Verbrannte Heimat IX - Sicherheits-Jungs auf der Flucht

Erzählung zum Thema Aggression

von  pentz

Ich stand am Bahnhof, nicht weit weg von den glitzernden, hochmodernen und komplizierten Kartenautomaten. Jemand versuchte verzweifelt und vergebens Buchstaben in der korrekten Reihenfolge einzugeben. Aus den Buchstaben-Salat vermutete ich, aha, auch dorthin, wo du hinwillst. Ich hatte eine Karte für zwei Personen, so dass eine weitere mitfahren konnte, aber fragte ihn sicherheitshalber: „Wohin geht denn die Reise?“
Er wandte mir nur sein Gesicht zu, der andere Körperteil signalisierte, dass er nicht bereit war, sich von seinem Vorhaben abzubringen. Bei mir schlug der Schock ein. Nicht nur, dass er in einem martialischen Kampfanzug gekleidet war, an den Seiten der Oberschenkel mit Taschen bewehrt, sie wissen schon, sein ganzes Aussehen wirkte so, als wäre er ein Dschungelkämpfer, der gerade von einem Einsatz nach Hause durfte.
Eine „plattgedrückte“ Nase sprang mir sofort ins Auge, die eher nach innen gedrückt war. Und wirklich, ein Bogen von der Nasenwurzeln bis zu den Nüstern war einge- statt nach außen gewölbt. Ich meine, wir haben in der Familie auch eine ungewöhnliche Deformation, die hin und wieder von Geburt an auftritt, immerhin wird diese aber vom regelmäßigen Besuch beim Arzt so früh als möglich operativ, stationär und ambulant behandelt, koste es, was es wolle, so dass diese kaum mehr auftritt. Aber bei ihm hat man das leider nicht für nötig befunden, vorausgesetzt, dass dies überhaupt orthopädisch möglich ist. Davon abgesehen ist das freilich auch eine rassistische Korrektur, weil, was macht’s, wenn man eine ein- oder ausgebogene Nase besitzt oder einem die oberen über die unteren Zähne stehen oder man bei Nein mit dem Kopf nickt oder bei Ja ihn schüttelt oder Schlitz-, Oval-, Kreis- oder Elipsenaugen besitzt usw.?
Er stimmte erleichtert zu, indem er stumm mit dem Kopf nickte. Ich erkannte aber uneingeschränkte Zustimmung.
Zunächst stand er noch unschlüssig herum, machte keine Anstalten wegzugehen. Taxierte er mich? Konnte er sein Glück nicht fassen? Was war los? Da ich schon im Gehen begriffen war, rief ich ihm zu. „Folgen Sie mir einfach. Der Kutscher kennt den Weg.“ Er wirkte wirklich sehr verwirrt, erschöpft und schaute sich orientierungslos um, bis er mir schließlich zum Bahnsteig nachfolgte.
Der Junge stöhnte in einem fort und sehnte sich offenbar nach seinem Zuhause. „Nur weg von hier. Bin ich froh, wenn ich endlich zuhause bin.“ War er auf der Flucht? Vor wem? Was war mit dem los, dachte ich verwundert.
Wir nahmen unsere Plätze ein, seinen Rucksack stellte er auf den Boden, und als ich ihm helfen wollte, ihn auf die Ablage hochzuhieven, wehrte er abrupt ab. „Nein, nein. Passt schon.“ Dabei legte er schnell und beschützend die Hände auf den Gegenstand. Hatte er wichtige Dinge darin? Hatte ich es mitunter sogar um einen Geheimagenten zu tun, militärischen Boten, Verfassungsschützer inkognito, was weiß ich. Ich war jedenfalls gewarnt, seine Handbewegung legte nahe: wehe dem, wenn einer dem Rucksack zu nahe kommt... Zumindest war es außer ihm strikt niemanden erlaubt, alleroberste Direktive, sozusagen.
Wie wir saßen, die Tasche in die äußerste Ecke platziert, zog er sogleich aus einer anderen Tasche eine Mappe, ein Tablet, in dem er versuchte, der Fahrtroute und besonders der Umsteigetermine kundig zu werden. Mit abrupter Zügigkeit hatte er dieses herausgetan, fast so als misstraute er meinen Fahrtkenntnissen und -wissen und müsse sofort die richtige Route herausbekommen und sicherstellen. Leider sollte ich mich wirklich beim nächsten Punkt irren und er sich nicht täuschen.
Als wir beim kommenden Bahnhof anlangten, unsere erste Umsteigestation, widersprach er meiner Behauptung, dass der Zug nach Bamberg in der Regel auf dem gegenüberliegenden Gleis stehen musste. „Ich fahre immer auf Gleis 12 ab.“ Er sollte Recht haben.
Als sich dies als Wahrheit herausgestellt hatte und wir uns in dem betreffenden Zug niederlassen konnten, beruhigte er sich zusehends. „So, jetzt habe ich es gleich geschafft!“
