Meine lieben Freunde aus dem Osten - Realsatire
Betrachtung zum Thema Gemeinsamkeit
von pentz
Es ist ein goldener Herbsttag, ich trete aus dem Haus und werfe in den blauen Himmel Blicke, die mich besänftigen. Noch ein paar letzte Tage, dann wird der eisige Wintermantel über die Erde wie eine Eisenhemd gebreitet werden – brr!
Der Blick auf die Terrasse, die ich benutzen muss, wenn ich aus meiner Wohnung nach draußen gehe, ist voller Unkraut, einige Fliesen gar kaputt. Im Winter setzt sich der Reif, der Schnee, die Nässe hier dran, ich krieg nasse Füße von den nassen Unterlage und eine nasse Stirn, wenn ich mich auf dieser darauf herumstampfen sehe. Zudem droht die weitere Zerstörung der Fliesen, wenn ín der winterlichen Kälte darüber getapst wird, zumal durch das Stampfen und Springen, wenn ich mich aufwärmen will.
Also zöger nicht, fühl dich nicht abgeschreckt davor, es zu verhindern, dass es überhaupt so weit kommen darf. Erneuer sie schnellstens! Die Fugen müssen verkittet werden, es genügt nicht mehr, nur sie zu reinigen und von Unkraut zu befreien, der nächste Frühling treibt die Wurzeln und Rückstände der selben ungehindert feuchtfröhlich wieder hervor, mindestens.
Eine größere Arbeit türmt sich vor mir auf, die mich fast erschlägt. Aber es muss angepackt werden. Ran an den ranzigen Speck, Mist aber auch, blöder.
Wer aber könnte mir helfen? Ich schaue über den Nachbarszaun - eine unnötige Geste. Dieser ist zwar Klempner, aber der wird einen Teufel tun und mir helfen, mir kleinen Fisch. Im Frühjahr schon, als ich den Wasserhahn-Kopf ersetzen musste, habe ich mich auf seinem Anrufbeantworter heißer gebittelt und gebettelt, damit er mir helfe. Okay, schließlich habe ich es selbst hingekriegt. Aber mir blieb ja nichts anderes übrig. Es war aber schon eine mühevolle Arbeit zum Verrecken. Und jetzt - für diese einen Tag Arbeit? Ich höre ihn innerlich lachen und sagen: Bin ich blöd? Nein, ich bin schließlich ein Profi. Die Arbeit rechnet sich nicht! Natürlich kenne ich die Zwänge solch eines mittelständigen Kleinunternehmers oder kleinen Handwerksbetriebs: Steuern, Auslagen und und und. Ja, jeder hat so seine Zwänge!
Während ich quasi Selbstgespräche mit dem Nachbar führe, sprich ihn mein inneren Schweinhund zu überzeugen versucht, gehe ich in den Baumarkt, um mir erst einmal Material zu besorgen. Mir graut zwar vor dem selbst zu bewältigendem Mount Everest der Fliesenleger-Arbeit, aber schaffe werde ich es schon - nach Wochen wahrscheinlich erst, wenngleich ich nächste Woche wieder ins Geschäft gehen muss - aber wen treffe ich? Einen Engel, der mir just der Himmel geschickt hat: Einen ehemaligen Schüler aus Nord-Mazedonien. Hoffnung keimt auf!
Sein ganzer untersetzter Körper, ideal für einen Ringer, ist haarig, borstig und übersät mit Haarwuchs, kaum dass die Gesichtspartien frei davon sind. Er hat makellose, stabile, große, gesunde, glänzende Zähne, die heller erscheinen als sie sind in diesem dunklen Umfeld. Ich mag ihn. Er ist mir so sympathisch, wie bei einer Liebe auf den ersten Blick. Im Gegensatz zu seinem Bruder, zu dem ich später noch kommen werde.
Betrüblich nur, dass sein Deutsch mittlerweile schlechter als besser geworden ist. Kein Wunder, ihm fehlt nicht nur ein Deutschlehrer, eigentlich geschenkt, zumindest einen normal Deutsch Sprechenden um ihn herum hätte in seinem Fall Wunder gewirkt. Erstens aber arbeitet er Schicht, an einer riesigen Maschine, wo es wahrscheinlich total lärmt und stinkt, was bekanntlich kontraproduktiv fürs Denken ist, notabene auch kaum einer seiner Kollegen richtiges Deutsch sprechen mag oder will, und zweitens lebt er in der Enklave seiner vielzähligen Sippschaft, die es zielsicher, langsam und beharrlich wie die Schildkröten zum Eierablegen an das rettende Ufer gespült hat: das Goldufer El Dorodos, vulgo Bundesrepublik Deutschland. Woher ich das weiß? Es gab da einmal eine Zeit, der einen Zeitraum von einem Jahr umfasste und in dem jeden zweiten Tag die Anfrage eines Familiennamensvettern von ihm auf meinen Sozialen Account erfolgte. Dabei zählt meines Bekannten Familie nur drei Kinder, kann ich mich sehr gut erinnern. Ihn eingeschlossen.
