Do you remember Hannoveraner Punker-Kartei?

Flugblatt zum Thema Bundesländer

von  Koreapeitsche

Die Punker-Datei, der Alptraum aller Punks, vereinzelt auch Punker-Kartei genannt, wurde circa 1982 in der Landeshauptstadt von Sachsen-Nieder ins Leben gerufen. Es war der verzweifelte Versuch der gealterten NS-Eliten, die vielerorts aufflammende Punkszene einzudämmen, zurückzudrängen und den Vormarsch öffentlichen Komasaufens Herr zu werden. Ergo wurden Punx, Pseudos und punkähnliche Gestalten von der Polizei Sachsen-Nieder auf bis dato ungeklärte Weise datentechnisch erfasst, identifiziert, getaggt und katalogisiert. Datenschutz existierte zu der Zeit lediglich als ein unausgereiftes Gesetzeskonstrukt.

      Selbst über 40 Jahre nach Inkrafttreten der Punker-Erfassung in der hannoveraner Punker-Datei ist immer noch nicht zweifelsfrei geklärt, wie die Exekutive bei der Identifizierung der Punkrockszene im Detail vorging, ob die Erkennung mittels Spitzel und Fotos bzw. Videoaufnahmen erfolgte oder wie auch immer.

Wie konnten die Altnazi-Schergen im hannoveraner Innenministerium die Gesetzgebung und den Datenschutz dermaßen kühn zurechtbiegen, um die Punks auszuspitzeln und vor vollendete Tatsachen zu stellen?

      Die Existenz der Punk-Datei wurde zunächst geheim gehalten. Sie flog erst auf, als ein ehrlicher Polizist eine Liste mit Klarnamen von Punks and die Taz weiterreichte, die darüber berichtete.

      Es wurde nicht bekanntgegeben, welche Daten über die Punks erfasst wurden, ob es pro Punk sogar mehrere Fotos waren, Fotos von ED-Behandlungen, heimlich geschossene Fotos von Punkertreffen, heimlich erstellte Aufnahmen, ohnmächtige Punks oder sogar zweckentfremdete Privatfotos.

Wurden auch Lebenslaufdaten verwendet?

      Die Punkszene hatte nur wenige Optionen, dieser Massenüberwachung einer Jugendkultur etwas entgegenzusetzen. Punks konnten Ratsverhandlungen sprengen oder Hauseingänge blockieren, um auf die Punker-Kartei aufmerksam zu machen. Punks konnten in ihren Punk-zines über diese Ungerechtigkeit berichten oder sie konnten einen Songtext darüber schreiben, was für die Thematik sensibilisieren konnte, wie die Punkband Boskops mit dem Song „Punkkartei“.

      Wie es sich für eine musikbasierte Jugendkultur gehört, protestierten die Punx schlussendlich mit dem Organisieren von Punkkonzerten im Rahmen eines großen Punktreffens, das unter der Bezeichnung „Hannoveraner Chaostage“ in die Geschichtsbücher einging.

Der Begriff „Chaostage“ wird selbst heute gern synonym verwendet, wenn in Politik und Gesellschaft etwas aus dem Ruder läuft und temporär chaotische Zustände herrschen.

      Dennoch sollte heutigen Generationen der Begriff Chaostage erklärt werden, wo er herstammt und was zu diesem Kuriosum geführt hat, denn sie wissen nicht, was die Chaostage waren, nämlich eine Protestveranstaltung gegen die Punker-Datei und das verbohrte Altnazi-Establishment. Die Chaostage waren ein Schrei nach Liebe, ein Schrei nach Punkrock.

      Fortan wurde der Protest gegen die Punker-Kartei jährlich zelebriert mit viel Gegengegenwehr durch die Polizei, bis die Cops die Eventreihe von Jahr zu Jahr immer weiter zur Eskalation brachten, um die Punkrocker zu diskreditieren, um ihrerseits erst eine Legitimation für die monströse Punker-Kartei zu schaffen. Doch das internationale Punkrockertum wollte sich nicht geschlagen geben und antwortete mit viel Kreativität und einer ernstzunehmenden Punkrockrevolution in allen Städten.

      Die Hirngespinste der Polizei gingen sogar so weit, dass Schüler und Kinder in der Punker-Kartei landeten mit der Begründung, dass das ja die Terroristen von Morgen seien, quasi die Brigitte Mohnhaupt und der Holger Meins von Morgen. All das, obwohl bis dato keine Straftaten im physikalischen Sinne vorgefallen waren. Denn Punk sein ist keine Straftat, auch wenn manche Altnazis das nicht wahrhaben wollten, die zu der Zeit teils immer noch Begriffe aus der NS-Zeit importierten.

