Mein Mann ist ein Trinker

Text

von  Verlo

Sagt die Frau aus der Ukraine, die mit ihren drei Töchtern in den Etagen über meiner Keller-Wohnung wohnt.

Ihr Mann ist in der Ukraine geblieben. Nein, er muß nicht befürchten, gegen Putin kämpfen zu müssen: er ist so krank, daß es lebensgefährlich für andere Soldaten wäre, würden man ihn zum Soldaten machen.

Derzeit wohnt er bei seiner Schwerster. Die stellt Schnaps für ihren Bruder her. Er wird sich wie im Paradis fühlen.


Als ich noch trank, sagte eine Partnerin, es ist ihr unangenehm, daß meine Haut nach Bier riecht.

Ich hatte bereits mehrmals versucht, mit dem Trinken aufzuhören, es aber immer nur einige Zeit durchgehalten. Vielleicht, dachte ich, kann ich es dauerhaft schaffen, wenn sie mich unterstützt.

Wenn zwei etwas wollen, kann sie nichts aufhalten, oder?

Als ich einige Monate keinen Alkohol getrunken hatte und sich abzeichnete, daß ich es länger schaffe, auf Alkohol zu verzichten, sagte sie: Ich fühle mich so überflüssig. Noch nie, habe ich mich so nutzlos gefühlt.

Ich habe keine Rücksicht genommen und weiterhin keinen Alkohol getrunken. Ein Jahr lang. Dann hatte ich einen Rückfall. Sie spielt dabei eine große Rolle.

Danach hatte ich verstanden, daß ich gegensteuern muß, bevor ich überhaupt ahnte, daß ich einen Rückfall bekommen werde.

Seitdem sind über 30 Jahre vergangen, in denen ich keine Alkohol trank.

Außer im Traum. So echt, daß ich nicht weiß, ob ich wirklich getrunken habe oder nur geträumt. 

Ich mußte tatsächlich in der Wohnung nachsehen, ob irgendwo leere Flaschen rumstehen, um sicher zu sein. 

Nein, es ist kein Beweis. Ich könnte die Flaschen entsorgt haben, ohne es zu wissen.


Also, ich glaube, über 30 Jahre keinen Alkohol getrunken zu haben. Wirklich beweisen kann ich es nicht.


Ich kenne nicht nur die Nachbarin, sondern auch ihre Töchter. Bei einer war ich Begleitperson, während sie einen Pkw führte.

Nach wenigen Meter fiel mir auf, daß die Tochter Sachverhalte verstanden hatte, die ich nicht erklärt habe.

Der Mutter habe ich sie mehrmals erklärt, ohne daß das Auswirkungen auf ihre Fahren hat.

Die Tochter ist nach einer Fahrt auf der Straße besser gefahren als ihre Mutter nach ... keine Ahnung, ich habe nicht gezählt, aber es kommen einige zusammen.

Die Tochter ist also nicht nur talentierter, sondern auch intelligenter als ihre Mutter. So ist es sehr wahrscheinlich, daß der Vater deutlich intelligenter als die Mutter ist.

Aber warum trinkt der Vater dann?


Vielleicht um seine Frau auszuhalten? Die ihn vielleicht von sich abhängig gemacht hat, indem sie die Rolle von Mutter und Schwerster übernommen hat.

Ich könnte mich mit seiner Frau darüber unterhalten. Wir verbringen jeden Tag Zeit im Auto, wenn ich sie zur Arbeit fahre und wieder abholen.

Aber bei unangenehmen Fragen versteht sie mich nicht und spricht auch nur Ukrainisch. 


Sie darf nicht ohne Begleitperson einen Pkw führen, weil sie noch keinen Führerschein hat. Neulich stand das Auto nicht vor der Haus. Ich dachte, sie ist mit ihrer Freundin als Begleitperson unterwegs. Zufällig – ich habe Bio-Abfall rausgebracht – sah ich sie, die Nachbarin, das Auto die Einfahrt hochfahren. Im Auto nur einige ihrer minderjährigen Töchter.

Selbstverständlich war sie nur die wenigen Meter vom Dorfplatz hoch zum Haus gefahren. Bis zum Dorfplatz hatte sie eine Begleitperson.


An sich vielleicht nur ein juristisches Problem, wenn man den Führerschein schon viele Jahre hat, aber wegen Geschwindigkeitsüberschreitung für einige Zeit pausieren muß. Kann man jedoch nicht fahren, ist es sehr gefährlich. Gerade hier hin Norwegen.


Norwegen war gut zu mir, und ich dachte, gib es weiter an die Familie aus der Ukraine.

Also war ich für die Frau Begleitperson und habe sie zur Arbeit gefahren und wieder abgeholt, weil ihre Kollegin, die es sonst macht, im Urlaub ist.

