Frühling ist auch ein Gefühl

Kalendergeschichte zum Thema Liebe, lieben

von  IngeWrobel

 

„Jetzt komm endlich, Opa!“ Walter Fischer schaute ein wenig resigniert zum Fenster hinaus auf den Platz vor der Haustür. Dort wartete sein Enkel Florian mit einem Schlitten in der Hand darauf, mit dem Großvater zum nahegelegenen Abhang zu laufen, um dort zu rodeln.

Natürlich hielt Walter sein Versprechen ein – vielleicht war das die letzte Gelegenheit, seinem Enkel bei diesem Spaß zuzusehen.

Aber es war nicht nur der letzte Schnee dieses Winters, sondern auch ein Entschluss Walters, der ihn diesen Augenblick als einen Abschied empfinden ließ.

Gestern hatte Walter Fischer seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert. Zu diesem Zweck war er vor einer Woche aus Hannover bis hierher an den Bodensee gereist, wo seine einzige Tochter mit Mann und Sohn seit über zehn Jahren lebte. Walter kam gerne hierher, weil er so seiner Heimatstadt Konstanz nahe, und ihm die Gegend vertraut war.

In Momenten, in denen er tief in sich hineinschaute, war er sich seines ständigen Heimwehs bewusst. Heimweh nach seiner Kindheit, die er trotz der Kriegswirren behütet erlebt und in Erinnerung hatte. Auch an die Schulzeit erinnerte er sich gerne. Salem war im wahrsten Sinne eine „harte Schule“ gewesen, aber er war sich auch schon damals des Privilegs bewusst, diese Einrichtung besuchen zu dürfen.

Das internationale Flair dieses Internats wurde nach außen beeindruckend durch das Schloss Salem präsentiert. Mehr über die Praxis einer international zusammen gewürfelten Schülerschar lernte Walter von und durch Maria.  

Maria besuchte anfangs die Unterstufe des Gymnasiums und wohnte auf der Burganlage Hohenfels. Dort lernte sie Deutsch, weil ihre italienischen Eltern private und geschäftliche Verbindungen zu Deutschland hatten, und im Hause Magrini in Turin häufig Deutsch gesprochen wurde.
Maria und Walter hatten sich bei einer kulturellen Veranstaltung zum ersten Mal gesehen. Es war bei beiden Liebe auf den ersten Blick. Als Maria in die Mittelstufe kam, wohnte auch sie im Schloss ... und nun konnten die beiden jungen Menschen sich täglich sehen. Sie waren sicher, füreinander bestimmt zu sein, und fühlten sich als Paar unzertrennlich.

Dann jedoch, völlig überraschend, reiste Maria ab – und kam nie zurück. Sie konnte Walter nur sagen, dass ihre Mutter bei einem Unfall schwer verletzt worden war, und sie umgehend nach Italien gerufen wurde. Sie gab Walter einen Zettel mit ihrer Adresse und Telefonnummer in Turin und verschwand weinend aus seinem Leben. Alle Versuche Walters, Maria telefonisch zu erreichen, scheiterten. Die Briefe, die er an die notierte Adresse schickte, kamen zwar nicht zurück, wurden aber auch nicht beantwortet.

 

Nach etwa drei Jahren hatte Walter die Gelegenheit, nach Turin zu reisen. In dem Haus, das er suchte und fand, lebte eine Familie mit anderem Namen. „Ja“, hieß es „hier hat vor einigen Jahren eine Familie Magrini gelebt. Aber da gab es einen Todesfall, und dann sind sie weggezogen – wohin, wissen wir nicht.“ 

 

Walter hatte studiert, eine Arbeit, die ihm zusagte und ihn gut situierte, in Hannover gefunden; und er hatte geheiratet, eine Tochter geschenkt bekommen, die er sehr liebte, und nun auch Florian, seinen Enkel. Er blickte auf ein erfülltes Leben zurück und war damit nicht unzufrieden.

Sein Vorsatz war, sich als Siebzigjähriger auf einen Altersruhesitz nach Mallorca zurückzuziehen. Seit fünf Jahren war er verwitwet, und so hielt ihn nichts mehr im kalten Norddeutschland. Er hatte auf der Insel mit dem angenehmen Klima eine Finca gekauft und alles für seinen Umzug vorbereitet.