      Die Technik war damals noch nicht so weit vorangeschritten, dass die Cops den Punkrockern auf Knopfdruck unterschiedliche Haarschnitte und Haarfarben zuordnen konnte, oder ihnen andere Jacken überstreifen konnte wie bei einer vierschichtigen Blätterfolie. Grundsätzlich war das analog zwar möglich, aber das sah so dilettantisch aus, dass die Punkrocker, wenn man ihnen plötzlich einen anderen Iro aufsetzte, eckige Köpfe hatten, oder wenn die Körperproportionen einfach nicht mehr stimmten.

      Eine weitere Frage lautet, ob ein erfasster Punk jemals wieder aus der Punker-Datei herauskommen kann, und ob Hannoverurlauber mit Nietenjacken und Punkfrisuren ebenfalls erfasst wurden. Und was geschah mit den Faschingspunks, die einmalig als Punkrocker den Fasching begangen?

      Das war lange bevor Biometrie und Face-Erkennung die Gemüter erregten, dazu Profiling, Bewegungsprofile, Lagebildabfragen, Sprechererkennung, Echtzeit-Massenüberwachung, Fingerprinting und Datenverknüfung. Dennoch war die Trickkiste der Cops in den 80ern nicht zu unterschätzen und galt als Grundstein moderner Massenüberwachung inklusive Rasterfahndung, Ringfahndung, Wanzen und Lauschangriff. Diese Trickkiste war vergleichsweise frei von technischen Gimmicks und deshalb vielleicht sogar von Perfektionsgrad und Bösartigkeit unerreichbar.

      Bald sprach sich im ganzen Land herum, nicht nur bei den Punks, dass in Hannover eine Punker-Kartei existiert. Und viele bekamen Angst, dass eine solche Kartei nicht nur in Hannover existierte, sondern vielleicht sogar in ihrer Stadt oder sogar bundesweit in allen 11 Bundesländern. Deshalb war die Solidarität zu den erfassten hannoveraner Punks sehr groß. Es war die erste große Verdachtskartei, in der präventiv alle Zugehörigen der „Kategorie Punk“ im Steckbrief-Style erfasst wurden, ob sie eine Straftat begangen hatten oder auch nicht. Sogar Mädchen waren dabei.

      Heutzutage freuen sich die Cops, wenn sie vereinzelte Punx auf der Straße sehen, denn es sind nur Punx und keine Bösewichte. Auf der anderen Seite gab es sie wirklich, die Punks, die den Staat zerschlagen wollten, die jedoch zumeist besoffen oder auf Drogen und deshalb handlungsunfähig waren. Es gab sogar Kinder in Punkszene, die die älteren Punks aufstachelten. Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Christian Klar vielen Punx als Vorbild galt.

      Die Einführung der Punker-Datei war ein abgekartetes Spiel, da die Cops wussten, dass sie die Punks auf diese Weise erst richtig aufstacheln konnten. Schon das Wort „Punker“ statt Punk oder Punkrocker war Provokation genug. Dabei hätten die Schergen wissen müssen, dass sich bei Punks die Frisur und Haarfarbe schneller ändern als die Dienstgrade der Cops. Darüber hinaus setzte zu der Zeit der Trend ein, dass einige Punks zu Skinheads mutierten, was den Wiedererkennungseffekt weiter reduzierte, zumal vermutlich Doppelprofile angelegt wurden, sowohl in der Skinhead-Datei als auch in der Punker-Datei.

      Die Cops waren damals schon der Überzeugung, dass sie mit Punk-Kartei, Rasterfahndung und Wanzen jene Instrumente besaßen, um die Kriminalität ein für alle Mal auszumerzen. Die Punker-Datei entsprang einer schmutzigen Polizeifantasie, den totalen Polizeistaat zu errichten, bei dem auf Knopfdruck der Täter präsentiert wird, ein Staat, in dem kein Platz für Punkrock war. Wie hoch der Frauenanteil in der Hannoveraner Punker-Kartei war, wurde nie publik, ob auch Art und Form der Tätowierungen und Anzahl der Piercings erfasst wurden und Details aus dem Sexualleben der Punk-Girls einflossen. Zu ersten Indizierungen von Platten war es bereits gekommen: die erste Slime-LP „Slime“, die Ärzte-EP „ab 18“, Buttocks-EP „vom Derbsten“, sowie der Sampler „Soundtracks zum Untergang 1“.

      Es ging auf Seiten der Cops primär darum, mit der Punker-Datei zu provozieren, Unruhe zu stiften und einzuschüchtern. Das war im Prinzip die einzige Aufgabe. Und heutzutage ist es mit modernen KI-gesteuerten Polizeimethoden genauso. Sie sollen abschrecken, Kriminelle provozieren und eine absolute Sicherheit suggerieren, was eine Illusion ist. Ein Polizist, der denkt, dass eine Schergen-KI auf Knopfdruck einen Täter serviert, ist ein Idiot.



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