Am Kamin

Text

von  Imitologiker

Der Kalif und der Berg der Teppiche
Eine Kaminerzählung im Geiste von Tausendundeiner Nacht
Es wird erzählt, dass ein Kalif einst eine sonderbare Unterhaltung führte. Man sprach über fliegende Teppiche und darüber, dass hundert zusammengenähte Teppiche vielleicht mehr vermöchten als jeder einzelne. Seit jener Nacht fand der Kalif keinen Schlaf mehr.
Am nächsten Morgen befahl er seinem Großwesir: »Kauft Teppiche. Nicht die schönsten – alle! Alte, neue, kleine, große, zerrissene und prächtige. Ich will, dass kein Teppich meines Reiches in fremden Händen bleibt.«
Monate vergingen. Händler wurden reich, ganze Webereien arbeiteten nur noch für den Palast. Alte, verblichene und zerfranste Teppiche wurden plötzlich als Kostbarkeiten gehandelt. Schließlich erhob sich im Hof des Palastes ein gewaltiger Berg aus Teppichen.
Der Kalif führte mich zu diesem Berg. Stolz erzählte er von den Mühen seines Großwesirs und versprach ihm reichen Lohn. Seine Augen glänzten, seine Brust schwoll vor Stolz. »Heute wirst du Zeuge meines Reichtums.«
Er rief den Großwesir. »Stelle hundert Teppiche zusammen!« Der Wesir klatschte in die Hände. Diener liefen herbei, nähten, knoteten und ordneten in Windeseile einen hundertstückigen Teppich. Währenddessen ließ der Kalif Tee reichen. Wir warteten schweigend.
Nach einer Weile erschien der Großwesir ehrerbietig. »Mein Herr, der hundertstückige Teppich ist vollendet. Wir haben nur die besten Nähte verwendet und die vorzüglichsten Teppiche ausgewählt.«
»Gut«, sagte der Kalif. »Nun holt die Karawane mit den kostbarsten Spezereien und Schätzen meines Reiches und stellt sie auf den Teppich.«
Der Großwesir wurde bleich. Die Gehilfen warfen sich in den Staub.
»Welche Karawane, mein Herr?«
»Unsere Karawane!«
Schweiß trat dem Großwesir auf die Stirn. Schließlich sagte er leise: »Mein Herr ... wir haben keine Karawane mehr.«
»Wieso?«
»All Euer Hab und Gut haben wir verbraucht, um die Teppiche zu kaufen.«


Nachtrag aus der Vergleichenden Teppichenzyklopädie


Über den weiteren Verbleib der Teppiche herrscht unter den Teppichhistorikern bis heute keine Einigkeit. Die Winde verwehten später den größten Teil über das ganze Reich, sodass eine systematische Nachprüfung nie mehr möglich war. Die älteste Ausgabe der Vergleichenden Teppichenzyklopädie behauptet dennoch, der Großwesir habe vor dem Ankauf jeden einzelnen Teppich persönlich auf seine Flugtauglichkeit geprüft. Die Schule der Monoteppichisten hält sämtliche Teppiche für flugfähig, während die Polyteppichisten behaupten, nur ihre gemeinsame Anordnung habe fliegen können. Neuere Herausgeber bezweifeln beide Auffassungen, sehen sich jedoch außerstande, sie endgültig zu widerlegen.




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