Strafarbeit

Essay

von  Quoth

Wer mich bestrafen will, sollte mir keinen Aufsatz aufgeben; denn Aufsätze schreibe ich für mein Leben gern! Sie haben mir also, geschätztester Pädagoge, einen Gefallen getan, als Sie mich verdonnerten, über mein Verhalten im Unterricht schriftlich nachzudenken. Das tue ich hiermit und stelle sogleich einen Gegensatz fest, ja, eine Aporie, falls ich Ihre sicherlich umfangreichen Fremdwortkenntnisse mit diesem Ausdruck nicht überfordere. Auf der einen Seite das Recht des Lehrers, die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Schüler zu genießen, auf der anderen Seite das Recht der Schüler auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit (Art. 2 des Grundgesetzes) auch im Unterricht. Beide Rechte lassen sich nicht immer miteinander zur Deckung bringen. Insbesondere sollte ein Pädagoge, dessen Schüler zur Disziplinlosigkeit neigen, sich einmal zu fragen geruhen, ob es nicht an der Qualität seines Unterrichts – oder deren Fehlen – liegt, wenn niemand sich für das interessiert, was er vorbringt. Die meisten Lehrer huldigen immer noch dem längst überholten Modell des Frontalunterrichts: „Wenn alles schläft und einer spricht,/ so heißt das Arbeitsunterricht,“ reimte man vorzeiten. Warum kommen Sie nicht mal auf die Idee, uns den Unterricht über ein Thema selbst organisieren zu lassen? Wir wissen schon genug, um die Beschaffung von mehr Wissen methodisch anzugehen. Verlassen Sie sich drauf: Es funktioniert! Stattdessen dröhnen Sie uns Stunde für Stunde mit Wissen und Fakten voll, bis wir schon aus reinem Selbsterhaltungstrieb oder um nicht einzuschlafen mit unterhaltsamen Gesprächen beginnen. Diese Gespräche sind ja nun keineswegs überflüssig und dumm, oder zumindest sind sie es nicht immer! Dies aber unterstellen Ihro Gnaden, wenn Sie sie ohne jede Nachfrage zu unterbinden suchen. So stritten mein Banknachbar und ich heute über die Frage, ob ein Künstler denselben moralischen Maßstäben unterliege wie ein Normalbürger. Er meinte ja, ich meinte nein, und Sie können sich vielleicht vorstellen, dass dieses Thema uns weitaus mehr interessierte als das Perfekt der Modalverben. Oder sind Sie nicht mit mir der Meinung, dass ein Künstler, getrieben von seiner irrationalen Genialität, das Recht haben müsse, auch über Leichen zu gehen? Caravaggio z.B., der gewaltige Maler des Helldunkel, war ein Mörder; hätte man ihn deshalb hinrichten und der Menschheit eine Reihe von Bildern entziehen dürfen, die seine zwar blutbefleckte, aber eben geniale Malerhand noch zu schaffen imstande war? Ja, erwiderte mein Banknachbar, dann wolle ich wohl auch Adolf Hitler rechtfertigen, der ja ebenfalls Maler gewesen und über Millionen von Leichen ungerührt hinweggeschritten sei? An dieser Stelle, Herr Belehrer, unterbrachen Sie unser Wortgefecht, so dass ich nicht dazu kam, zu replizieren, was ich hiermit nachhole: Hitler ist eben genau der Fall dessen, der sich über moralische Grundsätze erhaben dünkt ohne jede Genialität. Ebenso leidenschaftlich wie verschwommen hat er sich in wagnerische Gesamtkunstwerkphantastereien hineingebläht, ohne doch je etwas anderes zustande zu bringen als den Furz eines aufgeplusterten, mit dem Storchschnabel vergrößerten Klassizismus. Nun sagen Sie noch, unsere Gespräche ermangelten der Substanz! Das Perfekt der Modalverben aber habe ich mit dem anderen Ohr durchaus noch mitbekommen können, wie Sie aus diesem Satz unschwer zu ersehen vermögen. Ich bitte Sie deshalb, sich in Zukunft bei der Unterbrechung und Störung meiner Gespräche mit dem Banknachbarn etwas größerer Zurückzuhaltung zu befleißigen.




Anmerkung von Quoth:

Graeculus und allen hier versammelten (Ex)Lehrer*innen gewidmet.