Ist also schon eine Steinzeit her, in der er noch halbwegs verständliche Sätze formulieren konnte, damals, als er mir hat die Küche erneuerte, mit Kabelbrand und anschließender Flucht in den Urlaub, um mich verzweifelt mit dem Problem zurückzulassen, einen Elektromeister zu motivieren, den das ganze Haus in Mitleidenschaft ziehenden Schaden zu reparieren. Naja, er ist eben der Mann für alles, sprich einer, der nicht alles kann, wenngleich sehr viel. Der sich aber, wie bald erfahren sollte, mittlerweile jede Handreichung vergolden lässt - unerbittlich. Er will jetzt halt auch reich werden, absahnen, was abzusahnen möglich ist.
Seufz! Ziemlich rücksichts- und grenzenlos.
Natürlich, nichts kriegt man geschenkt, er malocht dafür schwer. Kann man eben nicht gerade sagen, er versteht sein Handwerk, so bringt er aber die Dinge letztlich auf die Reihe. Auf Biegen und Brechen. Auf Umwegen. Aber immer ins Ziel. Und den hiesigen Handwerkern kann man erfahrungsgemäß wenig trauen, die arrogant und unverschämt bis dort hinaus sind, wenn nicht leider noch schlimmer. Daran fehlt es meinem lieben Freund aus Nord-Mazedonien zwar mittlerweile auch nicht, wie ich bald erkennen muss, er lernt schnell, aber er bringt noch den Vorteil mit, dass ich ihm über die Schultern schauen und ich bei der Arbeit etwas mitwerkeln kann und lerne.
„Wie geht’s, wie steht's?“
"So wie ein Mann, der Arbeit hat, eine Frau und ein Kind. Mehr braucht es nicht", sagt er wenig überzeugend. Ich übersetze hier ins verständliche Deutsche. Dabei zeigt er seine starken, blendend hellen, gesunden Zähne. Sie strahlen zwar nicht vor Freude, immerhin aber vor Gesundheit.
"Pass nur auf, dass du nicht zu viel arbeitest, denk an deinen Vater", beschwöre ich ihn. Jener ist frühzeitig an Herzversagen gestorben.
Dann erzähle ich von meinem Plan und er meint, er habe gerade Urlaub. "Aber ich kann Dich nicht bezahlen!" "Macht nichts. Brauchst Du nicht. Ich komme morgen mal vorbei." Na gut, gesagt getan.
Als er kommt, schaut er sich erst einmal um. Er bewundert meinen Garten, indem das Gemüse gut wächst. "Wo ich wohne, da kommt nichts heraus." "Ist wohl zu schattig dort, wo du wohnst!" "Ja, ich befürchte."
Dann schildert er in den farbigsten Tönen, was es bedeutet, die schweren Fliesen herauszunehmen und mit neuen zu ersetzen. Wenn ich ihn bezahlte, dann hilft er mir. Ach so, ich dachte, er hätte gesagt, dass er mir nur so und für umsonst helfen würde, aber was kümmert ihn das Geschwätz von gestern. Ich bin elektrifiziert, die Aussicht auf schwere körperliche Arbeit, allein zu verrichten zudem, wer weiß, wie viel Tage, Wochen und außerdem habe ich ja noch einen Job, der bedient werden muss und mir Geld einbringt, das ich brauche, kitzelt mich ganz schön. Er zeigt auf seine Knie: Dahin müsse er sich schwer niederbeugen, wenn er arbeitete, die Gewichte der Arbeit sind schwer, kurzum er spricht zunächst von 200 Euro in toto. Ich handle ihn schließlich auf 100 herunter. Innerlich qualme ich vor Wut: er verdient das Dreifache von dem, was ich verdiene. Ist das gerecht?
"Dann bis gleich!", sagt er und verschwindet.
Nach ein paar Stunden erscheint er in vollster Arbeitsmontur, sogar mit Knieschonern, so dass das Beugen auf die Knie doch kein größeres Problem darstellen und gesundheitsbeeinträchtigend sein dürfte. Eigenartigerweise, als ich mich umdrehe, sehe ich, dass er einen Besenstil zerbrochen hat, aber ignoriere dies: Er wird in seiner engagierten Arbeitswut zu arg zugegriffen haben. Keine Zeit für Geschwätz, los, die Zeit drängt, die Sonne scheint seit ein paar Tagen wieder, wer weiß wie lange, kann sich stündlich ändern und überhaupt: Time is Money, Was-Du-Heute-kannst-erledigen-verschiebe-nicht-auf-Morgen und Was-getan-ist-ist-getan!
Er riecht stark nach Duschgel, Pomade und Eux de Cologne, Rasierwasser, weiß der Geier, ich benutze so etwas nicht. Ob wohl ich zugeben muss, das hat was, er riecht nach etwas, Frische weht mich an.
