Wir stürmen eine Faschoparty (3)

Kurzgeschichte zum Thema Gewalt

von  Koreapeitsche

Auf die Leute wirkte es eher, als wollte ich sie bekehren und vom Faschotum befreien. Schlussendlich waren es mindestens drei Faschopartys, die wir nacheinander innerhalb weniger Wochen stürmten. Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass in unserem 10000-Seelen-Stadtteil mit hoher Migrantenquote wieder eine Faschoparty lief. Es war ein Freitagabend. Wir drangen zu zweit in die Wohnung im Grüffkamp ein. Mein Kompagnon war 1,95 m groß und vermochte bereits wegen seiner Größe und seiner Entschlossenheit einzuschüchtern. Der Kompagnon war ein intelligenter Mensch und ein kleines Schachgenie, der fast jede Partie gewann. Sein Lieblingsbuch war „Die Schachnovelle“ von Stefan Zweig, das er mir sogar auslieh. Aus Bundeswehrzeiten hatte er ein altes 90-Minuten-Punk-Tape, fast ausschließlich mit deutschen Bands. Wir hörten uns das Tape gemeinsam an und soffen dazu einen. Sein Lieblingssong auf dem Tape hieß „Tot geboren“ von der Band Canal Terror aus Bonn. Am Ende des Songs spielte er mehrmals das Tape zurück und bat mich, auf den Text zu achten. Beim Refrain „Tot geboren, tot geboren, tot geboren, für immer verloren“ schrie er laut mit und schüttelte dazu seinen Oberkörper, während er auf einem Stuhl saß, als hätte er einen Anfall. „Tot geboren, tot geboren, von Anfang an verloren“. Er freute sich tierisch. Es war nicht die Version vom "Soundtracks zum Untergang" Sampler, sondern eine härtere Version vom Demo-Tape.

Jetzt drangen wir zu zweit in die Wohnung ein, in der vier Heimkinder wohnten, die rechtsradikal waren. Als wir in deren Aufenthaltsraum eindrangen, sprangen sie sofort auf und stellten die Musik aus. Zwei waren bereits durch eine Terrassentür getürmt, sodass nur noch die vier WG-Bewohner zugegen waren. Ich schrie erneut:

„So, jetzt ist Schluss mit der Faschoparty.“

Mit zwei gegen vier waren die Bewohner uns zwar von der Anzahl überlegen, jedoch waren sie deutlich jünger als wir. Während mein langer Kumpel neben mir stand und kein einziges Wort sagte, hielt ich den Bewohnern eine Moralpredigt. Die vier wirkten eingeschüchtert und wussten nicht, wie sie reagieren sollten. Als ich ihnen klarmachte, dass Rechtsextremismus der falsche Weg sei, hörten sie mir zu, auch wenn einer etwas zu grinsen schien. Ich fühlte mich wie ein Lehrer, als ich sagte

„Ich will hier keine rechtsradikale Musik mehr hören. Und auch das mit den Parolen hört mir auf.“

Schweigend schauten die jungen Leute sich kurz an, blickten wieder zu mir.

„Nehmt ihr Drogen oder was?“

Da schien ich wieder ein unterdrücktes Grinsen zu sehen.

Die Moralpredigt ging weiter.

„Faschismus ist ein Irrweg. Die Nazis haben Millionen von Menschen umgebracht, auch Frauen, Kinder und Behinderte. Das müsst ihr euch mal klarmachen. Wenn es einen neuen Führer gebe, wie ihr ihn fordert, dann seid ihr doch mit die ersten, die dran glauben müssen.“

Mein Kompagnon stand wie angewurzelt neben mir und hatte die vier Bewohner im Auge. Er zum ersten Mal dabei. Es wirkte ein wenig so, als wollte er das Abbrechen einer Party mal hautnah und live miterleben, weil er neugierig war.

„Ich kann mich auch an eure Heimleitung wenden, wenn sich das wiederholen sollte!“

drohte ich, was durchaus ernst genommen wurde.

„Habt ihr mich verstanden, jetzt ist Schluss damit.“

Die vier blieben wortkarg, bis einer von Ihnen sagte

„Ok, wir tun das nicht noch einmal.“

„Gut, sonst kreuzen wir hier noch mal auf. Und dann gibt’s richtig Stress.“

Daraufhin verließen wir die Wohnung. Wir tranken noch ein paar Biere und unterhielten uns über die Aktion.

„Denen hast du aber einen ganz schönen Einlauf verpasst.“

„Das ist doch richtig so, bevor das überhandnimmt.“

Danach fiel tatsächlich nichts mehr vor.

Jahre später traf ich einen der Vier in einer Kneipe. Ich erkannte ihn nicht wieder. Er sagte mir, dass ich auf ihn einen Eindruck hinterlassen hatte. Meine Standpauke hatte ihm sogar imponiert. Er erzählte, dass er einsah, dass es nicht der richtige Weg sei. Ein halbes Jahr nach der Moralpredigt löste er sich aus der Szene, hörte neuerdings Punk anstatt des Faschodrecks. Ich war glücklich, am besagten Abend zumindest einen armen Tropf aus der rechten Szene befreit zu haben. Auch wenn ich durch meine Moralpredigt nur eine einzige Person bekehren konnte, so hatte ich doch etwas erreicht. 


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