Die lunare Frau

Drama zum Thema Magie

von  Terminator

Weiningers Dirne. Nicht die Schlampe, das billige Imitat, die promiskuitive ekelerregende krankheitverbreitende Nutte, sondern eine durchaus durch und durch sexuelle Frau: Frau, Mensch, nicht Untier, mit einem Bein im Reich der Verweseung, mit dem anderen in der Hölle. Es gibt ein Böses, vor dem selbst die Hölle geschützt werden muss: das lovecraftische Böse, das hypermaterielle. Schlampe, Material Girl, ist eine Agentin dieses Bösen, mit einer neotenen Maske aus menschlicher Haut. Das Genie ist der Produzent des, allgemein und abstrakt ausgedrückt, Werts, von dem sich alles andere Gut und Gute einschließlich der Würde ableitet, die Dirne ist der Konsument, die Schlampe der Destruent. Allgemeiner: das Solare schöpft Wert. Das Lunare konsumiert Wert, aber so wie das liebliche Kind die göttlich-reine Brust der heiligen Mutter. Das Tellurische lebt von abgefüllter Milch. Das Chthonische ist bestrebt, als Parasit den Körper zu befallen.


Die Dirne ist sexuell und nichts darüber hinaus. Und dann auch noch individualistisch-sexuell, nicht gattungssexuell! Die sexuell attraktive Frau schlechthin, die Verführerin. Wenn die Dirne fein herausgeputzt daherkommt, dann ist es ihr ein tiefes inneres Bedürfnis. Die Schlampe fühlt sich auch verdreckt sauwohl. Und in der ultradekandenten Gesellschaft, in der schon eine hässliche Frau einen durchschnittlich attraktiven Mann zum Hund machen kann, weil Männer in der Ultradekadenz schneller als Frauen degenerieren, finden sich tatsächlich verdreckte, dreckige Schlampen: ungepflegt, verunstaltet, tätowiert, gepierct, und was nicht noch alles. Und dem ultradekadenten Mann ist offenbar keine Schlampe hässlich genug. Aber die Dirne, sie würde auch dann schön sein wollen, wenn ihr keiner zuguckt. Die Dirne ist die Rettung des ästhetisch nicht abgestumpften Mannes vor der Schlampe.


Die Dirne ist selten. Die Schlampe ist ubiquitär und ahmt die Dirne nach. Die Dirne ist echt, die Schlampe ist fake. In die Dirne kann sich ein Mann tödlich verlieben (unsterblich nur in die solare Frau). Die Dirne ist die erhabene, abgehobene femme fatale, die wirklich große Männer zugrunde richtet. Der dicke Ochsenschwanz ist der Dirne nichts, sie will den bedeutenden Mann. Sie will ihn nicht unbedingt zerstören, sie will aber mit ihm spielen, ihn herausfordern. Sie will seine Transzendenz sein. Die lesbische Dirne ist eine seltene erotische Kostbarkeit. Wie jede Frau, ist die Dirne erst einmal in sich selbst verliebt. Doch dann nutzt die gemeine Frau den Mann, um sich selbst durch ihn zu lieben oder sexuell zu genießen. Aber wenn die Frau in ihrer Selbstliebe so reflexiv ist, dass sie eine andere Frau liebt, und zwar genau dafür, wofür sie sich selbst liebt, und wofür der Mann sie liebt (Feinheit, Zartheit, Grazie usw.), dann handelt es sich um das höchste im Erotischen: die lesbische lunare Frau.



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