Die Erinnerung erwacht: Aufgrund meiner Vermittlung hat er bei einer meiner Freundinnen gearbeitet, die ihn aber nicht ein zweites Mal haben wollte. Hat er sie angebaggert? In meiner Wohnung nebenan wohnt ein Pärchen, er kann sich natürlich nicht enthalten, zu geifern: "Oh, die Frau, die ist bestimmt geil. Hast du sie schon?" Mittlerweile hat er zwar eine Ehefrau und ein Kind, die Zeiten sind vorbei, wo er in einem Feldzug die geschiedenen Landsmännin hierzulande durchgefickt hat, aber was ein Mann ist, ist er immer bereit. Ich könnte jetzt die Klischees, die alle wahr sind, weiterspinnen, zum Beispiel sein Bruder, der von mir sich Geld leihen wollte, für den Umzug seines Bruders, das ich nie mehr wieder gesehen hätte, hat wiederum der vor mir da arbeitet über seinen eigenen Bruder gesagt. Des Bruders Tätigkeit in einem Asylheim als Security-Man, sprich Aufpasser, war hart an der Grenze zur Menschenverachtung: "Da hat die Matratze gebrannt, er hat dauernd an die Tür geklopft, weil die ja bei Männern verschlossen sein muss, aber selber schuld, wenn er die Matratze anzündet." Geifernd von Beispielen erzählt er von Helden, die für viel Geld alles tun würden. Es schwingt mit, dass auch er dazu bereit wäre. Wenn ihm jemand ein Angebot machte! Ich war arglos, bin es ja auch, aber im Nachhinein denke ich, ich hätte darauf vorbereitet sein müssen. Aber natürlich ist es ihm gelungen, auch mich anzupumpen und abzuzocken, ganz schön blöd!
Sowie wir am gleichen Tag mit dem Fliesenlegen fertig sind, überweise ich ihm stante pede den stolzen Betrag von 100 Euro, ein Stundenlohn von über 30 Euro, mehr als ich als Lehrer kriege - aber klar, ich muss nicht in die Knie gehen, so körperlich schwer ist meine Tätigkeit auch nicht, zehrt zwar nur an den Nerven, aber naja... Die Überweisung versehe ich mit dem Vermerk "bekannt", damit er keine Probleme mit dem gefürchteten Finanzamt bekommt. Es stellt sich leider bald heraus, dass ich gut einen Beleg brauchen könnte. "Mach ich nicht. Freund hat aber Firma. Kann dir schreiben eine Quittung für 500 Euro, mit Mehrwertsteuer." Huck! - Balkanmafia hat gesprochen.
Am meisten schmerzt mich aber das Bild, das ich durch ihn von mir bekomme: ich bin ein wertvoller Geldsack, den es auszurauben gilt. Du mit deiner sozialistischen Freundschaftssehnsucht und Alle-Menschen-werden-Brüder-wo-dein-sanfter-Flügel-weht!
Du hast Folgendes gesendet:
meine Schwester verkauft ihr Haus. noch interesse? Oder jemand von deinem Nordmazedonien.Clan?
gruß
Ile
Hallo werner!
Welche Haus sie verkaufen
Ich habe Interesse
Do, 14:48
Du hast Folgendes gesendet:
hallo Ile,
das Haus in Roth. brauchst nicht bei mir anrufen, wir wickeln das via Facebook ab
Ile
Hey
Und wie viel kostet Haus
Oder schreibst du tel. Nummer für deine Schwester
Schreibst du die Adresse von Haus ich hab vergessen wo ist
Danke
Ile
Do, 19:05
Du hast Folgendes gesendet:
hallo ILE,
wieviel kriege ich von dir, wenn ich dir die Addresse gebe?
Danke
Ile
5€
Do, 19:28
Du hast Folgendes gesendet:
Soll wohl ein Witz sein! Mußt mindestens wenn nicht mehr eine Null anfügen!
Gruß
Ile
Wenn ist alles ok Ich gibt dir 200€
Aber ich brauche Adresse und Handy Nummer von deiner Schwester
Ich möchte wissen was kostet das Haus
Wenn ich kaufen ich gibt dir mehr als 200€
Danke
Du hast Folgendes gesendet:
hallo Ile,
"Ich helfe Dir beim Fliesenverlegen. Brauchst nichts bezahlen." Tja, Ile, eine Schlange, die einem gebissen hat, traut man nicht mehr. Das Haus hat eine Superlage. Meine Mutter ist 98 Jahre geworden. Gartenessen gesund gehalten. Also, Ile sag zu 200 Euro und du hast die Adresse und Telefonnummer von meiner Mutter. (Es gibt übrigens noch zwei andere Interessenten.)
Danke im Voraus.
Werner
Do, 20:18
Ile
Ich bin korrekt mit der
Was ist das 100€ von fliesenlegen
Wenn kommt jemand für diese arbeiten 500€ nehmen
Aber ich kenne dich und wegen das so Preis sagen sehr günstig
Wenn mästest du kannst du schreiben die Nummer von deine Schwester nicht ( Mutter)
Und die Adresse
Und wenn ich kaufe das Haus ich gibt dir 200€
Danke
Do, 20:35
Du hast Folgendes gesendet:
Was heißt das: Du kennst mich? (Das Haus hat übrigens auch noch drei Autogaragen, das ist super.) Ich kenne dich und deinen Bruder, der mir heute noch Geld schuldet. Er hat auch etwas versprochen. Mit dieser nordmazedonischen Kultur des Täuschens und Betrügens will ich nichts zu tun haben. Du hast meine Iban-Nummer.
Machs gut
Do, 22:07
Ile
Werner wie reden mit Respekt ich will nicht Probleme machen
Du hast mich geschlagen
Hast du mir wegen Haus geschrieben?
Hab ich interessant ich habe dir Ja geschrieben.
Ich möchte das Haus anschauen wenn ist möglich ist.
Wenn mein Bruder hat schuldet bei dir das ist nicht mein Problem aber kann ich sagen von mein Bruder das geld zurück geben wie
Viel schulden er hat beim dir ober er hat vergessen ich rede mit er.
