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Novelle zum Thema Selbstbestimmung

von  Lala

VIII.

„Was machst Du jetzt, Klaus?“, fragte Benno, nachdem Klaus ein weiteres Hauptseminar Geschichte nicht mit einer entsprechenden Arbeit abgeschlossen hatte.
„Ich weiß es nicht Benno“, antwortete Klaus und dachte, als er die Baustelle des Potsdamer Platzes aus den Panoramafenstern der Staatsbibliothekscafeteria betrachtete, dass er stehen geblieben und alles andere um ihn herum gewachsen, ihn zugestellt und eingekreist hatte. Ein Strick aus Fortschritt und Beton hatte sich um seinen Hals gelegt.
„Und du Benno? Was machst Du? Du steppst doch auch nur den Bären. Du kommst doch auch nicht vom Fleck!“, antwortete Klaus in jeder Silbe angepisst.
„Hm. Verständlich“, räusperte sich Benno und fuhr fort: „Aber Du irrst Klaus. Ich bin zwar schon im sechzehnten Semester, zwei Knoten und die Segel immer hart am Wind haltend, gewissermaßen, kurzum: dir eben voraus. Mein Siebzehntes ist auch mein Letztes. Du brauchst mindestens noch fünf. Aber Dein Vater zahlt nach diesem Semester nichts mehr und Bafög geht nicht und die Nachtschichten sind auch keine Zukunftsperspektive. Also: Was hast Du vor?“
„I am not a quitter“, antwortete Klaus im Stile Nixons und wusste, dass er in einer Sackgasse steckte.
„Deine Familie sind Kaufleute, Klaus?“
„Ja. Warum?“
„Dein ältester Bruder ist bei einem Unfall gestorben?“
„Du nervst. Ja.“
„Und dieser Heinrich, Dein anderer Bruder war auf Papis Kosten im Londoner Eastend und hat danach die Familienbande zerschnitten und lebt jetzt wie ein Außenseiter in Rendsburg?“
„Was soll der Scheiß?“, Klaus war genervt und dachte über Verdienstmöglichkeiten und Fortsetzungen des Studiums unter erschwerten Bedingungen nach. Vielleicht könnte er in Sandras WG einziehen?
„Hm. Ich befürchte Klaus, dass Du keine Wahl hast.“
„Bitte? Wovon quatscht Du?“
„Na ja, Klaus, die Welt ist nicht so frei, wie es scheint. Ich zum Beispiel hatte das wahnsinnige Glück, reiner Zufall, dass ich zu den 23% gehöre, deren Eltern kein Studium haben, aber ein Kind oder gar Kinder, die trotzdem erfolgreich studieren. Wenn eine Chance bei unter 25% liegt, Klaus, ist es Zufall. Bei Ärzten, Juristen, Musikern, Schauspielern ist die Nachfolgequote der Söhne und Töchter bei unglaublichen 70%. Es gibt Schauspiel- und Musikerdynastien. Ganz selbstverständlich. Raffas Eltern? Geschiedene Musiklehrerin und Doktor der Staatswissenschaften und Konzertpianist. Auch bei Handwerkern folgt meist der älteste Sohn dem Vater. Apfel? Stamm? Hallo, Klaus?
. Das ist bei Deiner Gilde, den Kaufleuten nicht anders. Aber Dein Bruder, der designierte Nachfolger, Thomas, der ist tot und Heinrich ist Exot geworden. Du bleibst übrig.“
„Willst Du mich verarschen, Benno? Das ist doch Quatsch. Du willst mir sagen, dass ich, die Aufklärung, die Freiheit und den Individualismus vergessen solle, weil ich dazu bestimmt bin, Gemüsehändler zu werden? Schwachsinn.“
„Ja, aber so ist es, Klaus. Zumindest rein statistisch. Und die Zahlen müssen ja irgendwo herkommen, oder?“
„Das ist lächerlich.“
„Nein, das ist nicht lächerlich. Das sind die harten Fakten. So funktioniert die Gesellschaft. Es geht in drei von vier Fällen um Abstammung und Herkunft und nicht um Leistung, Klasse und Vermögen – im Sinne von Können. Es geht um oratores, laboratores, bellatores. Es geht um einfache Modelle, die jeder Ameise den Weg zu ihrem Platz weist. Die restlichen fünfundzwanzig Prozent würfelt das Schicksal, die Natur, der Sei-bei-uns, in irgendeinen Berufsschlitz und vielleicht gründet sich aus diesem Samen oder Ei eine neue Dynastie? Das sorgt immerhin für ein klein wenig Vermischung und Nachwuchs, falls ein bestehender Ast ausstirbt. Den philosophischen Überbau, den Rest, Klaus, da bin ich mir sicher, den kannst Du vergessen. Zeitverschwendung. Leistung solle sich lohnen und Bildung für alle? Quark. Ja, Amerika. Ich weiß. Aber geschenkt.
Die waren mal jungfräulich. Ein leeres Blatt für ein oder zwei Jahrhunderte. Einen weltgeschichtlichen Kurzschluss lang, war Amerika vollkommen durchlässig. Heute ist es dynastischer organisiert als Österreich. Selbst ein Schwachkopf bekommt dort einen Abschluss bei einer Eliteuni und die Eintrittskarte in den Schokohimmel, nur weil er den richtigen Familiennamen trägt.
Natürlich haben sie ein anderes Bild von sich und senden eine andere Botschaft ins Menschenkollektiv. Nämlich die Botschaft, dass es nur darauf ankomme, welchen spirit man habe. Comeback Kids und Rocky Balboas sind ihre Archetypen. Aber diese Helden existieren auch im Land der Freien, heute nur noch im Zufallsbereich von unter 25%. Diese Heldenfiguren gibt es nur im Land des Zufalls oder eines kalkulierten Bestsellers oder Blockbusters.