Vielleicht war es falsch gewesen, damals bei der Namenssuche für seine Tochter den Namen „Maria“ vorzuschlagen. Seine Frau wusste nichts von dem Mädchen aus Italien, an das er bei seinem Vorschlag dachte, aber möglich war auch, dass er ihr von seiner Jugendliebe erzählt hatte, und sie hatte es inzwischen vergessen. Jedenfalls gefiel ihr der Name, und so nannten sie ihre Tochter „Maria“.

Nun, an diesem kleinen Hügel mit rodelnden Kindern, fragte er sich, ob es klug gewesen war. Zwar sah seine blonde Tochter ganz anders aus, als die italienische Maria, aber manchmal ließ ihn der Name zusammenzucken, wenn er ihn unvermutet hörte.

„Maria!“ rief er jetzt, denn Walter hatte seine Tochter auf sich zukommen sehen. Sie wollte wohl ihr Kind und dessen Opa zum Abendessen abholen.

Schräg vor sich spürte Walter eine Bewegung in der Gruppe der Erwachsenen, die den Kindern und Enkeln beim Schlittenfahren zusahen. Eine Frau hatte sich in seine Richtung umgedreht und schaute ihm forschend ins Gesicht. Walter bekam unter diesem Blick eine Gänsehaut: diese dunklen Augen, diese feine schlanke Nase und die schön geschwungenen Lippen...

 

Inge Wrobel © 2013 

 

 

 

 




Anmerkung von IngeWrobel:

Wettbewerbsbeitrag, enthalten in der Anthologie "Frühling im Herzen 2", Elbverlag Magdeburg;

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Kommentare zu diesem Text


 Saira (11.01.26, 13:32)
Liebe Inge,

deine Geschichte hat mich sehr still erreicht. Sie arbeitet nicht mit großen Effekten, sondern mit etwas viel Schwierigerem: mit Erinnerung, mit Zeit und mit dem, was im Leben offengeblieben ist.
Besonders schön finde ich, wie du zwischen der winterlichen Gegenwart am Rodelhang und Walters innerem Rückblick pendelst. Die Jugendliebe zu Maria wird nicht ausgeschmückt, sondern bleibt genauso unvollständig und schmerzlich, wie solche Erinnerungen im wirklichen Leben oft sind.

Auch dein Titel „Frühling ist auch ein Gefühl“ erschließt sich mir vor allem seelisch: Walter steht eigentlich am Abend seines Lebens, und doch beginnt in ihm noch einmal etwas zu tauen. Das kleine, feine Detail mit dem Namen seiner Tochter Maria. 

Und das offene Ende, dieser eine Blick, diese plötzliche Irritation, hat beinahe etwas sehr Filmisches: Man spürt, dass sich innerlich etwas entscheidet, auch wenn der Text dort aufhört. 

Liebe Grüße
Saira

 IngeWrobel meinte dazu am 11.01.26 um 14:58:
Liebe Saira, 
ich freue mich sehr über Deine Worte zu meiner Liebesgeschichte! 
Ursprünglich gab es ein HappyEnd, denn die Frau am Rodelhang ist tatsächlich "seine" Maria. Mit dem Schluss hatte ich den Text in den Wettbewerb geschickt. 
Dann, als ich die Geschichte nochmal vor der Drucklegung lesen und genehmigen sollte, sah ich, dass das beschriebene HappyEnd fehlte. Marie Rossi vom Elbverlag hat ein gutes Gespür bewiesen, als sie meinen Schluss wegließ, und das Ende offen und somit der Phantasie des Lesers überließ.  
Der Augenkontakt ist ja die Schlüsselszene und Höhepunkt der Erzählung. Jedes weiterführende Wort hätte den Spannungsbogen nach unten geführt. 
Solche Lektoren wünscht man sich, wenn man Romane oder längere Prosa schreibt ... besonders, wenn man Gedichte und Kurzprosa als Schwerpunkt hat, so wie ich. 

Ich danke Dir sehr, liebe Saira, für Dein Einfühlen und die Empfehlung, und grüße Dich herzlich in ein hoffentlich erfreuliches 2026! 
Inge
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