Wo selbst Lebensentscheidungen einen Termin haben - Possen aus der Provinz - Theil II Aurachtal

Satire zum Thema Realität

von  AnselmusFederkiel

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Bild: unter Mithilfe eines automatischen Vernunftapparates erstellt


Aurachtal in Mittelfranken bescherte uns Ende August eine amtliche Bekanntmachung von solcher Anmuth, daß man Till Eulenspiegel unwillkürlich eine späte Laufbahn im Verwaltungsdienste zutrauen möchte.

Das dortige Standesamt theilte mit, daß vom 24. bis 28. August dieses Jahres aus personellen Gründen weder Kirchenaustritte erklärt noch Ehen angemeldet werden konnten.

Der Bürger befand sich damit für fünf Tage in einer geradezu philosophischen Lage: Er konnte weder dem lieben Gott amtlich den Rücken kehren noch einem Mitmenschen versprechen, ihm bis ans Lebensende auf die Nerven zu gehen. Zwei der folgenschwersten Entschlüsse des menschlichen Daseins ruhten – nicht wegen höherer Gewalt, Krieg, Pestilenz oder göttlicher Fügung, sondern weil gerade niemand am Schreibtische saß.

Man sollte die Fürsorge dahinter jedoch nicht unterschätzen.

Wer am Montag noch fest entschlossen war, aus der Kirche auszutreten, erhielt von Amts wegen eine Woche Gelegenheit, über sein Seelenheil nachzudenken. Wer heirathen wollte, bekam dieselbe Frist, um noch einmal in aller Ruhe zu prüfen, ob ihm die Sache wirklich ernst war. Eine derart umfassende Lebensberatung hätte selbst ein Pfarrer kaum gründlicher organisiren können.

Das Reizendste lag freilich in der Verbindung beider Vorgänge. Das Amt verhinderte gleichzeitig den Austritt aus einer Glaubensgemeinschaft und den Eintritt in die Ehe.

Flucht und freiwillige Gefangenschaft waren mithin gleichermaßen vertagt.

Man sah den Bürger förmlich vor der verschlossenen Thür stehen, das Austrittsformular in der einen, die Verlobte in der anderen Hand, darüber vermutlich ein freundlicher Hinweis, man möge zu einem späteren Zeitpunkte wieder vorsprechen.

So gewinnt man nebenbei eine hübsche Erkenntniß über das deutsche Staatswesen: Persönliche Freiheit wird selbstverständlich geachtet. Jeder darf glauben, nicht glauben, heirathen oder es bleiben lassen.

Nur über den Zeitpunkt verfügte vorsorglich das Amt.

Früher hielt ich Verwaltung für die Kunst, Angelegenheiten des Bürgers zu erledigen.

Inzwischen scheint bereits die amtliche Mittheilung darüber, weshalb man sie gerade nicht erledigt, als hinreichender Vollzug zu gelten.




Anmerkung von AnselmusFederkiel:

Anmerkung: Der Text entstand anläßlich einer amtlichen Bekanntmachung des Marktes Aurachtal im August 2026. Die angekündigte Schließzeit ist inzwischen verstrichen.

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