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Kommentare zu diesem Text


 Graeculus (04.05.22, 23:53)
Da erkennt man doch, daß ein Regelverstoß (Strafarbeiten sind verboten) auch sein Gutes haben kann. Wenn jetzt noch der Lehrer auf die spannende Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Moral eingegangen wäre ...

Beim Irrealis allerdings sollte man nicht abschalten, denn den halte ich für eine/die Grundlage der Kunst.

Der in der Nähe von Ulm gefundene Löwenmensch ist ca. 40000 Jahre alt, aus Mammut-Elfenbein geschnitzt und der mit Abstand älteste bislang gefundene Beleg dafür, daß der menschliche Geist einer Sache eine physische Form gab, die er nie gesehen haben kann.
Der untere Teil der Figur ist menschlich, der obere hat die Gestalt eines Höhlenlöwen, wie er damals, in der letzten Eiszeit, in Europa lebte.

Ach, wie interessant kann Unterricht sein - und wie schrecklich!

 Quoth meinte dazu am 06.05.22 um 10:45:
Hallo Graeculus, Deine Erwähnung des Irrealis zeigt mir: Du hast erkannt, diese Geschichte ist komplett fiktiv ... Nun, aber das ist es ja gerade, was mich erfreute, als ich sie schrieb! Ähnlich wie es den Steinzeitmenschen erfreute, als er dem Menschenleib den Löwenkopf aufsetzte! Herzlichen Dank für Empfehlung und Kommentar! Quoth

 Regina (05.05.22, 07:23)
Ganz neu ist dieser Konflikt nicht: Frontalunterricht gegen kurzweilige alternative Formen des Wissenserwerbs. Es ist nur ein scheinbarer Gegensatz, denn Frontalunterricht mit witzigen Sprüchen gewürzt, wird nicht langweilig sein, während ein Spiel den Lernertrag enorm verlangsamen kann. Die Wahrheit liegt, wie oft, in der goldenen Mitte.

 Quoth antwortete darauf am 06.05.22 um 11:43:
Hallo Regina, der Text bezieht sich auf das Denk- und Erfahrungsumfeld der 50er Jahre, damals war es durchaus noch neu, den Frontalunterricht in Frage zu stellen. Dank für Empfehlung und Kommentar! Gruß Quoth

 AchterZwerg (05.05.22, 11:09)
Erstaunlich,
wie intensiv eine erhaltene Strafarbeit den nunmehr über 80jährigen Autor noch beschäftigen kann. 8-)
Derzeit (!) stellen sich Schwierigkeiten wohl anders dar. Die Eltern der lieben Kleinen verlagern häusliche Probleme immer mehr in das Schulgeschehen und erwarten von der unterbesetzten Lehrerschaft Lösungen. In sehr großen Klassen mit hohem Anteil an Kindern mit Migrtionshintergrund. -

Adolf Hitler ist übrigens zweimal durch die Aufnahmeprüfung der Wiener Kunstakademie gefallen; so ist uns immerhin ein eher schlechter Maler erspart geblieben. Den Göttern seis gedankt!

Nett grüßt
der8.

 Quoth schrieb daraufhin am 06.05.22 um 11:49:
Hallo AchterZwerg, der über 80jährige Autor hat nie eine Strafarbeit bekommen, der Text ist, um mit Graeculus zu sprechen, ein Löwenmensch. Die von Dir beschriebenen Probleme sind gravierend, es wäre schön, wenn andere (Du?) durch sie zu lesenswerter Fiktion animiert würden! Gruß Quoth

 RainerMScholz äußerte darauf am 06.05.22 um 23:16:
Maler wäre vllt. besser gewesen.

 Dieter_Rotmund (05.05.22, 11:58)
Neee, Quoth, das kannst du besser. 
Ich kann verstehen, du willst dich mal auskotzen, weil du schlechte Erfahrungen mit deinen Lehrern gemacht hast, aber das ist wirklich nicht dein bester Text, ich warte lieber auf den nächsten.

 Quoth ergänzte dazu am 06.05.22 um 11:52:
Hallo Dieter_Rotmund, ich bin auch zufrieden, wenn es nur mein zweitbester Text war! 8-) Gruß Quoth

 RainerMScholz meinte dazu am 06.05.22 um 23:19:
Die Kritik klingt nach dem Rattenripper irgendwie. Bist du hier doppelt angemeldet?
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