Teppichwissenschaft

Text

von  Imitologiker

Aus einer Randbemerkung der Vergleichenden Teppichenzyklopädie


Während der Großkalif alle Teppiche seines Reiches aufkaufen ließ, soll sich in einer Seitenstraße Bagdads ein Vorfall ereignet haben, dessen Wahrheitsgehalt bis heute umstritten ist.

Manche Chronisten behaupten sogar, gerade dieser Vorfall habe den späteren Mangel an fliegenden Teppichen erklärt.

Es lebte damals ein kleiner, runzliger Mann, der sich selbst den größten Teppichkenner Bagdads nannte. Seine Gegner verwendeten dafür andere Bezeichnungen.

Da der Handel mit Teppichen streng überwacht wurde, eröffnete er in einer schmalen Seitenstraße ein gemütlich wirkendes »Feinstes Dallelstübchen«. Ein kleines Tischchen, eine Wasserpfeife und ringsum hingen Teppiche. Wer hätte ahnen sollen, dass dies keine bloße Dekoration war?

Eines Tages erschienen die Aufkäufer des Großwesirs. Höflich bat der Großwesir alle Gäste, den Raum zu verlassen. Er wusste, dass die Wachen vor der Tür weit weniger höflich waren.

Der Großwesir hob gerade den ersten Teppich an.

Da begriff der kleine Händler, dass seine berufliche Laufbahn eine unerwartete Wendung nehmen würde.

Er griff nach einem schlichten, beinahe unscheinbaren Teppich. Niemand schenkte ihm Beachtung.

Im nächsten Augenblick war das Fenster offen. Der Teppich stieg lautlos über die Dächer Bagdads. Der kleine Mann drehte sich noch einmal um, zeigte dem verdutzten Großwesir eine lange Nase und verschwand am Horizont.

Anmerkung der Herausgeber

Ob sich dieser Vorfall tatsächlich ereignete, ist unter Teppichhistorikern bis heute umstritten. Als gesichert gilt lediglich, dass sich immer wieder Personen melden, die behaupten, selbst auf jenem Teppich mitgeflogen zu sein. Der jüngste Informant bestand auf Anonymität und unterschrieb seine Aussage lediglich mit dem Namen »Zwerg Nase«.


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