Salzsäule

Gedanke

von  Pearl

Schattenwelt ist, wo man sie findet.

Bindet ihr kein Tuch vor ihre Augen!

... trauen sich nicht zu sagen, dass sie, die Namenlose, heilig ist.

Licht riss ihr die Flügel aus, als sie sich umsah.

Schicksal, Strafe, glauben wir, sei ihr Zuvielfühlen.

Lieben: ihr Verbrechen, so viel guter als Befolgen von Befehlen.

Sehen: ihre Macht. Sie lebt nun in der Essenz der Tränen.




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Kommentare zu diesem Text


 Quoth (29.03.25, 10:05)
Zufall oder kein Zufall? Unmittelbar nacheinander las ich Jacks  Rezension von Luis Alegres "Lob der Homosexualität" und dann diesen Gedanken von Pearl. Ja, warum hat Lots Frau (der wie der Frau des Potiphar in den Josephsgeschichten ein Eigenname vorenthalten wurde) sich nach dem brennenden Sodom umgedreht, obgleich es ihr verboten worden war? 
Wenn es stimmt, was Jack dem Buch von Alegre entnimmt: 
Die unfreiesten Gesellschaften sind auch immer die homophobsten gewesen
und wenn in Sodom Homosexualität nicht nur erlaubt war, sondern förmlich zum Lebensstil gehörte (was unter Theologen nicht unstrittig ist) und es vor allem deshalb vom Gott Abrahams vernichtet wurde, dann wendet Lots Frau sich um in der verzweifelten Trauer um einen Ort, an dem sie lieben durfte, wie sie wollte und nicht nur Befehlen der sanktionierten Natur gehorchen musste (das hatte sie ja auch getan und Lot zwei Töchter geboren). Wie man die erste Sünderin (Eva) umdeuten kann zur ersten Revolutionärin, so auch die, die zur "Essenz der Tränen" erstarrte, zur ersten Heiligen einer freien Sexualität.

 Pearl meinte dazu am 29.03.25 um 11:32:
Lieber Quoth,

Danke für deine so tief gedachte Interpretation. Tatsächlich hat mich eine Dichterin auf die Geschichte der zur Salzsäure Erstarrten gebracht. Und tatsächlich ging es mir um Freiheit, vor allem innerer Freiheit. 

Das Gedicht, das wunderschöne, lautet folgendermaßen:

" Lots Weib

    Und sein Weib sah hinter sich
    und ward zur Salzsäule

     Gen. 19,26

Es folgte der Gerechte des Sendboten Schritten
auf schwarzem Gebirge, gewaltig und licht.
Sein Weib aber hört ein bedrängendes Bitten:
Noch kannst du's - so wende zurück dein Gesicht

und sieh dort die Türme von Sodom, die roten,
und sieh, wo bald singend, bald spinnend du warst,
und sieh jene Fenster, die leeren und toten
des Hauses, wo Kinder dem Mann du gebarst.

Sie sah - und in Qualen zusammengeschmiedet,
vermochten die Augen nicht länger zu sehn.
Zu durchsicht'gem Salze erstarrten die Glieder,
es konnten die Füße nicht länger mehr gehn.

Wer wird diese Frau wohl beweinen in Schmerzen?
Man spricht von Verlusten, die schwerer noch sind.
Nur ich werd' sie niemals vergessen im Herzen,
die einmal zu sehen, ihr Leben gab hin."

Anna Achmatowa

Antwort geändert am 29.03.2025 um 11:33 Uhr

 Quoth antwortete darauf am 29.03.25 um 17:28:
Sein Weib aber hört ein bedrängendes Bitten:
Noch kannst du's - so wende zurück dein Gesicht
Wer hat so bedrängend gebeten? Das ist für mich das Rätsel dieses Gedichts. Der Sendbote kann es n icht sein, denn er hat ihr das Zurückschauen verboten, Lot kann es auch nicht sein, denn er ist dem Herrn immer gehorsam; also kann es nur die Stimme des eigenen Gewissens sein! Und das in der schon bestehenden Sowjetunion, in der Gehorsam angesagt war? Ja, bemerkenswerter Text!

 Graeculus schrieb daraufhin am 29.03.25 um 17:33:
die einmal zu sehen, ihr Leben gab hin

Das ist ein beeindruckendes Gedicht!

 Pearl äußerte darauf am 29.03.25 um 17:47:
Hallo ihr 2, ja, jenes Gedicht ist umwerfend gut. Ich habe es mir vor Jahren in eines meiner Notizbüchlein abgeschrieben... 

Quoth: ich glaube auch, dass es ihre eigene innere Stimme war. 

Graeculus: dass "guter" ist bewusst gewählt, obwohl es gram. falsch ist.

Danke für eure Kommentare.

 Quoth ergänzte dazu am 29.03.25 um 19:08:
Ja, über den Komparativ "guter" bin ich auch gestolpert, habe mich aber erinnert, in Sachsen oft "mein Gutster" gehört zu haben. Wenn es den Superlativ gibt, sollte es den Komparativ auch geben!

 Quoth meinte dazu am 29.03.25 um 19:10:
 ich glaube auch, dass es ihre eigene innere Stimme war. 
Kein Wunder, dass ihre Gedichte in der Sowjetunion eingestampft wurden.
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