Und ich kenne nicht deine iban du hast mich überweisen geld aber ich kenne nicht deine iban
Kannst du mir jetzt helfen wenn Haus oder willst du nicht?
Ile
Vielen Dank
Nun, es dauert lange, bis jemand seine Freundschaft mit mir verspielt hat, aber er hat es. Sich für alles teuer bezahlen lassen, ist wohl keine Freundschaft, und das hat er.
Er wird seinen Bruder gefragt, welcher ihm gesagt hat, er schulde mir kein Geld und ihm geglaubt haben, denn bislang hat er sich nicht mehr gerührt.
*
Es ist ein kühler Wintertag. Ich habe eine neue Arbeitsstelle, mitten im Ort, in einem Kaufhaus. Ich nehme mir die Zigarettenpause eines Nichtrauchers und gehe zum Parkdeck hoch, um nach meinem neuen Gebrauchtwagen zu schauen. Angst treibt mich an mit der vagen Vorstellung, dass ich mich mangels öffentlichen Busverkehrs heute Abend nach Dienstschluss in der nassen, feuchten, kühlen Nacht und Dunkelheit die lang sich erstreckende Anhöhe nach Hause schleppen muss. Als ich das Auto auf dem Parkdeck abgestellt habe, ist der Motor verreckt.
Ile geht gerade am Auto vorbei. "Warte mal, ich muss mal etwas schauen. Kannst du mitschauen!" Tatsächlich, die Batterie ist kaputt gegangen. Kein Wunder, der Kälteeinbruch, das Auto, das ich erst jüngst neu von Ile übernommen habe, da habe ich keinen Einblick in die Batterie gewinnen können. Außerdem bin ich kein Fachmann und Kenner und wer kann schon in das Innere einer Batterie schauen?
Ich habe keine Zeit, um schnell eine neue besorgen zu können. Ich bitte Ile, es zu tun. Ist er nicht auch ein bisschen moralisch verpflichtet dazu, als Vorbesitzer, der es mir verhökert hat?
Er tut es, doch verlangt er für die halbstündige Tätigkeit Geld. Ich murre, er hat mir das Gefährt vor kurzem verkauft, fällt es nicht unter Kulanz, mir Einsatzteil zu besorgen, da ich doch keine Zeit habe dafür und wo er doch gerade da stand, als mir etwas an "seinem" Auto kaputtgegangen ist - wie man das halt bei Freunden so macht.
"Aber wer ist da, um dir zu helfen?", sagt er. Ich verstehe. Für den geringsten Handstreich muss Bares herübergereicht werden. Nun denn, das ist die Neudefinition unserer Bekanntschaft, keine Freundschaft, sondern - ja, wie soll man das bezeichnen? Schwarzarbeit, gelegentliche Handlangerdienste mit einem Stundenlohn für einen "Facharbeiter" oder Pfuscher, aber davon später.
Ich glaube nicht daran, dass es gut ist, Bekannten das Geld aus der Tasche zu ziehen, wie und wann es nur geht, man muss schauen, dass man Mensch bleibt. Aber er will es nicht anders. Er wird zwar nicht unbedingt den Kürzeren ziehen, diese Phrase trifft es nicht, aber irgendwann wird es ihm zum Nachteil gereichen, auch wenn er es, wie er, wie alle, nicht glaubt, dass das bei ihm zutreffen werde. Alle denken, sie sind die Schlausten, werden dem Schicksal schon ein Schnippchen schlagen und reich werden!
Und in meinem Fall denkt er mit Sicherheit, er könne mir könne mir mehr bieten als ich ihm, sprich bei mir wird er den Längeren ziehen.
Jetzt hat er erst einmal die erste Tranche erhalten und er ist sich gewiss, dass viele weiterverfolgen werden.
*
Klar, er wird seinen Bruder gefragt haben, was ist das los mit dem Werner, warum schuldest du ihm Geld? Sein Bruder wird ihm gesagt hat, er schulde mir kein Geld und Ile wird ihm geglaubt haben, denn bislang hat er sich nicht mehr gerührt. Die Aussage seines Bruders, mir kein Geld zu schulden, stellt nur die halbe Wahrheit dar. Ich habe für ihn etwas getan, wofür er mir ein Essen versprochen hat. Als es so weit war, hat er gemeint, dieses erhielt ich - natürlich in üppigen Portionen - wenn ich ihm noch zweimal zu Diensten sein würde, weil er so ein ominöses Essensgeschenk von McDonalds hätte. Zu weiteren Gelegenheiten, ihm behilflich zu sein, ist es nicht gekommen.
Ich habe mich über den Tisch gezogen gefühlt. Zumal es eine Information war, die dem McDonald Abteilungsleiter bei seinen monatlichen Abrechnungen sehr effektiv half - aber na gut, bin selbst schuld, dass ich mein Wissen für Nichts hergebe. Aber nur einmal, dann verlange ich auch etwas dafür. Bin ja kein heiliger Samariter!
Deswegen die "häßliche" Szene im Sozialen Medium.
Warum habe ich ihm nicht die Adresse meiner Schwester gegeben? Er hat ja damit noch nichts gewonnen und ich hätte nichts verloren. Tja, der schlußendliche Punkt meiner Intoleranz und Verständnislosigkeit war der Umstand, als er das letzte Mal bei mir gearbeitet hat, Werkzeug verschwunden ist. Dies ist mir noch niemals bei keinem Externen passiert.
