Neulich in Israel oder: (nicht wirklich) neues aus Absurdistan

Text zum Thema Absurdes

von  Peter

Ich stehe in Tiberias vor einer Ampel im Stau. Hinter mir ertönt die Sirene eines Rettungswagens. Also fahre ich rechts auf die Bushaltestelle - Rettungsgasse bilden!!!! Die Autofahrer hinter mir bedanken sich auf ihre Weise und ziehen links an mir vorbei. Nun bin ich "zugeparkt". 10 Meter weiter führt eine Seitenstraße auf die Hauptstraße, von der sich Rettungswagen-oder-nicht Auto um Auto in die Schlange zwängt, während der Rettungswagen geduldig seine Sirene ertönen lässt und etwa vier Minuten später weiterfahren kann.

Einkaufen am Schabbat ... das geht. Du fährst halt zu einem arabischen Supermarkt. Und triffst dort überwiegend Juden und nur solche ohne Kippa und Schläfenlocken. Der Laden ist nicht voll, er ist gerammelt voll. Der Parkplatz ebenso. Die rot-weiß markierten Bordsteine an den Straßen vor dem Gelände (rot-weiß = Parkverbot, blau-weiß = parken erlaubt) sind vor lauter parkenden Autos nicht zu erkennen. Du fährst also auf dem Parkplatz deine Runden, bis du jemanden siehst, der in gemächlichem Schabbat-Tempo seinen Einkauf verstaut - du setzt den Blinker links und hältst an. Allem Gehupe hinter dir zum Trotz, und wartest, bis sich irgendwann besagtes Auto in Bewegung setzt. Heute ein König - ohne Bier - fährst du auf die Parklücke zu ... und kommst nicht rein. Vor dir steht eine Dame, weicht keinen Schritt zur Seite und zeigt auf den Wagen, der in der nächsten Kurve stand und nun rückwärts auf dich zurollt. Gesten mit Händen und Füßen ("ich war erster!!!!") werden mit dem Zeigefinger auf das an rollende Auto und einem Lächeln quittiert. Du setzt zurück, und alle hupenden Autofahrer hinter dir irgendwann zwangsläufig auch, weil das KFZ vor dir bedrohlich und unaufhaltsam näher heranrollt und du ebenso auf deinen Hintermann.
Daraus lernst du für´s Leben und stellst dich beim nächsten Einkauf einfach an die benachbarte Tankstelle und parkst dort in zweiter Reihe neben den Zapfsäulen an einer rot-weißen Bordsteinkante, wie fünf andere auch.

Vorfahrt im Kreisverkehr? "Defensives Fahren" gehört offensichtlich nicht in den Lehrkatalog der israelischen Fahrschulen. Die Leute heizen förmlich in den Kreisverkehr rein, allen Stop-Schildern und breiten weißen Balken zum Trotz. Bist du im Kreis und gehst vor Schreck vom Gaspedal, wird das als einvernehmliches Gewähren der Vorfahrt gewertet. Daher: Fahre (im Kreis) stets offensiv, und die Leute latschen brav auf die Bremse - oder du kommst weder aus dem Kreis raus noch sonst woanders vom Fleck!

Bier kaufen an Pessach? Geht! Allerdings nicht in großen Supermärkten. Da sind alle Regale mit Nicht-koscher-für-Pessach-Lebensmitteln mit undurchsichtigen Plastikfolien verhängt und verklebt. Und warum auch Bier? Weil Bier Hefe enthält und Hefe nach rabbinischem Gebot mit Sauerteig gleichgesetzt wird. Also gehst du in den kleinen 20-m²-Supermarkt (die heißen alle Supermarkt, auch wenn sie nur Platz für einen Tresen bieten), hinter dessen Verkaufstresen jemand steht, der nicht orthodox aussieht, und fragst leise nach Bier. Er nickt verständig, geht aber zunächst vor die Tür, um zu sehen, ob Gefahr im Anmarsch ist in Form von Hut, Mantel und Schläfenlocken, bevor er hinter die dicke (nicht-verklebte) Folie greift und dir dein Bier nach Wunsch schnell in schwarze Plastikbeutel packt. Am Schabbat während des Pessach wartest du besser, bist du der einzige Kunde im Laden bist.

Kommentare zu diesem Text

Graeculus (69)
(27.06.18)
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