In einem anderen Land - E. Hemmingway-Hommage VIII

Erzählung zum Thema Allzu Menschliches

von  pentz

Also gut, sie hat gewonnen. Sie darf, weil sie es so lieber hat, noch einen Tag hier zubringen und bleiben, rumhängen, relaxen, laufen, lesen, was auch immer sie hier hält, wohingegen es ihn fortziehen mochte. „Geh erst mal morgen Früh Laufen, dann reden wir weiter!“ Dieser diplomatische Vorschlag ist die beste Reaktion in so einem Fall, aber die Würfel sind gefallen.
Somit hat er nachgegeben. Ihre Verzweiflung kommt ihm zu groß an. Die Bäuerin wehrt zu stark ab, um ihr Scholle verlassen zu wollen und davon vertreiben zu werden.
Er ist auf sich alleine gestellt und jetzt bemüht, gegen die Langeweile anzugehen.
Zuerst einmal bittet er sie, ihn zu rasieren, insbesondere an den Stellen, die er gerne übersieht und schwer herankommt. So wird er erst einmal einer gründlichen Rasur so wie früher beim Friseur als Kind unterzogen, mit warmem Wasser, einem Lätzchen vor der Brust und allem Pi-Pa-Po. Auch nicht schlecht. Er wird gezwungen, ruhig da zuzusitzen und gewahrt die Ruhe, das Grün und das Leben der Natur.

Weil es so schön ist und sie noch einen Abendspaziergang machen will, muss er noch einiges an- und überziehen. Er versucht, sich den Pullover überzuziehen, was er nicht auf die Reihe bekommt. Er fühlt sich stranguliert, ignoriert dies aber, denkt, dass wird sich schon mit der Zeit austarieren, sagt, fertig, sie jedoch, als sie es sieht, tut so als kriegte, sie einen Schock und sei der Verzweiflung nahe.
„So kannst Du nicht gehen.“
„Wieso, meinst, die Hasen erschrecken sich und fangen an, wie wild Haken zu schlagen!“
Aber sie ist keiner Vernunft zugänglich, was die Erziehung macht. Ob man in der Nacht sieht, was er falsch herum angezogen hat, spielt keine Rolle, sie muss ihn zurechtmachen, wie es sich gehört.
Ich will ihrem Glück nicht im Wege stehen, also rechts den Arm ausgestreckt, so, rechts den Ärmel geglättet von ihr und links seinen Arm in die Höhe gehalten und sie also jeweils diese akkurat ordentlich nachzupft, damit der Pullover nicht krumpele und kratzig und unbequem sich auf der Haut auswirke.
Er tönt, damit es unvermissverständlich ist, was er erwartet: „So, und jetzt schön den Arm gezupft, geglättet und gezogen. Ja, so ist schön. Geht doch!“
„Du bist aber ein verwöhnter Balg, kann ich Dir sagen.
Sie regt sich zwar ein bisschen auf, aber da sie schon dabei ist, macht sie brav zuende, wozu sie verführt und worein sie geschliddert ist.
„Hör mal! Du hast doch immer von einem Prinz geträumt, nicht!“
„Ja!“
„Na also. Ich bin einer. So und nicht anders muss man einen solchen behandeln, das weiß doch jedes kleine Kind!“
„Du bist der Schärfste!“
„Das will ich doch hoffen!“, sagt er zweideutig.
„Ja, ja!“, sagt sie dazu. Was soll sie auch dazu sagen? Ich denke, es stimmt schon, was man sagt: jeder bekommt, was er sich wünscht. Nur, dass dann das Ergebnis ganz anders aussieht, wie man es sich vorgestellt hat.
„So, jetzt sind wir fertig!“
Sie schaut ihn genauer an, sieht wohl irgendwelche ungewaschene Stellen und Schmutzflecken, er wendet sich aber rechtzeitig noch ab mit seinem Gesicht, bevor es sie in der Hand juckt und sie ihn mit Spucke säubert, wäscht, pflegt, abrubbelt, abkratzt und malträtiert.
Somit unterscheidet sie sich von seiner Mutter, voilà.
Er richtet einen Arm auf, macht mit einer Drehung im Handgelenk eine Geste, die besagen soll, dass sie sich nunmehr entfernen möge. „Die Gouvernante darf abtreten“ sagte er dazu.
„Dir werde ich es zeigen!“, ruft sie empört und springt auf ihn zu, der bereits zum Zeltplatzausgang losgestoben ist. Die Verfolgung endet und geht in einen gemächlichen nächtlichen Waldsparziergang über, wie sie es sich gerne gewünscht hat und wobei er sich nun auch wohlfühlt, bestens versorgt, verpflegt und gut eingemummelt: jeder, wie man so sagt, ist zu seinem Recht gekommen, wie es sein soll.

