während einige andere schamlos mit dem jugoslawischen Regime kooperierten, weil sie sich davon irgendeinen kleinen Vorteil erhofften. Es gab auch welche, die wir als Verräter bezeichneten, die die Hoffnung und die Ehre für ein leichteres Leben verkauften, während andere schweigend und unbemerkt verloschen.
Inmitten dieses Chaos hatte ich mit einem ständigen Gefühl der Unsicherheit gelebt, mit einem stechenden Schmerz, der mich nicht frei atmen ließ. Jetzt allerdings, in diesem Augenblick, war jene Last, jene ganze Wut in einer einzigen Handlung konzentriert, einer Entscheidung, die mir die einzige Lösung war. Die Rache war alles, was mir geblieben war, murmelte ich zwischen den Zähnen, während ich spürte, wie sich das Messer immer tiefer in meiner Hand festsetzte, als wäre es eine Fortsetzung meines eigenen Wesens.
Versunken in den Abgrund des Unheils, zwischen finsteren Gedanken, welche mich wie ein dichter Nebel umhüllt hielten, dämmerte mir Albans Antlitz. Ein süßes Beben, einem warmen Strom gleich, aus dem Herzen sprudelnd, überlief meinen ganzen Körper. Einen Moment lang schmolz seine Gegenwart das Eis in mir. Schweißgebadet, von Emotionen verschlungen, welche mich ergriffen und atemlos ließen, hallte in meinem Innern eine mächtige Stimme wider: Du musst noch warten, er kann kommen!
Ich begann zu weinen, aber dieses Mal waren es keine Tränen der Wut oder Verzweiflung, sondern Tränen der Rührung, ein Ausbruch von jahrelang in mir angesammelten Gefühlen. Ich hatte so viel Zeit verbracht, mit meiner Hoffnung und Erinnerung an ihn zu leben. Nichts konnte in mir die Hoffnung auslöschen, dass er eines Tages zur Tür hereinkommen und sich vor mich hinstellen würde. Jeden Tag nach der Arbeit ging ich zur Zugstation und setzte mich auf eine Bank, um zu warten.