Soll man seine Heimat lieben?

Essay

von  Quoth

 

Auf den ersten Blick antworte ich: Ja! Auf den zweiten aber wird alles fraglich. Kann man eine so elementare Liebe wie die Heimatliebe moralisch befehlen? Ist es nicht mit ihr so, dass man sie hat – oder man hat sie nicht, und im letzteren Fall wird man sie nie haben und sich für ein anderslautendes „du sollst“ einfach nicht interessieren? Und was ist Heimat? Heimat ist wie Eltern: Man sucht sie sich nicht aus. Schon deshalb wäre es furchtbar, sie lieben zu müssen. Lieben kann man doch nur dasjenige, wofür man sich frei entschieden hat! Eltern aber hat man. Man wächst unter ihren Händen und Gesichtern auf, saugt sich voll mit ihren Blicken, Gedanken, Worten, Ängsten, Empfindungen und hat dann eines Tages so viel von ihnen, dass man auch die kleinste Regung in ihren Mienen sofort richtig deuten kann. Liebt man sie deshalb schon? Man kennt sie! Und dieses bloße Kennen verbindet auf so starke Art und Weise, dass Liebe eine Abschwächung wäre. Wenn man sie liebte, um einem moralischen Befehl zu gehorchen, so wäre das schrecklich. Wer seine Eltern nicht liebt, ja, vielleicht hasst, ist das nicht ein furchtbar gestrafter Mensch? Wird er nicht Gründe für seine Ablehnung haben? Darf man sein Unglück durch die schneidende Pflicht zu gegenteiligem Empfinden noch erhöhen? Genauso ist es mit der Heimat. Vieles an ihr missfällt. Aber gerade dieses verknüpft vielleicht stärker mit ihr als die Vorzüge, weil am Missfallenden das junge Urteilsvermögen sich früh hat schulen und seine Schärfe erproben können. Wie liebenswürdig sind viele Fehler, wenn man sie recht besieht! Gibt es nicht dumme und anmaßende Beamte überall auf der Welt? Und zerreißt sich die Bigotterie nicht an den hübschesten Orten das Maul? Überall tarnt sich Geschäftemacherei als Fortschritt, und auf kaum einer Schule wird das Vorurteil nicht zum Ideal vergoldet. Man kann gehen, wohin man will, überall herrscht der Schein. In straffen Falten hängen die Gardinen, aber was sich dahinter verbirgt, sind Suff und Sucht, Anmaßung und häusliche Vergewaltigung, Kindesmissbrauch und Sadismus. Wie lieb man das haben muss, wenn man einmal durchschaut hat, dass es nirgends, außer vielleicht in der Antarktis, anders ist! Ach ja, Heimat, ich habe dich lieb, weil ich dich so von Herzen verachte, und wäre ich je gezwungen, dich für immer aufzugeben, ich würde es bedauern, nicht zurückkehren und den alten Zorn auffrischen zu können, der mich auf immer mit dir verbindet. Aber damit ist das Thema nicht etwa erschöpft. Es stellt sich die schwerwiegende und von Leid nur so triefende Flüchtlingsfrage. Auch sie lieben ihre Heimat, wurden aus ihr vertrieben, und wenn sie von Heimatliebe sprechen, steckt der Anspruch dahinter: Wir wollen unsere Heimat wiederhaben! Ist das ein aussichtsreicher Wunsch? Was soll man ihnen, den Flüchtlingen, raten? Ich rate ihnen, ihre Heimat schleunigst zu vergessen. Auch das Vergessen kann ein Ausdruck der Liebe sein. Ich glaube nicht, dass es irgendeinem Politiker gelingt, das alte Deutschland wiederherzustellen, jedenfalls nicht in der Frist, die dafür sinnvoller Weise bleibt, nämlich bevor die neuen Bewohner der alten Heimat unserer Flüchtlinge dort ihrerseits Heimatgefühl entwickelt haben, und das geht, leider, verflixt schnell. Die Kinder der Polen, die jetzt in Schlesien/ Pommern/ Preußen wohnen, werden Schlesien/ Pommern/ Preußen als ihre Heimat lieben. Bleibt dann noch Platz für eine Rückkehr der entsprechenden Landsmannschaften? Nein, es wäre zu wünschen, dass die Unruhe im Osten endlich ein Ende fände und vor allem das geplagte und mit deutscher Hilfe jahrhundertelang geschundene polnische Volk sich von deutscher Bevormundung, Unterdrückung und Missachtung erholte. Das klingt, als ob es das nötig hätte. In Wirklichkeit hat es aber nie so intensiv existiert wie in der Teilung und scheinbaren Vernichtung. Mickiewicz! Ein Name, bei dem jedes Polenherz höherschlägt, der in unseren Lesebüchern aber nicht vorkommt. Warum verschweigt man uns so viel? Wasserpolacken! Das sind die Ausdrücke, mit denen wir unter der Hand versorgt werden, eine polnische Wirtschaft ist eine schlechte, ein polnischer Abschied ein unziemlicher. Ich möchte einmal Polnisch lernen und Mickiewicz ins Deutsche übertragen, falls das nicht schon passiert ist. Die Polen sind ein edles und stolzes Volk, und die Flüchtlingsvereine sollten, statt auf geflammte Trommeln zu schlagen, revisionistische Fahnen zu schwenken und dümmliche Sprüche wie den vom „Volk ohne Raum“ aufzuwärmen, deutsch-polnische Freundschaftsverbände gründen! Dann würden sie den Weg in die Zukunft weisen, statt aus bornierter Heimatliebe zur wahren Landplage zu werden.



Anmerkung von Quoth:

War ich mit 16 schon so weise? Der Originalaufsatz landete leider im Reißwolf :(

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Kommentare zu diesem Text


 Ferdi (02.06.22, 14:04)
Die Analogie zu den Eltern gefällt mir sehr gut, insbesondere der Hinweis darauf, dass man sich weder Eltern noch Heimat aussuchen kann. Sehr passend.

Mit dem Kennen aber, wage ich einzuwerfen, ist es so eine Sache: mein Geburtsort hat sich in den letzten 70 Jahren stark verändert und im zeitgenössischen Heimatdiskurs wird der Anspruch formuliert, dass die Heimat so zu bleiben habe, wie man sie kenne. Ich kann das für mich nicht bestätigen. Dass manche Würstchenbude heute ein Dönerstand ist (und noch dazu halal), ändert nichts daran, dass ich nun mal in diesen Ort und keinen anderen hineingeboren bin. Ebenso habe ich im Alter Züge an meinen Eltern kennengelernt, die ich nicht für möglich gehalten hätte, *trotzdem sind sie meine Eltern geblieben.

Kommentar geändert am 02.06.2022 um 14:07 Uhr

 Quoth meinte dazu am 02.06.22 um 15:57:
Hallo Ferdi, das stimmt, auch ich habe über das Landesarchiv manches herausgefunden über meinen Vater, was ich vorher nicht wusste - und wenn ich in meine Heimatstadt fahre, kenne ich mich kaum noch aus, klammere mich umso mehr an das Wenige, das ich wiedererkenne ... Danke für Empfehlung mit Kommentar! Gruß Quoth

 Dieter_Rotmund (03.06.22, 09:24)

In straffen Falten hängen die Gardinen, aber was sich dahinter verbirgt, sind Suff und Sucht, Anmaßung und häusliche Vergewaltigung, Kindesmissbrauch und Sadismus.



Ein starkes Bild, aber soooooo schlimm ist die Heimat auch wieder nicht, oder?

 Quoth antwortete darauf am 03.06.22 um 22:39:
Nicht überall, doch oft genug.
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