Der Bär kam pünktlich zum Frühstück.

Geschichte zum Thema Natur

von  Jedermann

Die zweite Nacht, dieses Mal hat jeder zwei Stunden zu wachen. Fünf Leute sind im Camp verblieben. Ich bin von 2 bis 4 Uhr dran. Keine so gute Zeit, der Schlaf ist zerstückelt. Aber es ist ja hell. Ein feiner Sprühregen fällt vom Himmel. Der Bärenwachplatz liegt etwas über dem Camp. Ein kleines Lager, wir haben ein Küchenzelt und drei Schlafzelte aus schweren alten Zeltplanen mit schweren Holzstangen errichtet.
Ich übernehme das Fernglas und begebe mich zum Wachplatz. Das Meer unter mir – unterhalb der Steilküste – ist ruhig, grau und wirkt fast ein wenig ölig. Aber man sieht den Meeresboden, nicht durchgehend, doch ziehen sich sichelförmig Sandbänke nach draußen, wo sie im tieferen Wasser verschwinden. Das Tal, an dessen Mündung unser Lager liegt, schneidet sich in den Bergrücken ein, nicht wild, fast schon ein wenig lieblich. Der Fluss rauscht. Was doch so ein permanenter Sprühregen einbringt. Ich habe das Gefühl, der Fluss ist im Vergleich zu gestern um das Doppelte angeschwollen.
An einem Fleck kann man nicht stehenbleiben, dafür ist der Wachplatz nicht geeignet. Um alles überblicken zu können muss man kleine Runden drehen, nicht viel, nicht lang, einige Zehner Meter in der Runde. Links und rechts entlang der Küste hat man viele hunderte Meter weit Einblick. Es heißt ja, dass die Eisbären lange Strecken zurücklegen und daher gerne an der Küste entlang wandern. Der Blick über die beiden Küstenabschnitte ist hervorragend. Wenn sich etwas Weißes nähert, kann man rechtzeitig reagieren. Anders verhält es sich mit dem Einblick in das Tal. Schon nach 300 Metern wird es schwierig alles zu erkennen. Geht man seine Runde zu langsam, könnte der Bär sich dort unbemerkt bis auf 100 m annähern. Und gar der Moränenhügel direkt über dem Wachplatz, wenn er dort plötzlich auftaucht, ist es fast zu spät, wenn er mit der Schnelligkeit des Sprinters auf einen zurennt. Na ja, dann kann man nur noch brüllen und hoffen, dass unser Guide mit seinem halb geladenen Gewehr rechtzeitig zur Stelle ist.
Es ist schön auf dem Platz, trotz des Sprühregens. Kleine Wolken fließen ins Tal und umziehen den Moränenhügel. Der Boden ist dicht bewachsen mit Moosen, Flechten, arktischer Weide. Dort stehen Pilze, die arktische Weide überragend. Warme gelb-braune Töne zeichnen die Vegetationsdecke jetzt zum Ende des Sommers. Und überall Kot von Rentieren, Schneehasen und Füchsen. Der verrottet sehr, sehr langsam. Vorhin standen Rentiere seitlich des Moränenhügels und ästen, da ist bestimmt kein Bär in der Gegend.
Erschrecken! Was ist das Weiße dort hinten im Tal? Immer wieder schaue ich durch den Feldstecher. Es bewegt sich, kommt aber nicht näher. Es ist bewegt. Ja, das ist der kleine Wasserfall, mächtig angeschwollen durch die Niederschläge, weiß schäumend in 300 Metern Entfernung. Ich schaue immer mal wieder zu diesem Fleck, um sicher zu gehen, dass ich mich nicht geirrt habe. Ja, es ist der kleine Wasserfall!
Es ist schön hier. Ich wünsche mir, dass wir die gesamte geplante Zeit hier verbringen können. Die Wolken ziehen jetzt leicht seitlich über das Tal. Vielleicht hört es doch bald auf zu nieseln. Da kommt meine Ablösung. Ich übergebe den Feldstecher und gehe schlafen. Die Sachen sind doch etwas feucht geworden, dafür ist es umso kuscheliger im Schlafsack.
Der Nieselregen hört nicht auf. So lassen wir uns Zeit mit dem Frühstück. Wir werden heute nur in der Umgebung messen.
Unser Guide hat bereits gestern leckere Linsen gekocht, die Reste gibt es heute zum Frühstück. Wir sitzen im Küchenzelt nur T. hat sich noch einmal hingelegt, ihn haben Wache und Feuchtigkeit doch etwas mitgenommen. Wir haben ja Zeit! Der Ofen ist warm, die weiße kleine Rauchfahne entwindet sich dem Ofenrohr über dem Küchenzelt. Wir werden uns heute Zeit lassen, das Wetter ist schließlich nicht so geeignet um lange Märsche und Messungen durchzuführen. Morgen kann das Wetter schon ganz anders sein!
Ich stehe vor dem Küchenzelt, schaue aufs Meer. Ein Boot zieht entlang. Die erste Touristentour nach Pyramiden, denke ich, aber das Boot steuert auf unser Lager zu. Ich informiere unseren Guide, soll er doch mal über Funk fragen, was sie wollen. Das Boot ist bereits recht nah am Lager.
