Kreise
Kurzgeschichte zum Thema Abschied
von HerrSonnenschein
Als die erste Rose verblühte, bemerkte Clara es nicht.
Sie war an diesem Morgen zu spät aufgestanden. Das Fenster im Schlafzimmer stand einen Spalt offen, und von draußen drang der Geruch nasser Erde herein. Irgendwo in der Nachbarschaft schlug eine Tür. Ein Auto fuhr über das Kopfsteinpflaster. Das gewöhnliche Geräusch eines gewöhnlichen Tages.
Clara zog den Vorhang zurück.
Der Himmel war grau.
Nicht das freundliche Grau eines Regens, der bald vorüber sein würde. Es war ein müdes Grau, schwer und tief, als hätte jemand die Farbe aus der Welt gewaschen.
Im Garten standen die Rosen.
Eine letzte blühte noch, dunkelrot, beinahe schwarz im matten Morgenlicht. Clara ging hinaus und blieb vor ihr stehen. Auf den Blättern lagen Tropfen. Einer löste sich, glitt langsam am Stängel hinab und verschwand in der Erde.
„Du bist auch noch da“, sagte Clara.
Sie wusste nicht, ob sie die Rose oder sich selbst meinte.
Am nächsten Tag zogen die Zugvögel fort.
Sie hatte sie noch einmal gehört , bevor sie sie ein letztes Mal sah. Ein fernes Rufen über den Dächern, dann hob Clara den Kopf und entdeckte die Formation hoch oben am Himmel. Eine dunkle Linie bewegte sich nach Süden.
Sie blieb mitten auf dem Gehweg stehen.
Menschen gingen an ihr vorbei, mit Taschen, Einkaufskörben, gesenkten Köpfen. Niemand schien Zeit zu haben, nach oben zu schauen.
Clara sah den Vögeln nach, bis sie nur noch kleine Punkte waren.
Dann verschwanden sie.
So war es immer gewesen.
Alles, was blieb, ging irgendwann.
Sie ging weiter zum Café am Marktplatz. Dort hatte sie früher jeden Donnerstag mit Jonas gesessen. Immer am Fenster, immer zwei Milchkaffee, immer derselbe Tisch.
Jetzt war der Tisch frei.
Clara setzte sich.
„Wie immer?“, fragte der Kellner.
Sie nickte.
Als er den Kaffee brachte, stellte er die zweite Tasse aus Gewohnheit ebenfalls auf den Tisch.
Einen Moment lang sagte keiner etwas.
Dann nahm der Kellner die Tasse wieder weg.
„Entschuldigung.“
„Schon gut.“
Clara sah ihm nach.
Draußen strich Wind durch die Bäume. Die Blätter tanzten über den Platz, kreisten umeinander und verschwanden unter den parkenden Autos.
Kreise, dachte sie.
Alles kam zurück.
Nur Jonas nicht.
Sie hatte lange geglaubt, Trauer sei ein Ereignis.
Ein Tag, an dem jemand ging.
Ein Anruf.
Ein Krankenhausflur.
Eine Tür, die sich schloss.
Sie hatte geglaubt, danach würde die Welt für eine Weile stillstehen und irgendwann wieder anfangen.
Aber die Welt stand nicht still.
Sie lief weiter.
Die Supermärkte öffneten morgens um sieben. Die Busse kamen zu spät. Kinder gingen zur Schule. Menschen verliebten sich, stritten sich, kauften Schuhe und planten Urlaube.
Nur Clara war irgendwo zwischen zwei Tagen stehen geblieben.
Nun, im Herbst, merkte sie langsam, dass auch das vorüberging.
Nicht der Schmerz.
Aber etwas in ihr veränderte sich.
Plötzlich wusste sie, was zu tun war.
Sie zahlte, stand auf und ging zielstrebig nach Hause.
Dort angekommen, begann sie, alle Fenster zu schließen und die Jalousien herunter zu lassen.
Zuerst die im Wohnzimmer, dann die in der Küche.
Und zuletzt das im Schlafzimmer.
Sie räumte die Sommerkleidung in Kartons und legte die dicken Pullover in den Schrank. Sie stellte Kerzen auf die Fensterbank.
Im Keller fand sie eine alte Kiste mit Holzscheiten.
Jonas hatte sie im vergangenen Winter geschichtet.
„Für später“, hatte er gesagt.
Clara setzte sich auf den Kellerboden.
Ihre Finger glitten über die dunklen Holzstücke.
Für später.
Es waren nur zwei Worte.