Am nächsten Morgen, als die ersten Sonnenstrahlen die Zeltwand durchbrechen, steht er auf. Etwas Feuchtigkeit taut seinen Rücken ein, als er den feuchten Lappen am Eingang des Zeltes zurückschlägt und sich aus der Zelthöhlung zwängt. Er öffnet die Arme, quetscht die Beine wie bei einem Spagat auseinander und macht einige Bewegungen des Körpers, die auf ihre Art den Morgen, die Sonne, kurzum den neuen Tag begrüßen.
Heute herrscht strahlender Sonnenschein, welch ein herrliches Reisewetter, und es juckt ihn, es stachelt ihn an, er läuft schon heiß wie ein aufgedrehter Motor und packt zusammen, während seine Begleiterin noch beim Nordic Walking ist. Das Zelt hat er allein abgebaut und weggeräumt, weil er es kaum erwarten kann, wieder zu neuen Ufern vorzustoßen, wohingegen seine Begleiterin sich am liebsten an diesem Ort hier einbetonieren lassen würde. Zeit schindend, so kommt’s ihm stets vor und so sieht er’s voraus, duscht sie sich erst einmal gründlich und langatmig nach ihrer exzessiven Nordic-Walking-Tour, wo sie bestimmt am Nordpol gewesen ist, danach urteilend, wie lange sie jetzt schon gebraucht hat. Man merkt, er kann ihre Rückkehr nicht erwarten, er sitzt auf einem Ameisenhaufen, wobei heiße Kohlen noch ein Euphemismus und Schönfärberei ist. Er rennt ein paar Mal wie irr im Kreis herum, weil ihn die Ferne so lockt, wie könnte man es schon anders sagen?
Als er sich wieder beruhigt hat, im Schneidersitz und Hände im Schoß verschränkt und in sich versunken dasitzt, den Blick ins Leere gerichtet oder die Augen auf den Boden geheftet und nervös mit einem kleinen Ast spielt, ihn zigmal entzweibricht, bis er sich erneut einen greift und einmal wieder ärgerlich den Blick in die Ferne richtet, bewegt sich dort ein kleiner Punkt, der unaufhörlich größer wird und auf ihn zugestapft kommt, bildgerecht gleich dem Prototyp der Nordic-Walking Promotion-Frau von Plakaten der Wanderwege-Schaukästen, der Fitness-Wald-Zonen und Ämter-Fassaden der Landrats-, Gesundheits- und sonstigen Ämter prangen.
„Mon amour!“, schalt es ihm entgegen. Was erfreulich aber auch! Deswegen bleibt ihm ein Murren im Mund stecken.
Es ist immer drollig, wenn sie ihn nach einer ihrer Eskapaden mit einem der guten Laune entsprungenen kecken Spruch auf den Lippen begrüßt, der ihr wohl die ganze Zeit im Kopf herum gekreiselt war, während sie auch noch den Südpol gestreift hat und heute eben: „Mon amour!“, was noch der harmloseste, sogar erfreuliche, weil nicht-deutsche und nämlich französische Ausdruck darstellt. Diese Bezeichnung kann er sich eingehen lassen, zumal es ein Fortschritt und Entgegenkommen dem Lande gegenüber ist, auf dessen Territorium sie sich aufhält, was einzig in diesem Zusammen festzustellen ihm von Wichtigkeit erscheint. Anderntags solche Spitznamen aufgestempelt zu bekommen, ist weniger schön: „Mein Herzblatt!“, welcher ihm am verhasstesten ist, bedenke man die leidenschaftliche Kartlerin, die sie ist und welcher an Verletzung der Menschwürde, zumindest jedoch grobe Missachtung  und Verkennung seiner Person grenzt. Denn was bedeutet solch ein Herzblatt in ihren Kreisen? Trümpfe in der Hand zu halten, mit denen man alle anderen aussticht und schlägt. Ist er aber ein Instrument, eine Waffe, ein Vernichtungsmittel!? Mitnichten und im Gegenteil. Er ist und will etwas sein, das etwas zum Entstehen, Erblühen und zum Leben bringt, mon amoure!
Nun, zurück zum heutigen Düttel- und Schmusewort „Mon Amour!“, wobei sie feist lacht und sich zu freuen scheint über ihn, zumal heute wohl, der alle Arbeit verrichtet hat, eine Tätigkeit, die nicht auszuüben ihm zu jeder sich bietenden Gelegenheit aufs Butterbrot gestrichen und oft genug an den Kopf geworfen wird, als sei er Pascha I im Harem, alleiniger Kronprinz des Großen Landes oder Mogul der weiten Steppen oder Khan aller Völker der Pusta, genug und assez!

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