*
Es ist im Hochsommer: Ile sitzt mit mir auf meiner Terrasse auf einem Stuhl und hält entsetzt in der einen Hand sein Smart Phone, auf dem Bilder von seinem schwer verbrannten Fuß zu sehen sind. Er hat starken Schmerz, aber ich glaube, in diesem Moment hat er anhand dem, was er in bunten Farben schillernd vor sich sah, erst richtig erkannt, wie "schwer" verletzt er worden ist. Er arbeitete an einer Autobahnraststätte in der Küche und hatte sich mir siedendem Öl verbrannt. Das Frikasseeöl war ihm auf das Bein gespritzt, als der Henkel eines Tiegels abgebrochen war. Aus welchen Gründen auch immer, sein Bruder, der schon länger im Land lebte und ein einigermaßen gutes Deutsch verstand, schrieb einen Brandbrief an dessen Arbeitgeber mit der Drohung: "Ich warne euch! spielt keine Spielchen mit mit meinem Bruder."
Gestern bin ich unter "Billigramsch" oder Sonderangebote in einem Discounter auf solche Gartenvlies, die mir Ile billig mitgebracht hat, gestoßen, versteht sich, dass er dafür keine Rechnung vorlegen wollte. Er hat zwei Posten für zwei Drittel dessen, was er mir berechnet hat, erhalten. Er hat einen kleinen, satten Gewinn gemacht. Dem Tüchtigen der Lohn, zweifelsohne. Dem Tüchtigen lacht das Glück. Soll es!
Das "Auftreten" seiner Frau, vielmehr das "Zurücktreten" war mir zeitweise ein Problem. Obwohl sie beim Bäcker um die Ecke Verkäuferin war, mich kannte, ich sie, haben wir nie ein Wort miteinander gewechselt, so zum Beispiel: "Wie geht es Ile momentan? Schon lange nicht mehr gesehen." Oder so. Es kam nie zustande. Es konnte nicht. Irgendetwas, von ihr ausgehend, blockierte.
Bei einem Grillfestchen hat sie sich wegen Überarbeitung entschuldigen lassen. Aber die Frau trat stets irgendwie in den Hintergrund. Des Mannes Anhängsel. Fast wie in orientalischen Ehebeziehung. Obwohl Ile ein entschiedener, offener Gegner der Islamisten ist, die jederzeit hier zuschlagen werden, wie er mal unkte und in dem er in jeden Asylanten das Gebaren eines ausgebildeten Soldaten erkannte. Naja, als ehemaliger Soldatenpolizist in Nordmazedonien!
Schaue ich mir allerdings deutsche Männerfreundschaften an, da haben die Frauen auch keine besonders rühmlichen Rollen gespielt. Einmal war eine Ehefrau diejenige Kraft, die unsere Männer-Freundschaft hintertrieben und ins Versanden geführt hat. Kann ich andererseits verstehen, weil ihre Ehemann einmal fremdgegangen ist, als er mich in einer anderen Stadt besucht hat. Die Ehefrau wollte daraufhin partout auch zu mir kommen, in den Raum des Ehebruchs sein, dort verweilen, sich umsehen, ihn auf sich wirken lassen, was weiß ich, warum, vielleicht den Ehebruch noch einmal erzähltechnisch angereichert an tatsächlicher Ort und Stelle induziert an sich und vor allem durch sich und ihr Herz ziehen lassen. Obwohl dieser Ehebruch ziemlich lasch war, nämlich mit Gummi und Koitus Interruptus. Aber mein Freund war ohnehin ein notorischer Fremdgänger. Sie hat allerdings auch einmal einen Ehebruch begangen. Was sie freimütig erzählte. Auch ihrem Ehemann. Das waren sozusagen eben 68iger Nachläufer-Erscheinungen.
Nach diesem denkwürdigen Verweilen der Ehefrau an dem Ort des Verbrechens, der Beziehungsschändung, kam eine nicht nachvollziehbare Retourkutsche, allerdings gegen mich, warum, weiß nur eine eifersüchtige mittelständische mittlerweile geehelichte Ehefau. Es konnte kein Zufall sein, einmal habe ich sie sogar entlarven können, als sie eine Nachricht an ihn nicht weitergeleitet hat, jedenfalls war nach dieser denkwürdigen Tag in meiner Wohnung die Beziehung zu meinem Freund tote Hose. Aber total. Nämlich bis heute. Die Beziehung hat sich nicht mehr erholt. So ist das halt mit Ehefrauen und ihren zweifelhaften Ehemänner-Freunden!
Ehefrauen! Sie sind der tot von Männerfreundschaften! (Sag ich mal so stereotyp und klischeehaft. [Ich weiß, dass ist schlapp, wenn man so etwas rhetorisch Ausgepufftes gebraucht, nur weil einem bei dem Gesagten nicht ganz koscher ist.} Es ist eigentlich nur ein konkretes Beispiel, wo die Ehefrau unsere Männerfreundschaft hintertrieben hat. Aber ein anderes Beispiel sagt, dass nachdem ein anderer Freund geheiratet hat, unsere Beziehung auch den Bach hinunter und zum Teufel gegangen ist.)
