Meanwhile (1690-1732)

Travestie zum Thema Fiktion

von  Jack

Dieser Text ist Teil der Serie  Dorcor

Ararschratt Odnakorowdzhan (1654-1712) wurde in der Nigxoree geboren, eine hügelige bis bergische Region, die an das Hochland von Dorcor aus dem Südwesten grenzt. Er kam nach dem abermaligen Redistributivkrieg der Sin per Land und zu Fuß in den Westen. Die nordöstliche Nigxoree und die westlich von dieser gelegene Thedee, die südlich vom Hochland von Dorcor liegt, konnten jahrhundertelang der Eroberung und Plünderung durch das südlich gelegene Sinpustan widerstehen, aber der Großteil der Nigxoree wurde im 15. Jahrhundert erobert. Die Fluchtbewegung des späteren Politikers nach Nordwesten, und nicht nach Nordosten, resultierte aus seiner bastardischen Sozialisation.


Wo ging er mit 14 hin? Er fand sich in einem großen dünn besiedelten Steppenland wieder, verbrachte dort drei Jahre und zog weiter, aber unterhielt dann zeitlebens mit einem unhörnerlosen Babay einen regen Briefverkehr. Was ist ein Babay? Ein raubberechtigter Adliger. Wenn der Babay hörnerlos ist, darf er von den Beherrschten nur Sachen fordern; ein unhörnerloser Babay darf auch Personen mitnehmen, jedoch nur Sachen, die ihm auch nach sehr klar juristisch geregelten mündlichen juristischen sehr klaren Regeln zustehen. Die Landschaft war zivilisatorisch Wildnis, kulturell auch nicht besonders interessant, aber reich an Schafen, fischreichen Seen, bizarren Mythen und geilen Legenden. Südliche Gebiete wurden immer wieder von den Sin erobert, aber mangels Ware zogen sich die Sin immer wieder zurück. 


Der unhörnerlose Babay Jihib (1645-1732) hatte einen Khobanákh von 365 Schafen (wörtlich übersetzt heißt Khobanakh „Beweis“, es geht um einen Machtnachweis), und eine andere Kultur, der unseren ähnlicher, hat die folgende Anekdote überliefert: Некамолый бабай Джихиб хвастатлся: «Я могу каждый день зарезать нового барана, и так весь год». Камолый бабай ответил: «Если год не высокосный». In der Babayenkultur waren Jahr und Gott homonym. Für einen Gottesbeweis, also den Beweis, selbst ein Gott zu sein, brauchte er nur ein Schaf mehr. Aber es stand ihm vorerst kein weiteres Schaf zu, und technisch galten Schafe als Sachen, nur in der Mythologie als Personen. Jihib zog sich also zurück und wartete, bis ein Räuberheer der Sin seinen Stamm angriff und ausraubte. Er besiegte mit seinem kleinen Reiterheer die Räuber und nahm das konfiszierte Raubgut an sich. Mit über 1000 Schafen konnte er seinen Gottesbeweis erbringen, was bedeutete, dass er seinem Stamm befehlen konnte, eine Stadt zu bauen.


Jibulát wurde 1690 gegründet. 1697 rief er einen Staat aus, was bedeutete, dass das geltende Recht verbrieft wurde, und Lesen und Schreiben nun Pflicht war. Das Volk der Steppe war durchaus fähig, zu lesen und zu schreiben, hatte aber keinen Bock dazu. Jihib stellte jeder Familie so viele Böcke zur Verfügung, wie diese Kinder hatte, so dass für jedes Kind ein Bock da war. Wenn Jihib wollte, dass die Kinder einer Familie auch rechnen lernten, gab er der Familie einen Ziegenbock. Die Böcke durften nicht geschlachtet werden und nicht „ausversehen“ sterben, regelmäßig wurden die Böcke ersetzt. Bis zu seinem Tod 1732 errichtete Jihib ein mächtiges Steppenreich. 


Aber was ist ein Babay? Ursprünglich-mythologisch ein Kuhicht, ein hochgewachsener Mann mit einen hörnerlosen oder unhörnerlosen Kuhkopf. Sie starben, so Legende, aus, weil sie Sex hatten, und Sex etwas ist, was nur junge Frauen (die keinen Sex mit Männern haben), miteinander haben. Sex endet tödlich (im Wahnsinn, der zu irrationalem extrem selbstschädigenden Behaviour führt). Und manche dieser Kuhichte haben tierische Nachkommen gezeugt: fliegende Kühe. Diese wiederum existieren wirklich (in kleinen Mengen, natürlich), sind nachtaktiv und Karnivoren. Sie existieren aber derart lokal, dass sie bis vor kurzem für Jibulat-Volklore gehalten wurden. 


Odnakorowdzhan starb 1712. Zu jener Zeit waren die Sin noch nicht besiegt, Jihibs Staatswesen noch klein und schlecht organisiert. Über Staat und Recht sprachen die Männer hauptsächlich in ihrem Briefverkehr. Jihib bekam auch philosophische und kosmologische Bücher per Reiterpost zugeschickt. Er verstand immer nicht, warum der Gottesbeweis so schwierig war, wenn die Herrscher im Westen angeblich so reich waren. 


Jihib ließ 1698 ein hohes Eingangstor in die noch gemütlich-überschaubare Stadt Jibulat bauen, das Tor mit kunstvoll gefertigten riesigen Kuhhörnern massiv behörnt. Seitdem heißt der Staat Jibulat Karakaraddgj, in der Sprache eines reitenden Postboten Жибулат Рогатый, aber Odnakorowdzhan wollte eine zu genaue Übersetzung und fand keine.


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Kommentare zu diesem Text


 LotharAtzert (07.01.26, 10:16)
so dass für jedes Kind ein Bock da war.
Das wäre auch heute noch die Lösung für fast alle Probleme!


Hast Du eigentlich Nichiren gelesen?

 Jack meinte dazu am 07.01.26 um 16:29:
Noch nicht. Ich bin gerade dabei, gründlich die Geschichte des tibetischen Buddhismus zu lesen.
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