Außerdem haben wir die Fahrt zur Arbeit mit Fahrstunden verbunden, denn nach Anderthalb- oder Doppel-Schicht noch einmal aufzubrechen, muß nicht sein. Schon gar nicht für mich, der ich schon genug habe, wenn ich sie zur Arbeit fahre und wieder abholen.


Ist ja eigentlich logisch: irgendwann wird sie die Strecke allein fahren, also warum nicht dieselbe Strecke üben.


Leider scheinen wir ihr Fahrkönnen verschieden einzuschätzen. Ich sah sie schon von der Straße abkommen und in einen Graben lande und erlaubte mir ein "Ohhh, ohhh". Sie quittierte es mit einem freundlichen "Keinen Streß".

Ich sagte nur, sag das nicht zu einem Fahrprüfer, der könnte die Prüfung beenden, bevor sie fertig ist.

Dann schwieg ich.

Und dachte: sie ist eine ukrainische Frau mit insgesamt fünf Kindern, sie arbeitet viel und hart, verkraftet außerdem einen alkoholsüchtigen Mann, der nichts für Kinder und Frau bezahlt – sie weiß, was sie tut.

Außerdem ist es das beste Training für einen Autodidakten, wenn er so viel wie möglich allein macht. Ich bin im Grunde nur da, falls die Polizei wissen will, ob alles mit rechten Dingen zugeht.

Ja, sie darf mit Begleitperson einen Pkw führen, und ich bin die Begleitperson. Ich bin älter als 25 und haben länger als fünf Jahre den Führerschein der Klasse, in der die Fahrerin die Prüfung ablegen möchte.

Eigentlich hätten wir das so lange machen könne, bis die Freundin aus dem Urlaub zurück ist. Dann hätte die selbstbewußte Ukrainerin so viele Übungsstunden unter realen Bedingungen, daß sie ohne Probleme die praktische Prüfung bestehen wird.

Aber ... Vielleicht glaubt sie, daß sie mit mir umgehen kann wie mit ihrem Mann. Sie macht, was sie für richtig hält, und er spült den Ärger mit Alkohol runter.

Heute nach einer Anderthalb-Schicht ... Sie hätte nicht fahren müssen. Sie weiß, daß sie nicht fahren muß, wenn sie sich nicht entsprechend fühlt.

Hat sie den Führerschein und will nach Hause, muß sie fahren. Aber jetzt nicht. Ich kann das Auto mit ihr auf dem Beifahrersitz nach Hause fahren. Sie kann morgen früh wieder üben, indem sie zur Arbeit fährt.

Da sind wir fast immer allein auf der Straße, sie ist ausgeschlafen.

Irgendwann hat sie so viel Erfahrung und Routine, daß sie auch nach einer langen Schicht nach Hause fahren kann.

Gut, sie lachte, sagte: nein, ich kann fahren, alles gut.

Als sie vom Parkplatz fuhr, spürte ich, daß nicht so entspannt ist wie am Morgen: sie war zu schnell, schaute nur flüchtig.

Als sie auf die Hauptstraße abbog, hielt sie nicht, obwohl die Stelle gefährlich ist, weil man Autos zu spät sieht, wenn zu schnell fahren.

Ich halte an der Linie, ist frei, fahre ich zügig auf die Hautstraße. Sie entscheidet Meter vor der Linie, ich fahre. Allerdings braucht sie sehr viel Zeit, hat Probleme die verschiedenen Handlungen zu koordinieren.

Der Weg nach Hause ist 31 Kilometer lang.

Auf der Hälfte – bis dahin hatte ich nicht gesprochen – sagte ich: Selbstverständlich, wenn du nicht mehr kann, fahre ich den Rest.

Sie reagierte nicht.

Hast du verstanden, was ich meine?

Ich habe nur bißchen verstanden.

Ich spürte, wie ich mich aufregte. Ich bin ein Bluthochdruck-Patient. Zum Glück hatte ich meine Tablette vor der Fahrt genommen. Sie war in der Nähe des Wirkmaximus. Mehr konnte ich nicht erwarten.

Ich schwieg. 

Genoß auf der anderen Seite des Fjords die von Nebelschwaden umschwebten Berge, sah zum 300 Meter langen Kreuzfahrtschiff, das zum Meer fuhr. Danke, Norge, daß du mich aufgenommen hast. – Es ist nicht mehr weit bis nach Hause. Das schaffen wir auch noch.

Die Straße war gerade und breit. Sie fuhr nicht mehr fünfzig. Sie fuhr vierzig. Auf einmal bremste sie.

Warum bremst du?

Nur etwas.

