Denn Geld ist das Einzige, was ich besitze

Kurzprosa zum Thema Begegnung

von  CoraLie

Mit Müh und Not habe ich einen Parkplatz in relativer Nähe zur Sparkasse ergattert.
Relativ, weil es immer noch circa 500 Meter zu laufen waren. Und dummerweise kostet dieser Umweg auch noch 3,75€, da ich ein Konto bei der Commerzbank habe..
Eine Commerzbank ist jedoch weit und breit nicht in Sicht.

An der Eckkneipe mit Biergarten werde die ich eingehend gemustert. Warum auch immer. Bis auf die Snakebites und den Sidecut ist nichts auffälliges an mir. "Hey du. Hast n bisschen Kleingeld?".
An der Frisur und dem "against meat" Print auf seiner Hose könnte man den jungen Mann oberflächlich in die Schublade Punk stecken.
"Sorry grad nicht. Hast du n bisschen Zeit? Ich wollte eh zur Bank", antworte ich ihm. Irgendwas an ihm ist sympathisch.
"Klar, ich kann dich ja begleiten", und so lief der Punk mit den gelbgrünen Haaren neben mir Richtung Geldinstitut.

Mir fällt auf, dass ich ihn gerade auf dem Weg zum Parkplatz schon gesehen habe. Er scheint gerade erst seine Runde auf der Einkaufsstraße angefangen zu haben.
"Wer bist 'n du überhaupt?", frage ich ihn. "Der Streuner. Und du?", antwortet er.
"Ich bin die Snow", wir geben uns die Hand. "Saucooler Name". Ich lächle auf Grund seines Kompliments.

Wir unterhalten uns die wenigen Minuten zur Bank lose, ich bemühe mich, die weiterhin starrenden Blicke zu ignorieren. Wir geben wohl ein seltsames Paar ab.
Er sei mittlerweile clean, sagt Streuner. Und er schnorre für eigenen Tabak. Er sei zur Zeit in Therapie wegen einer Psychose. Danach möchte er in Essen-Altendorf eine Wohnung beziehen. Und eigentlich sei er aus Kassel.
Ich weiß nicht, ob es stimmt. Aber seit dem ich beschlossen habe, diesem Menschen zuzuhören, ist es mir auch egal, ob er die Wahrheit sagt oder nicht.
Streuner erzählt noch, er habe nie gelernt mit Geld umzugehen, auf Grund seiner Drogenvergangenheit.
Das letzte klingt ein bisschen abgelesen, fast wie auswendig gelernt.


Wir erreichen die Sparkasse. Ich hebe Geld ab.
Draußen höre ich, wie Streuner andere Passanten um etwas Kleingeld bittet.
40€ für die Nagelmodellage. 30€, man weiß ja nie, wozu ich es noch brauchen könnte.
Und 5€ für Streuner.
Ich drücke Streuner den makellosen, frisch gedruckten Heiermann in die Hand. Seine Augen weiten sich und er scheint mir fast um den Hals fallen zu wollen.
Ich nicke ihm zu: "Mach 'was aus deinem Leben, ja?".


Anmerkung von CoraLie:

Ironischerweise wurde ich wenige Tage nach dieser Begegnung gekündigt.

Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (27.06.15)
Hier und da kleine Schlampigkeiten, aber gerne gelesen. Der/die Protagonist(in) ist ein interessante Mischung aus Gutbürgerlichkeit, Gutmenschentum und leicht snobistischen Hippster, so mein Eindruck. Also nicht eindimensional, sondern ambivalent.

Ich denke aber, ich spreche hier für (fast) alle, wenn ich anmerke, dass niemand weiß, warum der/die Protagonist(in) mit Schlangenbissen herumläuft (?). Und "Sidecut" - Ist das ein Haarschnitt???

 Skala meinte dazu am 27.06.15:
 Sidecut
 Snakebites

Ach Dieter... ich glaube, in diesem Fall trifft das "(fast) alle" (hoffentlich zumindest auf den Sidecut!) nicht wirklich zu. Hoffe, die Links sind für die paar, die tatsächlich nicht wissen, worum es sich bei Snakebites und Sidecut handelt, eine Hilfe.

@CoraLie und Text: Hat mir sehr gut gefallen, locker, fluffig, wie man es von dir kennt. Nur die Nagelmodellage finde ich irgendwie... ja, schräg, im Zusammenhang mit den oben verlinkten Prot-Eigenschaften. Weiß nicht, warum, aber ich denke jetzt gleich an mordsmäßige French-Klauen mit aufgeklebten pinken und türkisen Glitzerschmetterlingen (die sollten sich dann vor den Schlangen in Acht nehmen. :D ). Aber ich denke, das liegt eher an meiner verqueren Vorstellung von "Nagelmodellage".
Ein paar kleine Tippfehler sind noch drin ("seit dem" --> "seitdem z.B.) und die Zeichensetzung bei "Ich bin die Snow", wir geben uns die Hand: "Saucooler Name" finde ich persönlich ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Würde zumindest nach der ersten wörtlichen Rede hier einen Abschluss mit Punkt bevorzugen.
Aber, Kinkerlitzchen. Gern gelesen. Den Schluss finde ich großartig, zack, bumm, fertig, aus.
Liebe Grüße,
Skala.
(Antwort korrigiert am 27.06.2015)
(Antwort korrigiert am 27.06.2015)

 CoraLie antwortete darauf am 27.06.15:
Ahh vielen Dank für Kommentare & Anmerkungen :) Ich werde es zeitnah ausbügeln.