Wir kamen schließlich sogar in so etwas wie in ein Gespräch. Der Aufhänger war, dass er im selben Ort arbeitete, wo ich wohnte, arbeitete und herkam. Das verschaffte die Grundlage für das Vertrauen, dass er sich mir allmählich öffnete. Schwer genug war’s zunächst.
Sein Dienstort war in der anbei liegenden Kaserne unseres Ortes und auf seinem T-Shirt stand „Security!“ Das war allerdings ein offizielles Dress, wie sich bald herausstellte, nicht irgend ein Boutiquen- und Konfektionsshirt.
Er tat Dienst als Aufseher in der Kaserne, in der cirka 300 Asylanten in spe hausten, er selbst käme aus Ost-Sachsen.
„Welche Leute sind denn in der Kaserne jetzt?“
Er zählte die verschiedenen Nationalitäten auf. „Ich kann gar nicht verstehen, wieso die bei uns Asyl kriegen sollen?“ Bei denen, die er aufzählte, konnte ich es auch nicht. Da ich aber Sprachlehrer für anerkannte Asylanten war, konnte ich ihm sagen und insofern beruhigen, dass diejenigen, die hierzulande anerkannt werden, nachvollziehbar unter Verfolgung und Repressalien leiden dürften.
„Ja, aber die Russen zum Beispiel!?“
„Na, vielleicht sind es Aussiedler?“
„Wer ist das?“
„Halt Leute, die deutschstämmig sind und deren Vorfahren nach Russland vor Jahrhunderten ausgewandert waren! Oder vielmehr dorthin mit mehr oder minder falschen Versprechungen gelockt worden waren.“
„Echt?“
Er hatte davon nichts gehört.
Ost-Sachsen, Mann, waren da nicht einmal die sogenannten Schlesier aus Polen her eingewandert? Scheinbar nichts davon hatte er gehört. Diese Security-Jungs müssten dringend politische Bildungs-Unterricht bekommen.
„Für mich sind das alle Ausländer!“
Ich verbarg meinen Kopf zwischen meinen instinktiv hochgezogenen Schultern. Würde er erkennen, dass ein Elternteil von mir zugewandert war? Würde er es an meiner Sprache merken, die von dieser Seite her schwäbisch und weicher als die hiesige war? Ich hatte zwar die Heimatsprache hier studiert, aber trotzdem war ich mir nicht restlos sicher, ob man nicht noch Rückstände meiner außerdeutschen Sprachfärbung raushören konnte. Denn ich kannte solche Typen, wie ich hier leider so mich ausdrücken muss. Die wahren Deutschen waren zuerst seine Familie, dann Verwandtschaft und Clan, wonach erst einmal nichts kam, und der Rest zählte noch dazu, der einigermaßen Deutsch sprechen konnte. Hoffentlich durfte ich mich da einreihen.
Ich fühlte mich mit einem Mal sehr unwohl in meiner Haut.
Auch ich verspürte den Drang zu flüchten, wie mein Gegenüber, nun saß ich und er, wenn auch in anderer Hinsicht mitten in der Falle. Mir blieb nichts anderes übrig als bis zu unserem Bestimmungsort zu verharren. Bei einer der Kleinststationen auszusteigen, wo es gerade so dicht schneite und dort auf den nächsten Zug warten zu müssen, erschien mir nicht ratsam, nachgerade lebensbedrohlich, weil ich schon verschnupft war und kurz vor einer Grippe stand. Ich wollte nicht das Schlimmste heraufbeschwören.
Er stöhnte weiter in einem fort. „Ich will nach Hause! Endlich!“ Er musste schon einen harten Job haben.
„Was ist denn so schlimm an Deinem Job?“
„Der Dreck, die Unordentlichkeit, die Leute, die keine Disziplin haben und sich gehen lassen.“
Meine Phantasie reichte aus, um es mir vorzustellen. Schmutzige Unterkünfte, lausige Bettwäsche, dreckige Klos. Ich selbst war im Ausland gewesen, wo dortige Normalzustände hier das Chaos darstellten. Die Zuwanderer mussten sich auf einiges einstellen, wohingegen die Einheimischen nicht minder.
Ich fühlte mich so unwohl und dieses Unwohlsein spiegelte sich in der Wahrnehmung meiner Umwelt wieder. Mir fiel mit einem Mal auf, wie leer heute die Sitzplätze, die ganzen Wagons, kurzum der Zug war. Bei einer Station, bei der wir gerade hielten, entkam mir die Bemerkung: „Eigenartig, dass so wenige Menschen heute unterwegs sind!“