*
Sanadin würde uns verlassen, Heimatort ehemaliges Pec, [gesprochen Petsch] nunmehr Peje [gesprochen wie im Deutschen: Peje]. Er zog zurück nach Serbien. Oder Kosovo, ich wusste es nicht genau. Ich schloss aus den Ortsbezeichnungen, dass er Albaner sein müsste, denn dieser Ort wurde nun nicht mehr serbo-slawisch ausgesprochen, sondern eben so wie oben. Wir befanden uns in einem engen Kellerzimmer in einem Zweifamilien-Neubauwohnung in einer Siedlung im Süden Deutschlands. Es waren außer Senadin noch der Gastgeber, ich und ein Türke mit seinem Sohn anwesend.
Zum Abschied wurde Senadin schwer melodramatisch: „Ein Kind zu haben ist ein Segen. Aber vier wie ich, ist eine Katastrophe!“
„Wirklich? Jedes Kind soll doch ein Segen sein“, meinte ich, ein Lediger.
Sanadin strich sich die Haare aus der Stirn.
„Aber zum Glück wohnen wir jetzt in Deutschland.“ Eigenartig, dass er das sagte, wo er doch dabei war, wieder zurückzuziehen, woher er kam. Konnte auch sein, dass er gerade mit den deutschen Behörden deswegen Probleme hatte und es ein Hauen und Ziehen gab. Konnte gut möglich sein.
Deutschland – verficktes Deutschland, dachte ich. Was haben die aus dem Südosten Europas immer mit diesem Land? Was ist besser als bei Ihnen? Eigentlich eine verlogene rhetorische Frage. Ich brachte einige Jahre dort zu. Ist halt ein Unterschied, wenn man sein Leben lang dort zubringen muss oder ein paar Jährchen wie ich, und dann wieder in den warmen Schoß des heimatlichen Deutschlands zurückkehren darf. Trotzdem, Die BRD ist weiß Gott auch nicht das Paradies auf Erden ist! Oder?
„Ich verstehe nicht?“ Ich versuchte mir das stets lang und breit erklären zu lassen, sofern der Gesprächspartner dazu überhaupt sprachlich imstande war, aber mir ging es nicht in den Kopf: WAS IST SO SCHÖN AN DEUTSCHLAND?
„Na, in den Städten Serbiens, da fängt das Leben erst richtig um 22 Uhr an. Disko, Alkohol, Frauen, alle sind auf der Straße und machen Tumult!“
Dazu lacht er und schaut erwartungsvoll in die Runde. Die Reaktion ist divers. Einige nicken, andere sind ungerührt. Nun, das spräche immerhin für Serbien und gegen Deutschland. Merkwürdig!
Wollte er damit sagen, dass untertags geschlafen wurde? Nein, natürlich nicht, aber wahrscheinlich, dass man nur halbherzig und schlapp seiner tagtäglichen Arbeit nachging und das geschah meist untertags, und dass man dann ausgeschlafen von der Arbeit abends begann zu leben und auf den Putz zu hauen. Viva Jugoslawia. Oder Serbien. Oder Kosovo. Wer wusste das schon genau?
ich bilde mir ein, dies dennoch nur zu gut zu verstehen. Gerade jetzt, nachts, da hörte man in dieser kleinen Siedlung auf dem Land, ein Ort in Bayern, sogar das hohe nervtötende Piepsen der jungen Mäuse aus ihren Löchern von den angrenzenden Feldern und Wiesen her. Andererseits hörte und sah man allerdings nichts mehr faunamäßig. Kaum Vögel, kaum Rehe und Hasen, Bussarde am Himmel und was es einst sonst noch einst gegeben hatte in diesen Gefilden. Man hat hier dieses Leben ausgetrieben, endend mit der natura mortem. Der Wirtschaft Willen, der neuen Diktatur! Und dazu exportiert man Arbeitskräfte aus den neuen Bundesländer Europas oder die, die vor dem Eingangstor, besonders beliebt das der BRD, Schlange standen. Ihrer noch intakten Natur weinten diese neuen Mitbürger jedenfalls keine Träne mehr nach.
Als Senadin gegangen war, lockerten sich die Münder der Zurückgebliebenen: Seine Frau befände sich in der Psychiatrie. "Die hat es mit den Nerven."
Später, als Senadin übrigens schon in Serbien ist, lädt er mich ein, zu ihm zu kommen. "Hier kannst Du Frauen vögeln! Vor allem die Rumäninnen." Das erinnert mich an den Ausspruch eines Amerikaners: "Ich bin bereit alles zu machen für Geld. Aber nicht für die Liebe!" Als Europäer sage ich: Die obskuren Subjekten meiner Begierde mögen nicht von nationalistischen Impulsen beeinflusst werden!
Sein Sozialer Account ist vollgespickt mit religiösen Ikonen, er ist orthodoxer Christ, scheinbar ein sehr frommer. (Das erinnert mich an Lessings "Nathan der Weise" sinngemäß: ich gebe einen Fuck darauf, was du glaubst, entscheidend ist nur dein Charakter!")
