Die Brautwerbung

Kurzgeschichte zum Thema Hass

von  Quoth

„Was will dieser Mann?“, fragte die bleiche Mutter. Sie erhielt die Antwort: „Er will Mildred heiraten!“. Sie vergaß es aber sofort wieder und fragte erneut. Irritiert und verängstigt schaute sie zwischen ihrem Mann und mir hin und her und kratzte ihre fetten Oberarme blutig. Mein künftiger Schwiegervater bedang sich Bedenkzeit einer Nacht aus und bestand darauf, dass ich mit Mildred nicht das Zimmer teilte. Seine Tochter benutzte die Gelegenheit, ihm reinen Wein einzuschenken, die Folgen bekam ich sofort zu spüren, als ich am Morgen darauf mein Zimmer verließ. Im Treppenhaus musste ich mich der Gardinenpredigt meines künftigen Schwiegervaters stellen. Er kam von oben herab, beschwerte sich über eine hundsmiserable Nacht und fragte mich mit kaum unterdrückter Wut, was ich mir eigentlich dabei gedacht hätte, seine Tochter zu schwängern, ob das nicht Zeit gehabt hätte bis nach der Eheschließung, eine Braut mit so einem Bauch – er umschrieb ihn riesengroß wie einen Medizinball mit der Hand, obgleich sie erst im dritten Monat war – sei nun alles andere als ein ästhetischer Anblick und gebe darüber hinaus Anlass zu Getuschel unter den Gästen, wenn man nicht lieber auf eine Hochzeitsfeier ganz verzichten wolle. Das Ästhetische interessiere mich ebenso wie das Getuschel einen feuchten Staub, erwiderte ich. Ich hätte seine Tochter geschwängert, weil er sie mir ungeschwängert niemals herausgerückt, sondern sie seinem versoffenen stillen Teilhaber, bei dem er hoch verschuldet sei, ins Bett gelegt hätte. Dann müsse er mir bedauerlicherweise mitteilen, dass er die Hunderttausend, die er seiner Tochter als Mitgift versprochen habe, auf Zehntausend reduziere. Er habe nicht die Absicht, sich zum Gespött zu machen, weil er sich von einem Mitgiftjäger habe hereinlegen lassen. Sein Kopf war hochrot angeschwollen, er klopfte mir mit aggressiver Kumpelhaftigkeit auf die Schulter und prophezeite: „In einem Jahr seid ihr sowieso wieder auseinander!“ Ich spürte, wie gern er mich zusammengeschlagen hätte, und als ich abends von Mildred hörte, ihr Vater habe sie als Hure beschimpft und angespuckt, war ich alles andere als erstaunt. Mildred und ich sahen einander an. Tränen liefen ihr über die Backen, die sie unwillig abputzte. Das war kein Spaß mehr, aber aus ihren Augen sprach so viel Hoffnung darauf, sich als Mensch und Tochter nicht länger entwürdigen lassen zu müssen von diesem Vatertier, dass ich wusste, was ich zu tun hatte. Unsere Liebe flog nach einem Jahr zum Fenster hinaus – aber wir trennten uns erst, als der Alte sich bei einem Sturz vom Baugerüst das Genick gebrochen hatte.

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Kommentare zu diesem Text


 AlmaMarieSchneider (16.11.21)
Das ist ja makaber :). Ich hoffe da wurde nicht nachgeholfen.
Gut geschrieben.
LG
Alma Marie

 Graeculus meinte dazu am 16.11.21:
ich wusste, was ich zu tun hatte.
Das nehme ich doch stark an, daß da nachgeholfen wurde.

 Quoth antwortete darauf am 18.11.21:
Hallo AlmaMarie und Graeculus! Auf die Idee bin ich, offen gestanden, nicht gekommen. Aber ich kann Herbert Eisenpflicht, den Vorbesitzer des dänischen Sekretärs, nicht fragen. Aber ich habe in Altona sein Grab gefunden. Er lebte von 1940-1996. Auf seinem schlichten Grabstein steht: "Nichts für ungut!" Gruß Quoth

 AchterZwerg (17.11.21)
Mir gefällt, dass hier nicht zwischen den sog Guten und Bösen unterschieden wird. :)

 Quoth schrieb daraufhin am 18.11.21:
Hallo AchterZwerg, ja das stimmt wohl; da haben sich die beiden richtigen gefunden! Danke und Gruß! Quoth

 Lluviagata (22.11.21, 13:11)
Rache ist süß? Hier kommt sie eher vor Wut schäumend daher. Finde ich gut, weil ich mich als Leser so voll identifizieren kann mit dem geschassten Ehewilligen.

Hier sticht das Wort "bedang" hervor, das ich erst googlen musste, da ich keine Ahnung hatte, welchen Wortstamm es eigentlich hat. Erfahren konnte ich, dass es von "bedingen" kommt. Er bedingte sich eine Nacht Bedenkzeit? Er ...erbat wäre zu zahm, ich weiß, aber so komme ich nicht aus dem Grübeln. Dat soll so, ich weiß, Quoth! ;)

Liebe Grüße
Llu ♥

 Quoth äußerte darauf am 22.11.21 um 16:55:
singen, sang, gesungen
wringen, wrang, gewrungen
bedingen, bedang, bedungen (Er hat sich eine Bedenkzeit ausbedungen)

Ob hier eine schwache Version schon üblich ist?
Vielen Dank für Befassung! Gruß Quoth
Navarone (31)
(02.12.21, 08:09)
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