„Kein Wunder, weil heute Weihnachtsfeiertag ist!“ Das kam so bastaartig, kurzangebunden und festellend heraus, dass ich wie ein begossener Pudel dastand. Was hatte ich doch für eine idiotische Frage oder eigentlich Feststellung gemacht! Ich vertiefte mich in mein Buch, welches ich mir aus der Tasche gezogen hatte und jetzt unmittelbar vor meine Augen hielt, da ich, weil ich stark kurzsichtig bin und damit ich nicht zu viel wahrnehme, so mache ich es stets, wenn ich mich unwohl fühle, meine Brille abgesetzt hatte.
Ich hatte mich eine lange Zeit hinter dem Buchdeckel verschanzt, fand es aber unopportun, nicht einmal wieder eine Bemerkung einzuflechten. Mir fiel bloß keine ein. Jede erdenkliche kam mir banal vor. Noch eine Niederlage wollte ich mir nicht leisten. Ich lag ohnehin selbstbewusstseinsmäßig schon am Boden.
Dann kam mir eine, die ich aber hätte sein lassen sollen. Sagt selbst, wer rechnet mit so einer Reaktion?
Doch war ich mir so sicher, dass meine Frage unser Gespräch wieder in Gang bringen würde.
„Was steht denn übrigens auf Deinem Sweater?“ Ich wusste zwar etwas, aber, wie gesagt, irgendetwas sagen, dass die beklemmende Stille durchbrach.
„Keine Ahnung. Irgendetwas Englisches.“
„Was, Du kannst kein Englisch?“
„Mann, in dem Alter, als wir das lernten, hatte ich natürlich etwas anderes im Kopf als eine fremde Sprache zu lernen!“ Es kam so, als würde das jedermann verstehen. Nur nicht ich!
„Aber Du kannst ja noch mal beginnen!“
„Das kannst Du vergessen. Ich habe tagtäglich 12 Stunden Dienst abzureißen. Anschließend gehe ich sofort unter die Dusche und danach brauche ich meine Ruhe und Entspannung!“
Klang nachvollziehbar, bedachte man, dass der Schichtdienst jeweils 14 Tage am Stück abgeleistet werden musste.
Dagegen konnte nicht widersprochen werden.
„Mann, das verstehe ich vollkommen!“ Trotzdem fragte er, neugierig geworden: „Was steht denn drauf?“ Ich sagte es ihm. „Hätte ich mir eigentlich denken können!“, und beugte sich wieder völlig uninteressiert an Englisch und das, was auf seinem Shirt prangte, über seinen Tablet.
Ich war imstande, mich nur zu gut in seine Lage zu versetzen, so dass mir spontan die Frage über die Lippen kam: „Aber in welcher Sprache unterhälst Du Dich mit Deinen zu Betreuenden? Auf der Welt ist doch mittlerweile Englisch die Allgemeinsprache.“
„Ich finde, wenn sie hier leben, dann sollen sie gefälligst auch hier die Sprache lernen!“ Er hatte nicht einmal aufgeschaut. Dagegen war nicht einzuwenden. Jeder musste schauen, egal in welchem Land er lebte, dass er schleunigst die hiesige Sprache erlernte. Das war schließlich überlebensnotwenig. Und in Berlin oder sonstigen Metropole lebte auch nicht jeder, so dass er sich mit Englisch hätte durchschlagen können.
Ich war erneut in eine Ecke verwiesen worden. Ich sehnte mich um so dringlicher danach, dass endlich Bamberg kam. Und die Minuten verrannen zwar langsam und die Unruhe, das Gestöhne meines Gegenübers, der wie wild auf der Flucht zu sein schien, quälte mich noch mehr, aber schlussendlich endet jede Fahrt einmal.
Ich meiner Geschäftsmäßigkeit reichte ich ihm noch meine Visitenkarte. „Vielleicht, solltest Du doch einmal Zeit finden, hier meine Karte: ich bin auch Englischlehrer!“ Er musterte diese mit schief gelegten Kopf, während wir schon am Eingang, vielmehr Ausgangstür des Zuges standen, er breitbeinig, wie zum Sprung bereit.
„Bin ich froh, dass wir da sind!“
Ich nicht weniger, obwohl ich es anfänglich nicht eilig gehabt hatte. Ich war nur so zum Spaß und zur Zerstreuung nach Bamberg aufgebrochen. Mal sehen, wie die alte Stadt sich unterdessen gehalten hat, ob der Dom schon krumm dasteht und der Bamberger Reiter nicht schon von seinem hohen Ross gestürzt ist. Jetzt verspürte ich eine ziemliche Unrast.
Aber ein anderer war noch übler dran. Vor mir sah ich ihn noch bestürzt die Treppe hinunterhasten. Wie einen Flüchtling.

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Kommentare zu diesem Text


 Regina (01.01.15)
"Die Zuwanderer mussten sich auf einiges einstellen, wohingegen die Einheimischen nicht minder." Der Text ist ein Streiflicht auf eine sehr reale Situation, die vor dem Sprachkurs kommt.
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