Ich habe den Eindruck, dass all diese Südosteuropäer die Ordnung in Deutschland schätzen. Damit meine ich nicht nur die Straßenverkehrsordnung. Sie scheinen von ihrer Kultur des Fremdenfrauen-Nachstellens und Schwarzgeld-Steuerhinterziehens angewidert zu sein, sprich von der Korruption und der Kultur ihres Herkunftslandes. Dabei mischen sie fleißig selbst unverdrossen mit. Das saubere Deutschland bildet nur eine Projektionsfläche ihrer Scheinheiligkeit und Sentimentalität: Im Grunde sind sie von sich selbst angewidert, obwohl man nur die Korruptheit der heimischen anderen wahrnimmt und sich darüber insgeheim echauffiert. Und so bewundert man andere Kulturen, Menschen und Gesellschaften, in ihrem Blick andere Länder, die scheinbar nicht von der Pest verheert sind.
Senadin war verschwunden, dann erhob Ässat das Wort, ein Alevit und Leiter einer McDonalds-Filiale: „Wisst Ihr, Senadin bekommt über 1000 Euro monatlich, Logis und Sonstiges frei. Und ich muss für ihn Steuer bezahlen.“ Er war mit seinem Sohn hierhergekommen, um sich und ihm seine Haare von Danny, der einmal Frisör gewesen ist, die Haare schneiden zu lassen. Steuerfrei, versteht sich!
„Ist das ein Problem?“
„Und ob! Wenn Du zwei Kinder zuhause hast und eine Frau. Und ich habe die letzten 8 Tage täglich 12 Stunden durchgearbeitet...“
Er schlürfte zwischen den Pausen seiner Tirade immer wieder von dem starken Espresso, der jeden Bullen umgehauen hätte. Es war 22 Uhr nachts. Zu so später Stunde noch ein derartiges Amphetamin zu sich zu nehmen, unterstrich seinen Arbeitsdruck, unter dem er stand. Wie er das schaffte, in ein paar Stunden zum Schlafen zur Ruhe zu kommen, wussten die Götter.
„Da musst du für eine Frau und zwei Kinder und dich, der allein arbeiten kann in der Familie, 1000 Euro Steuern im Jahr zahlen. Und das bei einem monatlichen Einkommen von 3000 Euro. Ist das in Ordnung?“
Er machte einen erneuten Sipp von seinem kleinen Espresso-Täschen, das er mit seinen Händen umfing wie ein Ornothologe ein kleines Küken, das aus seinem Nest gefallen war. Der Ausdruck war klar und eindeutig: So wie ich arbeite, geht es nicht ohne gehörige Portionen Aufputschmittel.
„Und wie viel zahlt man Steuern in der Türkei?“
„Na, wenn du 3000 Euro brutto verdienst, bekommst du 3000 Euro netto!“
Das war natürlich das Paradies für Arbeitnehmer, der ideale Steuerstaat schlechthin!
Ein erneuter Schluck aus der Tasse. Wenn er so weiter erregte, brauchte er noch eine zweite Tasse. Ob das gut war für seine Nerven war? Nebenbei strich er über die frisch neu geschnittenen Haare seines Sohnemanns. Schön hat er es geschnitten, der Frisör aus Mazedonien, und dies zu einem Superpreis!
Mit meiner arglosen nächsten Frage sollte ich erfahren, wohin seine ersparten Steuern in der Türkei geflossen waren.
„Wo ist denn übrigens Deine kleine Tochter, die Du immer bei Dir hast?“
„In der Türkei. Sie sind gestern losgeflogen. Am Samstag fliege ich nach.“
„Solange musst Du noch arbeiten?“
„Genau, Bruder.“
„Und Deine Tochter und Deine Frau erholen sich jetzt in Deinem Haus nähe Strand von Izmir?“
Der Ort war geraten, aber ein Volltreffer.
„Genau. Es sind 500 Meter Fußmarsch bis dorthin. Aber es ist ein schönes Haus, dreistöckig.“ Naja, wenn es auch nicht die allerbeste Lage hatte, nämlich ganz nah am Strand, so ist doch schön und geräumig.
Wäre doch mal kein schlechter Aufenthalt, dachte ich gelockt.
„Für wie viel vermietest Du es denn, wenn man fragen darf?“
„Vermieten? Nein, ich mag keine fremde Leute in meinem Haus.“
Das hätte auch Mal meine Mutter sagen sollen, die jeden Quadratzentimeter ihres kleinen Häuschens vermietet hatte. Man saß dabei eng beieinander, fürwahr! Es roch zwar manchmal sehr unangenehm vom Gekoche der Untermieter und es war Fakt, besonders arg war es bei dem türkischen alten Ehepaar, am Schluss, nach dem sie alle "Sorten" von Gastarbeiter hat "durchgehabt" und ich "reif" war, sprich 19 Jahre alt, um auszuziehen und dann ich halt ausgezogen bin. Also, diese Unbill von Untermietverhältnissen kann ich nur zu gut nachvollziehen. So etwas geschah eben bei uns sehr zum Leidwesen des unmittelbar anbei wohnenden Sohnes, der manchmal fast verrückt wurde vor soviel Lärm und Gestank vom Nachbar links und vom Nachbar rechts und Nachbar oben und Nachbar unten.
Aber dieser türkische Bekannte vor mir hier brauchte dies nicht zu tun, vermieten, tzz!
Ässat also hatte das nicht nötig, während er in Deutschland malochte, hatte der Rest der weitverzweigten Familie in der Türkei den Wohnungs- und Hausschlüssel und sorgte während seiner Abwesenheit für Sauberkeit, Ordnung und Sicherheit. Was wollte man mehr? Und wer von der arbeitenden Bevölkerung in Deutschland konnte sich in seinen Ferien ein Haus im Mittelmeer Nähe Strand leisten?
