Kapitel 13 – Die Welt, die übrig blieb

Parabelstück zum Thema Zeitreise

von  Saira

Die Schülerinnen und Schüler erwarten an dieser Stelle meist ein Kapitel über Katastrophen.

Sie sind oft überrascht.

Denn Geschichte besteht selten aus einem einzigen großen Ereignis.

Meist verändert sie sich leise.

Jahr für Jahr.

Fast unbemerkt.

Auch die Erde veränderte sich nicht an einem Nachmittag.

Sie tat es langsam genug, damit sich jede Generation an das Neue gewöhnen konnte.

Und schnell genug, dass kaum jemand bemerkte, wie viel bereits verloren gegangen war.

Der Meeresspiegel stieg nicht spektakulär.

Er kam einfach immer näher.

Erst verschwanden einzelne Strände.

Dann Deiche.

Schließlich ganze Straßenzüge.

Viele Küstenstädte existieren noch.

Nur nicht mehr dort, wo sie einmal lagen.

Hitze wurde zu einer Jahreszeit.

An besonders warmen Tagen ruhte die Arbeit in vielen Regionen. Unterricht fand früh am Morgen statt oder wurde in kühlere Monate verlegt. Öffentliche Plätze blieben mittags leer. Kinder lernten, dass man zwischen zwölf und sechzehn Uhr besser drinnen blieb – so selbstverständlich, wie frühere Generationen gelernt hatten, im Winter eine Mütze aufzusetzen.

Wasser erhielt einen neuen Wert.

Nicht überall.

Aber dort, wo es knapp wurde, sprach niemand mehr von Selbstverständlichkeiten.

Flüsse führten im Sommer oft weniger Wasser als früher. Manche Seen wurden kleiner. Landwirtschaft und Städte mussten lernen zu teilen.

Erstaunlicherweise führte das nicht überall zu Streit.

An vielen Orten führte es endlich zu Zusammenarbeit.

Man hatte begriffen, dass Wasser sich nicht für Besitzverhältnisse interessiert.

Die Karten in den Schulbüchern änderten sich häufiger als früher.

Nicht wegen neuer Länder.

Sondern wegen neuer Küsten.

Manche Inseln verschwanden aus den Atlanten.

Andere tauchten als Erinnerungsorte wieder auf.

Wer sie besuchen wollte, brauchte kein Schiff.

Nur alte Fotografien.

Die Tierwelt veränderte sich still.

Einige Arten fanden neue Lebensräume.

Viele nicht.

Kinder konnten im Naturkundemuseum Tiere sehen, die ihre Großeltern noch in freier Wildbahn erlebt hatten.

Sie blieben oft lange vor diesen Vitrinen stehen.

Nicht aus Sensationslust.

Sondern aus Verwunderung.

Es fiel ihnen schwer zu glauben, dass etwas verschwinden konnte, obwohl fast jeder wusste, dass es bedroht war.

Auch die Landwirtschaft sah anders aus.

Manches, was früher weit im Süden wuchs, gedieh nun in nördlicheren Regionen.

Andere Pflanzen verschwanden aus den Feldern und blieben nur in alten Kochbüchern erhalten.

Rezepte wurden zu kleinen Zeitkapseln.

Sie erzählten von einer Landschaft, die es so nicht mehr gab.

Reisen veränderten ihren Sinn.

Früher fuhr man ans Meer.

Heute fuhr man dorthin, wo noch Schatten war.

Früher suchte man die Wärme.

Heute suchte man den Wind.

Die Menschen passten sich an.

Der Mensch kann das erstaunlich gut.

Er baut höhere Deiche.

Er entwickelt hitzefeste Pflanzen.

Erfindet sparsamere Bewässerungssysteme.

Er lernt.

Immer wieder.

Vielleicht liegt gerade darin seine größte Stärke.

Und manchmal auch seine größte Schwäche.

Denn Anpassung kann den Verlust erträglicher machen.

Sie macht ihn aber nicht rückgängig.

Die Schülerinnen und Schüler stellen am Ende dieses Kapitels oft dieselbe Frage.

„War das alles unvermeidlich?“

Die Lehrkräfte antworten mit einem Blick auf das vorherige Kapitel.

„Nein.“

Dann schlagen sie das nächste auf.

Dort geht es nicht mehr um Landschaften.

Sondern um Wörter.

Denn manchmal verrät eine Sprache mehr über eine Zeit als jede Statistik.



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