Bildstörung

Sonett zum Thema Realität

von  Ralf_Renkking

Dem Menschen wird täglich sein Schicksal bewusster,
es suhlt sich in Sorgen und ewigem Frust er,
doch mancher Statist
spielt lieber Faschist,
als dass im Gewühl mit zerstochener Brust er
am Ende genauso wie andere ist,
die ständiger Frust übermäßig zerfrisst.

Deshalb übt besonders für Last und Verlust er
das Leben nach allseits bestrittenem Muster
in Lüge und List,
statt Zweifel und Zwist
fühlt er sich doch eigentlich unbeeinflusster
als jener der sich in den Sorgen vergisst
und Liebe und Lust an der Zukunft vermisst.

Kommentare zu diesem Text


 indikatrix (01.06.21)
So manche die glauben es einfach zu haben
folgen nur blind einem der sie jagen
würde wenn sie anfingen
die eigenen Lieder zu finden, zu singen,
grübelt, Indikatrix, mit liebem Gruß

 Ralf_Renkking meinte dazu am 02.06.21:
Danke, besonders für das Gedicht, dessen Eigenwilligkeit mich ebenfalls an den Danziger Barockdichter Johannes Plavius erinnert, der gerne mal gegen Opitzens Vorgaben verstieß, indem er bspw. Assonanzen (haben/jagen) oder Binnenreime (die/sie, sie/die) verwendete. Vom lutherischen Rat schon Anfang der 1630er Jahre geächtet, war es um seine Existenz richtig schlecht bestellt, als 1636 der Dichtungsreformer Martin Opitz von Boberfeldt Danzig zu seiner Wahlheimat erkor.
Die Zeit des Speichelleckens und der damit verbundenen Vorzüge im 30jährigen Krieg wurde wohl nur noch von der im 2. Weltkrieg übertroffen.

Ciao, Frank

 indikatrix antwortete darauf am 02.06.21:
Lieber Ralf,
danke für die Hinweise auf Opitz und Plavius in deiner Antwort auf meinen Kommentar. Frage: worauf bezieht sich der letzte Absatz?
War einer von den beiden Speichellecker ?
LG Indikatrix

 Ralf_Renkking schrieb daraufhin am 02.06.21:
Liebe Indikatrix,

am besten zäume ich das Pferd mal von hinten auf, da trete ich wenigstens keinem auf die Füße:

Johannes Plavius (ca. 1600 - 1637) wird erst im Jahr 1621 als Immatrikulant der Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder fassbar, alle Versuche, sein Vorleben, einschließlich seiner Geburt/Geburtsort zurückzufolgen, sind bisher gescheitert. Auch sein Studium in Frankfurt ist nicht nachweisbar, 1624 taucht er als Gelegenheitsdichter in Danzig auf, seine Versuche, dort Fuss zu fassen, sind bis 1630 nachvollziehbar, ab da verliert sich seine Spur als Lyriker und Gelehrter, da der Calvinist beim vorwiegend lutherischen Danziger Rat in Ungnade fiel, also danach weder Aufträge erhielt, noch veröffentlichen durfte, indirekt lässt sich sein Leben bis etwa 1637 nachvollziehen, das ist das Jahr, in dem seine Schwägerin in spe spurlos verschwindet.
Erst ein Jahr zuvor hat der berühmte, aber auch beruflich und privat berüchtigte Dichter und Sprachreformer Martin Opitz von Boberfeldt (1597 - 1639), der sowohl in polnischen als auch schwedischen Diensten steht, Danzig als seine Wahlheimat erkoren.
Die beiden Dichter galten als Konkurrenten und dürften sich Indizien zufolge bereits in Frankfurt an der Oder kennengelernt haben.

Ciao, Frank

 klausKuckuck (01.06.21)
Hier brilliert der Sprachspieler. Bescheidene Anmerkung (Zeile sieben): Da müsste doch (geht nicht, klar) der Plural "zerfressen" stehen – oder nicht? Wenn aber ja, dann ginge vielleicht: Die nagender Frust übermäßig zerfrisst.
Grüße

 Ralf_Renkking äußerte darauf am 01.06.21:
Danke für Deine Anerkennung und ich denke, allmählich dem näher zu kommen, das ich an Johannes Plavius Art zu dichten so sehr schätze.
Deinem Verbesserungsvorschlag bin ich gefolgt, soweit es mir möglich war, danke auch hierfür.

Ciao, Frank
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