Jeder bildet sich ein, auserwählt, etwas Besonderes zu sein und träumt davon, es aus eigener Kraft zu schaffen. Das ist das Opium für die Verlierer.

Aus all dem folgt für mich, Klaus, dass Du Kaufmann werden musst und nicht Magister Artium. Dein Talent zum Gelehrten scheint nicht überragend zu sein, und wenn Du es doch werden solltest, wette ich, weil Du im Wissenschaftsbetrieb nicht sonderlich erfolgreich oder auf einem studiumsfernen Arbeitsplatz landen wirst – falls Du irgendwo landen solltest -, dass der Ast, der Zweig, die Dynastie der Schrocks, absterben wird. Deine Kinder, Klaus, werden dann – rein statistisch gesehen - schlechtere, bis gar keine Chancen haben, als Du sie jetzt hast. Zumal, wenn Du als Gelehrter vierter Wahl, Dich auf dem Heiratsmarkt anbietest. Du wirst vielleicht Spaß erleben, aber nicht erleben, dass die Bräute bei denen Deine kleinen Jungens die besten Zukunftschancen hätten, auch eine Familie und ein Leben mit Dir verbringen wollen. Aber ich garantiere Dir, der Hase würde anders laufen, wenn Du der erklärte Nachfolger einer Kaufmannsdynastie bist, die wenigstens nach Geld stinkt.“
„Du bist so ein Arschloch, Benno. Und ich habe jetzt echt keinen Bock darüber zu diskutieren. Hast Du nicht Lust, eine Runde zu kickern?“
„Klar.“
„Na, das ist ja, mal ein Wort, Benno.“

Sie gingen ins M & M, kickerten und Klaus war so unkonzentriert, als sei er schon vor dem Besuch im M & M gegrillt, eingewickelt und seiner Hände und Füße beraubt worden. Stunden später hatte er erstmals mehr auf dem Deckel als Benno und nicht genug Geld um sich auszulösen. Aber Benno konnte ihn aushalten.

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