@Dieter:
Es gibt, soweit ich weiß, keine deutschen Äquivalente zu den Snakebites (tatsächlich sind die Namen für Piercings auf Latein oder eben englisch). Genau so verhält es sich beim Sidecut.
Es sind eben Begriffe, die so feststehen. Wie ein Handy. Oder Public Viewing.

Das "Warum" hat viele Antworten: das Prot mag das eben so. Oder will rebellisch sein. Oder oder oder ;)
(Ja, ich weiß, deine Frage war anders gemeint).

@Skala:
:3 Vielen Dank!
Mir ist kein besseres Wort eingefallen. Es ist eben.... Gelnägelmachen... Ganz soweit ist das aber nicht hergeholt, was du dir da generell vorstellst..
Wenn du beim Jahrestreffen bist, zeig ich dir meine ;) Nein, keine 10cm French, keine Schmetterlinge. Wobei. Könnt ich mal machen lassen :D

Vielen Dank fürs Reinlesen!

 Dieter_Rotmund schrieb daraufhin am 27.06.15:
Der Leser ist dankbar, wenn er unbekannte Begriffe (und seien sie noch so "feststehend", ich bin sicher, 80% aller Leser kennen es nicht) erläutert bekommt, man kann ja ein wenig paraphrasieren, z.B. "Bis auf die Snakebites, meinem metallenen Lippenpiercing, und dem Sidecut..."

 CoraLie äußerte darauf am 28.06.15:
Ich glaube, wir hatten unter meinem alten Nick schonmal das Gespräch.
Ich schreibe für ein bestimmtes Klientel. Kinderbücher sind für Kinder geschrieben. Krimis für Sherlocks-in-Spe. Klatsch-liebes-heftchen bei Netto-anner-Kasse für die verzweifelte Hausfrau.

Und ich schreibe eben für die Hipster-emotionale-gothicpunkrandgesellschaft-wieauchimmer Leser.
Also, irgendwie meine Generation. Oder so.

Das Paraphrasieren gefällt mir so gar nicht. Nicht, weil es von dir kommt (was du hoffentlich nicht denkst), sondern eher, weil es nicht mein Schreibstil ist. Ich versuche, recht klar und unverklausuliert zu schreiben. Diese künstlichen Verlängerungen (das habe ich in der Schule schon immer gehasst: du musst 250 Worte schreiben und hast nur 230). sind einfach nicht meins.

 Skala ergänzte dazu am 28.06.15:
Hab gerade meinen Blödsinnigen, deswegen schlage ich einfach ins Blaue vor, Sidecut durch Vokuhila (wahlweise Dauerwelle) und Snakebites durch Arschgeweih zu ersetzen, die modischen Pendants der Achtziger- und Neunzigerjahre. Die sollten doch jedem bekannt sein, und vielleicht erweitert sich dadurch ja der Leserkreis...
:D
Auf die Nägel bin ich übrigens gespannt.
(Antwort korrigiert am 29.06.2015)

 CoraLie meinte dazu am 29.06.15:
*g* das hätte was.
Oder Protagonisten, die schlaghose & quietschbunte Anzüge tragen und dazu eine goldene Puck-die-stubenfliege-brille.

Ich glaub, das verarbeitet ich mal irgendwo.

Ich halte es ganz pragmatisch: meine Leser & die, denen meine Texte gefallen, sind ein kleiner, man könnte sagen: exklusiver Kreis.
Ich mag das - damit kann man sich schön reden, unbekannt & mein Schriftsteller zu sein.

 Skala meinte dazu am 29.06.15:
Ich glaube, der Kreis deiner Leser, oder derer, denen deine Texte gefallen (könnten) ist größer, als du denkst. (Von "Hipster-emotionale-gothicpunkrandgesellschaft-wieauchimmer" bin ich nämlich höchstens das "wieauchimmer". Trotz meiner Brille. )

 CoraLie meinte dazu am 30.06.15:
:D Skala-wie-auch-immer
Genau so nenne ich dich ab heute *g*

 princess meinte dazu am 31.07.15:
Mir geht's wie Skala: Ich bin auch allenfalls das wieauchimmer deiner Zielgruppe. Trotz meines Krönchens.

 Owald meinte dazu am 18.08.15:
Ich hab diesen Gesprächsfaden nicht zuende gelesen; wollte nur noch loswerden, daß die "Nagelmodellage" für mich hier sehr gut reinpaßt, und sei es augenzwinkernd. Die ist mit identitätsstiftend für die Protagonistin.

 CoraLie meinte dazu am 25.08.15:
Für alle, die zum Jahrestreffen kommen: habe extra für euch Nägel mit Blumen & Glitzer machen lassen.

 princess (31.07.15)
Ha, ich habe sofort den tieferen Sinn dieses Textes erkannt. Rein vordergründig handelt es sich um das Vergnügen einer Begegnung. Aber in Wahrheit ist es ein Lesevergnügen!

 Owald (18.08.15)
Der Titel machts rund. Spätestens der.
- Gelungen, ja.
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