Walmart heißt jetzt Tom Riddle

Rezension

von  Dieter_Rotmund

Illustration zum Text
HP6
(von Dieter_Rotmund)
Über „Harry Potter und der Halbblutprinz“

Der Verfasser dieser Zeilen möchte vorausschicken, dass er weder eines der sieben (?) Bücher gelesen, noch einen der bisherigen fünf Harry-Potter-Filme gesehen hat. Das mag ihn nicht zu Experten für die Besprechung von „Harry Potter und der Halbblutprinz“ machen, aber man kann ihm eine gewisse Unvoreingenommenheit zugestehen. Vielleicht gibt es tatsächlich noch weitere Zuschauer des sechsten Harry-Potter-Filmes, die sich für diesen Topos bisher nicht interessiert haben.
Zu Beginn von „Harry Potter und der Halbblutprinz“ sitzt ein stiller, vielleicht 17 Jahre alter  Junge in einem Bahnhofscafé und liest Zeitung. Er kommt mit der gut aussehenden, nicht viel älteren Bedienung ins Gespräch und diese ist so weit entzückt genug, um sich nach der Arbeit mit ihm treffen zu wollen. Soweit so gut, ein durchaus gelungener „Boy meets girl“ - Auftakt, der vielversprechend ist. Dann jedoch - man fasst sich an den Kopf - versetzt er sie, weil ein alter Mann mit weißen Rauschebart auftaucht und sich mit ihm in ein Märchenland beamt.
Auch für den Uneingeweihten ist nun klar, der Junge muss dieser Harry Potter (Daniel Radcliffe) sein und der alte Mann sein Lehrer und Mentor, von manchen „Dumbledort“, von einigen aber auch „Elvis“ genannt. Im oben genannten Märchenland schließen immer mehr Läden, weil sie explosionsartig in Brand geraten, was man dort für das Werk geisterhafter, mysteriöser Mächte hält und nicht für Terrorismus oder Versicherungsbetrug. Dumbledort (Michael Gambon) erinnert stark an Ian McKellans Darstellung des Gandalf in der Peter-Jackson-Verfilmung „Lord of the rings“ und tatsächlich sagt er an einer Stelle zu Aushilfs-Frodo Harry Potter: „Ein Ring ist schwer zu zerstören“.
Dumbledort ist nicht zufällig mit Harry Potter unterwegs, gilt der Teenager doch als „Der Auserwählte“. Dies wird in „Harry Potter und der Halbblutprinz“ so oft erwähnt, das der Gemeinte sogar selbst einen Witz darüber macht. Man fragt sich: Auserwählt zu was? Über besondere Fähigkeiten scheint er genuin nicht zu verfügen: Die besten Tipps klaut er von den Marginalien eines Schulbuches und als seine Ermittlungen stocken, muss er sich mit einem „Glückstrank“ dopen, um weiter vorwärts zu kommen.
Wie so oft, wenn Jungmimen gegen erfahrene (Alt-)Schauspieler antreten müssen, ziehen die Jüngeren den Kürzeren: Beeindruckend sind die Leistungen von Jim Broadbent, der einen etwas unsicheren Professor namens Horace Slughorn darstellt und die von Alan Rickman, der seinen ambivalenten Charakter  Zerberus Snake mit großer Überzeugungskraft spielt. Fast eine Schande ist es, dass Helena Bonham-Carter („Bella-Trix“) nur so wenige Szenen bekommt. Denn mit Ausnahme der Darstellung der Molly Weasly durch Julie Walters  hat man eher das Gefühl, das manche der Jungdarsteller durchgeschleppt wurden, weil sie von Anfang an dabei waren. Es mag vielleicht zunächst Talent durchgeschimmert haben, aber eine schauspielerische Entwicklung ist offensichtlich auf der Strecke geblieben.
Als Nicht-Harry-Potter-Kenner kommt man durch genaues Beobachten durchaus mit, wer aus welchen Motiven wie handelt. Einige Nebenfiguren gelten jedoch als vorausgesetzt und bleiben uneingeführt, hier wird der Harry-Potter-Anfänger allein gelassen. Völlig darüber im Unklaren gelassen wird man darüber, was „Todesser“ sind. Bezeichnen so übereifrige Vegetarier die Menschen, die sich normal ernähren? Was haben der Walmart und Paul Riddle gemeinsam? Irgendwie sind diese die „Bösen“ in „Harry Potter und der Halbblutprinz“ und unterstehen alle einem gewissen „dunklen Lord“ (Vader?).
Ein großer Teil des Filmes widmet sich den Eifersüchteleien, den Eitelkeiten, der Unfähigkeit, ihre Gefühle auszudrücken und der ständigen Selbstbezogenheit der Jugendlichen des Filmes. Höhepunkt adoleszenter Selbstüberhöhung ist ein junges Mädchen, das eine Art „Yps“-Heft verteilt, welches den Titel „Klitoral“ trägt (sic!). Edle Romanzen werden begonnen und gleich wieder eingestellt, kaum ernstzunehmende Intrigen gesponnen und viel Unsinn geredet. Dies ist altbekannt und wird in anderen Filmen, die bar jeder phantastischen Thematik sind, genauso gut oder besser behandelt.
Trotzdem stellen gerade diese “Probleme“ der Jugendliche den Pluspunkt des Filmes da. Im Gegensatz zum ähnlich erfolgreichen, aber piefig-prüden Teenie-Drama „Twighlight - Biss im Morgengrauen“ der erzkonservatin Evangelikalen Stephenie Meyer, nimmt sich dieser Bereich in „Harry Potter und der Halbblutprinz“ nicht allzu ernst. Dadurch werden weite Strecken des Films erst unterhaltsam. Denn das Aufdecken des dunklen Geheimnis um die abgefackelten Läden im Märchenland kommt erst in den letzten 20 Minuten richtig in Fahrt.
Insgesamt überwiegt der Eindruck, dass „Harry Potter und der Halbblutprinz“ den heute üblichen Eskapismus  in möglichst phantastische Fantasiewelten bedient.
Man fragt sich, ob nicht ein besserer Film daraus geworden wäre, hätte der stille Junge am Anfang das Date mit der hübschen Bedienung aus dem Bahnhofscafé wahrgenommen...
Sehr treffend sagt ein Nebencharakter über Harry Potter, was man über den ganzen „Harry Potter und der Halbblutprinz“ mit Fug und Recht behaupten kann: Er sei „Auffällig unauffällig“.

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