„Nur Scheiße, dass es jetzt den Euro gibt!“
„Wieso? War wohl die DM besser?“
„Viel besser. Nach zwei Monaten konntest du dir in der Türkei ein Appartement bauen lassen, oder kaufen. Aber mit dem Euro jetzt... Schau her! Heute verdienen die Leute 1000 Euro. Und zu Zeiten der DM waren es 3000 DM.“
Beim Wechselkurs 1:2 war dies natürlich ein kapitaler Verlust, 1/3, um genau zu sein. Sehr schmerzhaft.
Hatte aber Ässat nicht seine Schäfchen im Trocknen?
„Heutzutage kommen alle die Leute aus dem Kosovo, Bulgarien, Rumänien, Serbien und kriegen das Geld nur so in den Arsch gesteckt. Und wer muss dafür zahlen? Ich!“
Das war Ässat Problem Nummer 1.
„Dann kommen diese Leute noch bis zu unserem Gartentor vors Haus und betteln.“
Problem Nummer 2: Ässat fühlte sich mittlerweile unsicher in Deutschland. Er fühlte sich von den Ärmsten bedrängt. Wird schwierig sein in Deutschland, solche Leute zu verscheuchen, denke ich mal. In der Türkei gibt es ja glücklicherweise nicht so viel Staat, da hat man freie(re) Hand.
"Betteln die um Geld?“
„Auch, aber hauptsächlich wollen sie für ihre vielen, vielen Kinder ein ausrangierten Kinderwagen oder Kinderkleider...“
„Aber das ist doch okay!“
„Naja, aber die Leute fühlen sich nicht mehr sicher.“
Das ist ein wichtiger Punkt in einer Kleinstadt, Land und „Staat“, Sicherheit und wenn die Einheimischen nicht mehr in Ruhe ihr Haupt aufs Kissen legen konnten, war etwas faul im Staate Dänemark.
„Naja, ich bin ja auch nur ein Ausländer hier in Deutschland.“
Das ist’s.
Dann meinte Ässat, während er aufbrach, dass es schade sei, dass keine Frauen hier wären. Der Gastgeber erzählte in seinem radebrecherischen bis sehr schwer verständlichen Deutsch noch ein paar heroische Anmach- und machoartige Beinah-Aufreiß-Geschichten, wozu alle anderen genüsslich lachten. Dann zog Ässat mit seinem Sohn weiter, die anderen schlossen sich an, wer weiß wohin noch die Reise ging heute Nacht, für viele wenig wahrscheinlich, dass nach Hause. Die Frauen waren noch in ihren Heimatländern. Da konnte man ein bisschen auf den Putz hauen – wozu arbeitete man schließlich so viel? Doch nicht allein für diese neuerdings dahergekommenen Ausländer aus Syrien, Irak und Türkei (nur Kurden)!
*
Danny, Iles Bruder, der mich übers Ohr gehauen hat, weil er mir etwas versprochen aber nicht eingehalten hat, ist immerhin ein guter Kumpel. Er schlägt mir auf die Schulter, wahrscheinlich tröstend gemeint, er merkte wohl, dass ich aus unerklärlich-evidenten Gründen sauer auf ihn war und sagt: "Du, die Tussi aus Schwabach - wenn nächstes Monat meine Freundin kommt, die ich dann heiraten werde, dann kannst du die übernehmen. Ich übergebe sie dir!", sagt er noch feierlich. ist er nicht rührend-herzlich, mein Freund aus Mazedonien? Darüber bin ich natürlich nicht deshalb alles andere als erfreut, weil diese eine Geschiedene ist. Er beabsichtigt diese Frau aus seiner Heimat zu ehelichen, weil deren Familie einen guten Ruf besitzt. Andere Frauen aus Nordmazedonien, zum Beispiel eine Geschiedene, bekommt einen entschieden weniger positiven Leumund. Sie wird von allen bekannten Nordmazedoniern in Bayern Rotationsmodus durchgevögelt. Danny zeigt Schwäche, äußert den Wunsch, sie zu heiraten, wird aber sofort zurück gepfiffen und eines Besseren belehrt: "Mach keinen Scheiß. Solch eine kriegst du an jeder Ecke wieder. Vergiss sie! Warte, bis eine Bessere deinen Weg kreuzt!"
So scheint es denn zu geschehen, eine bessere kommt zu ihm: Sie kommt aus guter Familie, hat Jura studiert, offensichtlich aber keinen Arbeitsplatz gefunden und verspricht sich ein besseres Leben mit einem Landsmann, der in einem reichen Industrieland Arbeit gefunden hat. Nur, eigenartig, war das nicht diejenige, die über ihn gesagt hat, dass er zu klein sein. "So ein kleiner Knirps!" oder so ähnlich. Aber sie hat offensichtlich ihre Meinung geändert. Danny wird einfach eine zu gute Partie darstellen und einen guten familiären Hintergrund darstellen. Da spielt es keine Rolle mehr, wenn sie ihn jeden Tag als hässlichen Gnom wahrnehmen muss. Da ist es auch egal, wenn sie nicht mal einen Körper riechen kann, wie ich dies bei einer anderen, aus Polen stammende Frau gehört habe. Es gibt Wichtigeres, viel Wichtigeres als Gefühle. Liebe sieht anders aus.