Interpretieren Sie Ihr liebstes Gedicht!

Text

von  Quoth


Mein liebstes Gedicht ist das folgende:

 

Geboren im Park,

springt der beschattete

Quell fröhlich hinaus,

wo Wiese und Weite glänzt,

schwillt zum Strom,

ernährt Länder und Städte

und geht schließlich

im Vater, im Ozean, auf.

 

Von wem es stammt, weiß ich nicht genau. Ich glaube, es ist von Hölderlin, konnte es aber bisher in keiner Werkausgabe finden. Es ist ein ganz simples, normales Gedicht, wie ich meine, mit Ausnahme der Reime, die es nicht besitzt, was mir sehr gefällt. Reime haben was Künstliches, es gibt Reimlexika, in denen reimende Dichter verzweifelt nachschlagen, und das erscheint mir, Verzeihung, primitiv. Auch bei ihm, dem unbekannten Dichter, singt und klingt die Sprache. In Wiese und Weite stabreimt das alte Germanentum, das wir trotz seines Missbrauchs in der Nazizeit nicht völlig verdrängen wollen. Park und beschattet, Vater und Ozean, da ist es, das schöne, das staunende A, das er ja sagen und klagen lässt. Später dann herrscht das demokratische Ä vor: Es glänzt und ernährt in Länder und Städte und setzt sich gemächlich vom klaren und uralten A ab, dem feudale Züge anhaften wie z.B. der Park, aus dem der Strom kommt. Im Strom orgelt das große O wie in Sohn, und in der Tat ist ja der Strom ein Sohn, nämlich des Ozeans, in dem sich das liebe O mit dem adligen A hochzeitlich verbindet, Sohn und Vater werden eins. Ist das nicht hübsch interpretiert? Das war sozusagen der formale Teil, oder sind noch ein paar Silbenzählereien gefällig? Jamben und Trochäen lassen sich im Deutschen schwer auseinanderhalten, weil man nie weiß, was Auftakt und was Versmaß ist. Wer das Gedicht ein bisschen mit Gefühl und drive – Verzeihung, das ist aus der Jazzsprache und bedeutet rhythmische Spannung – liest, merkt schon, worum es geht und braucht keine Anapäste und apoplektischen Verse, wenn ich letzteren Witz mir erlauben darf, lieber Herr Lehrer, und Ihrem Herzen die beste Gesundheit wünschen. Wir kommen zum Inhaltlichen. Inhaltlich, könnte man meinen, der Dichter hätte gerade die Moldau von Smetana gehört, als er das Werklein schrieb. Das kann jedoch nicht angehen, weil Hölderlin, wenn er denn der Verfasser war, als Smetana die Moldau schrieb, meines Wissens schon tot, zumindest aber schon verrückt war. Oder war er gar nicht verrückt? Eine Frage, mit der man mutmaßlich Bände füllen und Kongresse beschäftigen könnte, weshalb ich ihr ausweiche und frage: Warum wird der Quell im Park und nicht im Wald geboren? Mir scheint das die Kernfrage des Gedichts zu sein. Einen Park stelle ich mir gepflegt vor mit weißen Statuen zwischen dunkelgrünen Taxus-Hecken, mit Lauben, Grotten und lauschigen Winkeln, vielleicht sogar einem Labyrinth, in dem man herumirren und dem aufreizenden Gekicher irgendwelcher Hofdamen nachlaufen kann. Hier soll ein Strom entspringen? Möglicherweise als kunstvoll rieselnder römischer Brunnen? Man merkt daran, dass von einem Fluss gar nicht die Rede sein kann, sondern von etwas anderem, das in das Bild des Stromes kunstvoll eingegossen und mit ihm verschmolzen ist. Vielleicht das Leben des Dichters, das in behüteter, beschatteter Kindheit, zum Teil möglicherweise in fürstlicher oder großbürgerlicher Behaglichkeit beginnt, um dann ins Offene, Unbehütete, Demokratische, in den Lebenskampf der Länder und Städte hinauszufließen wie z.B. das Leben Edgar Poes, der von seinem steinreichen Ziehvater aus dem Hause geworfen wurde. Wahrscheinlich träumt der Autor davon, einmal ein großer Dichter zu sein, dessen Worte von den Volksmassen wie Manna aufgesammelt und verzehrt werden; anders ist das Ernähren nicht zu erklären – o, jetzt fließt mir schon ein Reim herein wie Honigseim. Ein Wort, das mir stärkstens missfällt, ist „schließlich“. Hier ist dem Verfasser offenbar nichts Besseres eingefallen, und die einzige Entschuldigung finde ich in der Tatsache, dass „schließlich“ an Fließen anklingt, ein Wort, das im Gedicht eigentlich vorkommen müsste, aber nicht vorkommt. Eigenartig ist nun, dass das Dichterleben, das im Park oder Fürstengarten begonnen haben soll, im Ozean, den der Verfasser „Vater“ nennt, endet und aufgeht. Betrachtet man die Geschichte, so vollzieht sich in ihr doch eigentlich die umgekehrte Bewegung: Von der Natur in die Kultur, und auch ein Menschenleben beginnt mit dem namenlosen kleinen Fressschlauch Baby und führt dann in die unendlichen Bildungsbemühungen von Eltern, Schule und Gesellschaft. Dass also die Natur das Ende und Ziel der Bewegung und nicht ihr Anfang ist, erfüllt mich mit maßloser Bewunderung dieses im Übrigen allenfalls durchschnittlichen Gedichts; denn auf einmal spürt man die Sehnsucht des „Zurück zur Natur!“ als in die Zukunft gerichtet, die Möglichkeit eines „Jenseits“ der verunglückten menschlichen Zivilisation dämmert herauf und wird zum Bild des Vaters Ozean, in den alles Wasser, vorwärts eilend, zurückkehrt.



Anmerkung von Quoth:

Ein Aufsatzthema aus den 50er Jahren, für das ich mich erneut auf die damalige Schulbank setzte.

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Kommentare zu diesem Text


 Dieter_Rotmund (13.07.22, 16:39)
Eine Werksausgabe, die nicht vollständig ist, darf sich eigetnlich nicht Werksausgabe nennen. Außerhalb dieser sollten sich eigentlich nur Fragmente, Briefe u.ä. befinden.
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