Offene Weite - Nichts von heilig, Teil 2

Beschreibung zum Thema Lebensweg

von  LotharAtzert

2. Schuldgefühle

Und so sprang die Seele, oder wie man es nennen will, beim Kopulieren der Eltern in die Bresche und nahm Helmutchens freigewordenen Platz ein. Doch das erfuhr ich erst nach und nach.
Als ich dann nämlich sprechen und laufen konnte, nahm Mutter mich irgendwann mit auf den Friedhof und sagte, als wir vor einer "Grab" genannten Einrahmung mit Holzkreuz stehen blieben: "Hier liegt dein Brüderchen" - das fand ich traurig, einen Bruder gehabt zu haben, den man niemehr würde kennenlernen, nie mit ihm was Verrücktes unternehmen, Abenteuer erleben, Schutz finden ... Wir schmückten sein Grab mit frischen Blumen und gedachten seiner.
Vater in seiner unnachahmlich pädagogischen Art gab mir auf Nachfrage später zu verstehen: "Wenn das Helmutchen nicht gestorben wäre, wärst du nicht hier!"
So kommt es, daß ich unter dem Begriff "Bruder" etwas Dunkleres verstehe, als etwa meine sechs Jahre jüngere Schwester, die, wie andere, ihren Bruder immer vor Augen hatte, diesen Augenblicken aber zu keiner Zeit viel abgewannen. Für sie war ich auf eine selbstverständliche Weise einfach nur da. Doch für mein Empfinden blieb des Wortes Sinn Auslöser melancholischer Betrachtungen mit stets bitterem Beigeschmack.
Das Bittere - der Beigeschmack aus Lust und Verlust.
Und während andere Kinder unbeschwert spielten, zog ich mich also an verborgene Orte zurück, um den Gedanken nachzusinnen, die wie Regenwolken vorüberzogen: Ist nur der Tod des einen das Leben des anderen? Wenn du einen rettest, frißt er soundsoviel andere. Hunger und Durst machen hemmungslos, erbarmungslos. Daran ändern keine dreitausend Jahre Zivilisation etwas ... Und einige fressen über den Durst und scheißen über die Kloschüssel hinaus, ohne Hemmungen, während andernorts andere verhungenrn, verblöden, verurteilen. Deren Seelen kämen dann in den Himmel. So logen die Erzieher auch bei Helmutchen.

Die Lüge! Kain und Abel fielen mir ein. Jener erschlug diesen, weil der beim Vater einen Stein im Brett hatte, wie es heißt, und selbst in seiner gröberen Art nicht gelitten war.
Hatte ich Helmutchen auf irgendeine mystische oder gar mythische Weise umgebracht, nur um an seine Stelle treten zu können? Hatte ich ihn auf dem Gewissen, ohne den  Hergang zu erahnen - und Vater den geliebten Sohn genommen?
Andere mögen lachen - mir war diese Klärung eine Frage der Hygiene.
Wie war das bei den andern Brüderpaaren ... Castor und Pollux, unsterblich der eine, sterblich der andere - im Wechsel leben beide jeweils einen Tag und sterben in den folgenden, ... Romulus erschlug Remus ... und Prometheus bezahlt für die Dummheit des  Epimetheus in jedem Zahlvorgang ... So las ich - Lesen wurde zur  Obsession, zum Spiel der Spieler zwischen Opfer und Tat.
Und ähnlich fernem Donnergroll, drang Vaters Stimme stets durch alle Betrachtung: "Halt den Mund! Sonst rutscht mir die Hand aus."
Manchmal hieß es auch: "Halt den Rand! - Ach ich könnt' dich schon wieder ..." - das brachte mich, ohne es zu ahnen, nahe an die Koan-Technik des Zen: Was ist ein Loch ohne  Rand? Und ich ergänzte seinen unfertigen Satz mit: Erschlagen.

Nur langsam legten sich neue Geschehnisse darüber - etwa so geschmeidig, wie wenn die Samurei-Scheide ihr Schwert empfängt. Des Bruders Name verschwand allmählich aus dem Wachbewußtsein. Vater prügelte mich zum Friseur, dem er genaue Anweisung für die Haarlänge bzw. -kürze gab. Nach der Schule folgte die Lehre zum Dekorateur, das erste Verliebtsein, Freundschaften, dieses und jenes.
Doch all das endete im Nirgendwo des Mund- oder Randhaltens, weil die tiefsitzende Angst vor den Nieder-Schlägen des allmächtigen Erzeugers, gepaart mit dem latenten Schuldgefühl, immer wieder Buß-Reflexe auslösten.


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Kommentare zu diesem Text

Graeculus (69)
(01.08.14)
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 LotharAtzert meinte dazu am 01.08.14:
Wie - Du wiurdest von mir auf die Folter gespannt?
Na dann hättst Du den Dominus ruhig mal empfehlen können!
Graeculus (69) antwortete darauf am 01.08.14:
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 LotharAtzert schrieb daraufhin am 01.08.14:
Herzlichen Dank!
BabetteDalüge (67)
(01.08.14)
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 LotharAtzert äußerte darauf am 02.08.14:
Auch Du, Babette, bei den ungeduldigen Graeculussen?
"Wenn du es eilig hast," pflegt Meister Lo vom Hexenloch zu sagen "mache einen Umweg."
(Antwort korrigiert am 02.08.2014)
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