Das Auslaufmodell oder Der Leser im 21. Jahrhundert

Sozialdrama zum Thema Leidenschaft

von  pentz

„Schau Dir den Alten an, ein Leser.“ Lachen eines anderen. „Einen vom Alten Schlag!“
Da liege ich. Im Altenheim. Ich glaube es wenigstens. Fast bewegungslos liege ich im Bett. Aber das macht nichts. Das Wichtigste für mich kann ich tun. Das, was ich schon immer am liebsten getan habe im Leben: Lesen.
„Eigentlich rührig, dass es so einen noch gibt.“ „Was laberst Du? Wen interessiert schon die Vergangenheit?“ Lachen beider. „Ja, allerdings. Vergangen ist das Lesen, das Buch vor allem, Dinosaurier, Reptil, der Steinzeitkeil des Intellekts habe ich einmal gelesen.“
Da ich schon alt bin und immer bewegungsloser werde, werde ich bis zum letzten Atemzug meiner Freude frönen: lesen. Ich liege da, Beine, Rumpf, Körper bis auf Hände starr und stumpf, aber mein Hirn ist völlig aktiv, aktiv wie je, aktiver als je mein Körper gewesen ist.
„Gell, eigenartig. Aber damals glaubten halt die Intellektuellen daran, mit der Erfindung des niedergelegten Zeichens, der Schrift, also dem String, ähm, durch das Buch vor allem könnten sie die Welt verändern.“ „Was, mit dem Buch, allerhand!“ „Gell, so naiv waren einmal die Menschen.“
Das Einzige, was mir meine Lust ein bißchen vergällt und eintrübt, sind... Aber lest selbst!
„Die Welt verändern? Was heißt das? Die Welt kann man nur verändern mit dem Computer. Aber mit dem Buch?“ „Ja, das verstehe ich auch nicht.“ „Lassen wir es sein! Los, spielen wir lieber das neue Peer-to-Peer-Game! Das ist wirklich eine Revolution.“ „Oja! Müssen wir erst downloaden.“ „Hab ich längst, was glaubst Du?“
Ja, gute Frage. Woran glauben die wohl noch, die Maschinenträger und Maschinenfetischisten, denn nichts anderes sind sie in meinen Augen. In ihren bin ich im Gegensatz die aussterbende Art, oder, wie sie es in ihrer Sprache sagen: der tickt und läuft nicht mehr lange, dieses Auslaufmodell.
Auch wenn es keiner mehr versteht, ich fröne unversagt weiter meiner Lust:  Lesen.

copyright @ werner pentz

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