Meiner Stimme hörte man an, daß ich die Schnauze gestrichen voll hatte: Wenn du nicht fahren kannst, fahre ich. Kein Problem. Aber wenn du fahren kannst, dann fahre.

Sie nahm das Bein gemütlich von der Bremse, stellte es auf das Gaspedal und gab sanft Gas. 

Wir fuhren wieder 40. Ich sah wieder aus dem Seitenfenster.

Ein Dorf vor zu Hause fuhr sie rechts auf einen Platz. Ich dachte, sie will, daß ich die letzten acht Kilometer fahre.

Sie sagte etwas auf Ukrainisch. Autos fuhren an uns vorbei. Sie blinke, fuhr auf die Straße und weiter nach Hause.

Die sehr schmalen Stellen meisterte sie. Allerdings hatten wir keinen Gegenverkehr.

Im Dorf sagte ich, sie soll tanken fahren.

Sie fragte, wo?

Das Dorf hat nur eine Tankstelle. Vor einigen Tagen hat sie dort getankt. Ich weiß es. Ich saß im Auto.

An der Tankstelle – ich blieb im Auto – rief sie mich. Ich verstand nicht, was sie wollte. Ich stieg aus. 

Ich sollte den Wagen etwas vorfahren, weil der Schlauch der Tankpistole zu kurz war.

Ich zog am Schlauch. Er wurde länger. Sie tankte. Ich stieg in den Wagen.

Von der Tankstelle vor sie sehr vorsichtig weg. Das war gut. Denn geradeaus fährt man direkt in den Fjord. 

Dafür hat sie an der Straße keine Zeit gehabt. Sie fuhr auf die linke Seite und stand schräg, konnte noch weniger sehen, ob von rechts ein Fahrzeug kommt. Na ja, ist nur eine Seitenstraße, und um diese Zeit fährt kein Bauer mehr zu schnell mit seinem Traktor.

An der Hauptstraße hielt sie nicht, sondern schwang den Wagen flott nach rechts.

Der letzte Abschnitt. Eine kleine Serpentine. Schmal. Auch die zwei Brücken. Wir hatten keinen Gegenverkehr.

Also kein Problem, daß sie nur vor das Auto starrte, nicht hin und wieder nach oben in die Kurve ...

Ich wollte mit mir über die Fahrt sprechen. Sie ließ mich stehen.

Ich rief sie.

Sie dreht sich um, sagte etwas auf Ukrainisch. Ihrem Gesichtsausdruck nach war es sowas wie: Leck mich am Arsch.

Ich sagte – ruhig, vermutlich hatte ich mich entschieden, das war ihre letzte Chance: du weißt, ich muß das nicht machen, ich muß dich nicht zur Arbeit fahren, ich muß nicht mit dir trainieren.

Sie machte einen Laut, den es weder im Deutschen noch im Norwegischen gibt, der für unsere Ohren eine Art Jaulen, Heulen ist, man kennt ihn auch von Polen, er bedeutete: nerv mich nicht, ich weiß auch nicht, laß mich in Ruhe.

Ich sah ihr in die Augen, sagte ich ihren Vornamen. Im Grunde bat ich sie, sich abzuregen, cool zu bleiben. Immerhin war nichts passiert. Sie hat sich übernommen. Sie hat mich genervt. Kein Problem. Ich überlasse ihr nach der Arbeit nicht mehr die Entscheidung, sondern fahre den Wagen zurück. 

Sie drehte sich um und ging.

Ich rief ihr hinterher: ich fahre dich morgen nicht zur Arbeit. Und ging zu meiner Wohnung. Öffnete die Tür. Trat ein. Schloß die Tür. 

Nahm mein Telefon. Löschte WhatsApp, über das wir kommunizieren. Schaltete das Telefon aus.

Ging in die Küche, trank einen Schluß Tee.

Zog mich aus und um. Ging an den Computer und schrieb diese kleine Geschichte.


Wie sie weitergeht, weiß ich nicht.

Ich habe mich nicht wirklich aufgeregt. Mußte keine zusätzliche Tablette nehmen.

Mein Blutdruck ist ... etwas höher. Na ja, ich sitze seit über zwei Stunden am Computer und schreibe etwas, was vorher noch nicht im meinem Kopf geschrieben war.


Wie es weitergeht? Ich weiß es nicht.

Sicher ist nur: wenn sie mit mir kämpfen will, wird sie verlieren.


Nein, jetzt überschätzt sich Verlo gewaltig. 

Tatsächlich ist es ungefähr so wie im Krieg zwischen der Ukraine und Rußland: der junge starke gesunde Selenski wird den alten schwachen kranken Putin auf jeden Fall besiegen.

Oder: gegen eine junge ukrainische Frau hat ein alter deutscher Mann keine Chance.




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