„Hello village people, have you noticed the bears behind the hill?“ Gleich in der Mehrzahl! Mal ehrlich, eigentlich war ich der Meinung, dass wir keinen zu Gesicht bekommen werden. Schließlich ist es Sommer, das Packeis zum Robbenfang weit entfernt im Norden.
Aufregung – klare Anweisung des Guides: alle rauf zum Bärenwachplatz. Alle rauf zum Wachplatz und dort sammeln. Wir gehen alle auf den Bärenwachplatz, da liegen sie, keine 400 m von uns entfernt auf einem kleinen Hügel, eine Mutter mit ihren zwei Jungen. Beide Seiten beobachten. Wir gehen in Zweiergruppen zu den Zelten, um das Allerwichtigste zusammen zu packen. Ich habe alles. Als ich hochschaue ist der Rest der Gruppe bereits im Rückzug über den Fluss. Die Bärin steht mit ihren beiden Jungen auf dem Wachplatz über dem Lager. Nicht alle schaffen sich die Gummistiefel anzuziehen und durchwaten den Fluss mit normalen Schuhen. Da stehen wir auf der anderen Seite und die Bärin noch über dem Lager schaut uns an: „Wann verschwindet ihr endlich?“
Wir treten den Rückzug an, entlang der Küste. Es könnten vielleicht 6 bis 7 km Fußmarsch sein, bis wir Handyempfang haben werden.
Wir laufen und schauen uns häufig um, aber kein Bär folgt uns. Natürlich, die sind nicht an uns interessiert, das leckere Fressen im Lager war der Grund ihres Besuchs.
Ich stelle mir vor wie sie das Lager verwüsten, die Fässer aufbrechen, die Schlafsäcke und Zelte zerfetzen. Wir sind kaum 500 m gelaufen, da nähert sich ein Helikopter, fliegt an uns vorbei zu unserem Camp. Wer hat den wohl gerufen?  Vielleicht hat die Schiffsbesatzung die Sysselmannen informiert, wir wissen es nicht. Vertreibt wohl die Bären, komisch, dabei darf man das doch nicht - Bären vertreiben. Zumindest wir dürfen das nicht, sondern bekamen die klare Anweisung im Falle eines Treffens – und das ist ja nun passiert – das Feld zu räumen. Der Helikopter kommt zurück, dreht eine Schleife und landet 200 m vor uns am Strand am Fuß der Steilküste. Diese seitlich vom Meer vollführte Landung erinnert mich an Szenen aus James-Bond-Filmen. So ein Helikopter ist unglaublich laut, der Lärm wirkt besonders stark in dieser ansonsten so ruhigen Landschaft. Zwei Leute steigen aus, kommen uns entgegen. Sie lassen sich informieren und inspizieren unsere Waffen. Wir dürfen einsteigen. Ohrenschützer – natürlich sind das Kopfhörer mit Sprechverbindung – werden verteilt, das ist auch dringend notwendig. Wir heben ab und fliegen noch einmal zum Camp. Dort werden alle Lebensmittel eingesammelt und verladen. Die Zelte stehen noch. Die Bärenmutter hatte keine Zeit unser Lager in Beschlag zu nehmen. Wir fliegen nach Longyearbyen. Mein erster Helikopterflug!
Später erfahre ich die Gründe für das plötzliche Auftauchen der Sysselmannen und deren Handlungen. Die Bärin ist mit einem Peilsender versehen, der allerdings nicht in kurzen Intervallen getrackt wird. Solche Sender tragen ausschließlich Weibchen. Die Männchen besitzen einen zu kurzen Hals und könnten daher den Sender abstreifen. Als die Bärin in die Nähe unseres angemeldeten Lagers kam, wurde der Helikopter losgeschickt. Mit der Vertreibung durch den Helikopter verhält es sich folgendermaßen: Eisbären gelten als intelligent. Sie vererben auch neu angelernte Verhaltensmuster. Die Jungen sollen nicht lernen, ihre Ernährung auf menschliche Lebensmittel umzustellen. Es gab Bären, die fast nur noch Nahrung an menschlichen Siedlungen suchten, in Hütten einbrachen. Zuerst wurden sie betäubt und ausgeflogen. Kamen sie jedoch immer wieder, erschoss man sie, da sie als Kulturfolger zur permanenten Gefahr für Menschen wurden.
Am nächsten Tag fahren wir bei herrlichem Sonnenschein und glasklarer Luft – wir haben direkt Wind aus dem Norden, vom Nordpol – mit dem Boot rüber zum Camp. Die Bergrücken sind weiß vom gefrorenen Wasser, die Luft blau. Das Lager ist nahezu unversehrt, aber wir müssen abbauen, schließlich kann die Bärin wiederkommen! Hier ist Bärenland und wir müssen gehen!

Kommentare zu diesem Text


 tueichler (27.02.21)
Unaufgeregt, gut geschrieben!

 Jedermann meinte dazu am 03.03.21:
Danke, für die unaufgeregte Charakterisierung :)
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