Und doch fühlten sie sich an wie ein Brief aus einer Zeit, in der die Zukunft noch selbstverständlich gewesen war.
Sie nahm einen Scheit mit nach oben.
Am Abend machte sie zum ersten Mal seit Monaten den Kamin an.
Die Flammen waren klein.
Aber sie waren da.
Clara saß davor und sah ihnen zu.
Sie wusste nicht, ob das Leben so funktionierte.
Ob man einfach Holz ins Feuer legen konnte und irgendwann wieder Wärme empfand.
Sie wusste nur, dass sie fror.
Also blieb sie sitzen.
Der erste Frost kam in einer Nacht Ende November.
Am Morgen war der Garten weiß überzogen.
Clara trat hinaus und hörte das leise Knirschen unter ihren Schuhen.
Die Rosen waren verschwunden.
Nur trockene Stängel standen noch zwischen den gefrorenen Blättern.
Sie dachte an den letzten Sommer.
An Jonas, wie er mit schmutzigen Händen neben ihr gekniet hatte.
„Die muss man im Herbst zurückschneiden“, hatte er gesagt.
„Warum?“
„Damit sie im Frühjahr wiederkommen.“
„Und wenn sie nicht wiederkommen?“
Jonas hatte sie angesehen und gelächelt.
„Dann pflanzen wir neue.“
Damals hatte sie gelacht.
Jetzt musste sie weinen.
Nicht lange.
Nur ein paar Tränen, die sofort kalt auf ihren Wangen wurden.
Sie ließ sie zu.
Dann nahm sie die Gartenschere.
Im Dezember fiel der erste Schnee.
Er kam nachts.
Clara wachte auf, weil der Raum heller war als gewöhnlich. Sie ging zum Fenster und sah hinaus.
Die Stadt hatte sich verändert.
Autos, Dächer, Bäume, Straßenlaternen — alles war stiller geworden. Der Schnee hatte die Geräusche verschluckt und die Kanten der Welt weich gemacht.
Clara kochte Wasser.
Sie nahm die alte blaue Tasse aus dem Schrank. Die mit dem kleinen Sprung am Rand.
Jonas hatte sie nie gemocht.
„Die ist kaputt“, hatte er gesagt.
„Nein“, hatte Clara geantwortet. „Die ist nur benutzt.“
Nun saß sie allein am Fenster und hielt die Tasse mit beiden Händen.
Dampf stieg auf.
Draußen fiel Schnee.
Eine Flocke landete auf der Scheibe und schmolz langsam.
Clara legte die Stirn gegen das kalte Glas.
Sie dachte an das vergangene Jahr.
An den Anfang.
An den Sommer.
An den letzten gemeinsamen Spaziergang.
An die Tage danach.
An all die Türen und Fenster, die sie geschlossen hatte.
Und plötzlich verstand sie, dass geschlossene Türen und Fenster nicht immer Gefängnisse waren.
Manchmal waren sie Schutz.
Manchmal bedeuteten sie nur, dass hinter ihnen etwas zu Ende gegangen war.
Und manchmal musste man eine Tür schließen, damit man den Mut fand, eine andere zu öffnen.
Clara stand auf.
Sie ging in den Flur.
Dort hing Jonas’ Mantel noch immer.
Monatelang hatte sie ihn nicht angerührt.
Jetzt nahm sie ihn vom Haken.
Sie strich über den Stoff.
Dann öffnete sie die Wohnungstür.
Einen Augenblick blieb sie stehen.
Die kalte Luft drang herein.
Clara atmete tief ein.
„Ich komme zurecht“, sagte sie.
Nicht zu Jonas.
Nicht zu jemandem.
Vielleicht zu sich selbst.
Dann ging sie hinaus.
Am nächsten Morgen stellte sie im Garten einen kleinen Topf auf die Fensterbank.
Darin lag ein Rosenzweig, den sie im Herbst geschnitten hatte.
Es sah nicht nach viel aus.
Ein kahler Stängel.
Trockene Erde.
Keine Blüte.
Kein Zeichen von Leben.
Clara goss ihn trotzdem.
Dann stellte sie ihre frisch gekochte Tasse Tee auf den Tisch und setzte sich daneben.
Der Winter lag über der Stadt.
Das Jahr ging zu Ende.
Leise.
Fast unmerklich.
Aber irgendwo unter der gefrorenen Erde warteten Wurzeln.
Und während Clara zum ersten Mal seit langer Zeit nicht zurückblickte, sondern nach vorn, wusste sie:
Nicht alles, was endet, ist verloren.
Manches muss nur schlafen.
Bis seine Zeit wiederkommt.