Vom Steckenpferde und anderen Fortschritten

Satire zum Thema Zeitgeist

von  AnselmusFederkiel

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Bild: unter Mithilfe eines automatischen Vernunftapparates erstellt



Manche Erscheinungen unserer Tage verlangen dem Beobachter eine gewisse Dehnbarkeit vertrauter Begriffe ab. Das sogenannte Hobby-Horsing gehört zweifellos dazu.

Zu meiner Zeit war ein Steckenpferd ein Kinderspielzeug. Man klemmte sich den Stock zwischen die Beine, galoppirte einige Male um den Küchentisch, wurde zum Abendessen gerufen und hatte damit das Wesentliche dieser Disciplin bereits erfaßt.

Unsere aufgeklärte Epoche hat auch hier Großes geleistet.

Aus dem Steckenpferde wurde ein Sport. Man trainirt, springt über Hindernisse, veranstaltet Wettkämpfe, mißt Leistungen und widmet der Sache jene ernste Aufmerksamkeit, welche frühere Jahrhunderte leichtfertigerweise noch wirklichen Pferden vorbehalten hatten.


Das eigentliche Thier wurde dabei entfernt.


Ein Fortschritt von bestechender Folgerichtigkeit.

Das Pferd ist schließlich unbequem. Es frißt, kostet Geld, besitzt einen eigenen Willen und kann sich im unpassendsten Augenblicke weigern, an der menschlichen Vorstellung von Reitkunst mitzuwirken. Das Steckenpferd dagegen ist das vollkommene Reitthier unserer Tage: pflegeleicht, widerspruchsfrei und jederzeit bereit, genau das zu sein, was sein Besitzer in ihm erblicken möchte.

Darin liegt mehr Zeitgeist, als man auf den ersten Blick vermuthen mag.

Denn eine Welt, in der sich Erwachsene bei gewissen farbenprächtigen Festzügen neuerer Art mit Tierohren, angehefteten Schweifen und Hundenasen schmücken, während andernorts Menschen mit hölzernen Pferdeköpfen zwischen den Beinen über Hindernisse springen, scheint den Unterschied zwischen Spiel, Verkleidung und Wirklichkeit ohnehin mit großzügiger Hand zu behandeln.

Bei einem solchen Festzuge würde ein Herr mit angeheftetem Schweife und aufgesetzter Hundenase vermutlich weniger Aufsehen erregen als ich mit Gehrock und Hut.

Ich gestehe, daß mich dieser Gedanke in einer Weise beunruhigt, über deren genaue Ursache ich aus Gründen der Höflichkeit einstweilen nicht weiter nachdenken möchte.

Man mißverstehe mich nicht: Jeder Erwachsene möge sich in seiner Freizeit von mir aus einen Pferdekopf, Katzenohren, eine Hundenase oder den Schweif eines Fuchses anheften, sofern er dabei friedlich bleibt und nicht verlangt, daß ich das Thier anschließend füttere.

Amüsant wird die Sache erst dort, wo das kindliche Spiel den feierlichen Ernst einer öffentlichen Angelegenheit erhält.

Man könnte darin geradezu einen Fortschritt unserer Tage erkennen: Man nimmt etwas, das Generationen von Kindern zum Vergnügen betrieben haben, versieht es mit Regeln, Wettbewerben und einer gewissen moralischen Unantastbarkeit – und wartet darauf, daß niemand mehr zu lachen wagt.

Die alte Reitkunst verlangte Haltung, Erfahrung und den Umgang mit einem Lebewesen, das sich dem Willen seines Reiters keineswegs jederzeit beugte.

Die neue hat zumindest ein Problem endgültig gelöst:

Das Pferd stört nicht mehr beim Reiten.

Sollte dieser Gedanke Schule machen, sehe ich einer glänzenden Zukunft entgegen. Beim Schwimmen ließe sich das Wasser abschaffen, beim Segeln der Wind und bei Motorradrennen der Motor. Letztere könnten sodann auf Laufrädern ausgetragen werden – gewiß mit geringerem Geräuschpegel dafür aber mit erheblich günstigeren Unfallzahlen.

Am Namen müßte man deshalb selbstverständlich nichts ändern.

Vielleicht bin ich allerdings auch nur hoffnungslos alterthümlich.

Eine Erkenntniß, die einem heutzutage bereits dadurch droht, daß man beim Worte „Reiten“ noch immer zuerst an ein Pferd denkt.


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Kommentare zu diesem Text


 EVdR (08.09.26, 20:40)
Hochgeehrter Herr Federkiel,

Ew. Hochwohlgeboren gestatte einem demüthigen Leser, einige Zeilen voll schuldiger Reverenz beyzufügen.  

Der von Euch mit solcher Zierde des Geistes vorgetragene Vorschlag, das lärmende und mit schweflichtem Unrath die Lufft verderbende Motorrad‑Rennen künftig auf einem schlichten Laufrade auszutragen, erscheinet mir von einer so reinen Vernunfft, daß ich denselben mit tiefster Hochachtung begrüßen muß.

Denn welch ein Segen für Wald und Flur, wenn nicht länger das teuflische Donnergetöse der Motoren die Berge erzittern machte, noch der pesthauchende Gestänck verbrannten Brennstoffes die reine Odem‑Lufft der Schöpfung befleckte.  

Kein Thier würde mehr in seinem natürlichen Frieden gestöret, kein Bach sein silbern Murmeln verlieren, kein Gehölz sein ehrwürdiges Schweigen preisgeben müssen.

Das Laufrad hingegen, ein Gefährt von rührender Einfalt, bedarf weder der rußgeschwärzten Händel ölverschmierter Mechanici, noch jener kostspieligen Beyläuffe, die wie gefräßige Ungeheuer stets neue Opfer verlangen.  
Es rollt, so lange der Mensch es mit eigener Kraft bewegt, und ruhet, sobald er es nicht mehr begehrt – ein Triumph der Vernunfft über den Lärm der Welt.

So verneige ich mich, hochverehrter Autor, in schuldiger Hochachtung vor Eurer trefflichen Betrachtung, die uns lehret, daß wahre Neuerung darinnen bestehet, das Überflüssige hinwegzunehmen und das Wesentliche zu bewahren.

 Hannes (08.09.26, 21:12)
Werter Federkiel,

es ist mir auch diesesmal wieder unerklärlich, wie Sie den Kopf Ihres Herrn über seinen Arm (trägt er Ärmelschoner?) die Hand, 
die Sie hält, dazu zu bringen, Texte wie diesen zu schreiben.

Als Meine Wenigkeit erstmals vom Hobby-Horsing hörte, war das Thema für mich mit den Worten :
" Was is'n des für a Scheiß ?"
 erledigt.

Sie hingegen animieren ihren Herrn (oder ist er nur Ihr Diener ?)
das Thema mit der nötigen Sachlichkeit und Ausführlichkeit zu behandeln und alle historischen, psychologischen (oder psychatrischen ?) Aspekte dieses Tuns zu erörtern zu erklären und unvoreingenommen zu bewerten.

Ich habe von Ihnen gelernt, in Zukunft z.B auch den Teebeutelweitwurf mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Im Moment beschäftige ich mich eingehend mit dem 
Luftgitarre-Spielen.

In unendlicher Dankbarkeit
Der 
Hannes
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