Wie ich mir das Unterhaltungsprogramm im Pflegeheim vorstelle – wenn es dann einmal mit mir so weit kommt.

Text

von  tulpenrot

Und dann kommt ein Sänger, ein Alleinunterhalter, und bringt gute Laune.

Er singt von Liebe und unbeschwerten Zeiten, und wir Alten sind auf Bestellung fröhlich, klatschen im Takt dazu, lächeln gehorsam, weil man das so macht. Wir wollen ja nichts falsch machen.

Meine Laune jedoch sinkt in den tiefsten Keller bei diesem Gedanken. Diese Verzweckung der Gute-Laune-Macher. Die springen unmotiviert, besonders agil und kraftvoll und „lustig“ auf der „Bühne“ herum, das soll uns gute Laune machen. Sie wirken aber so künstlich aufgesetzt fröhlich, dass es eher abstoßend ist, als dass es fröhlich macht. Bei mir hätte das jedenfalls diesen Effekt. Hinterher lese ich in der regionalen Zeitung von dem großartigen Event im hiesigen Pflegeheim und den strahlenden Augen der Heimbewohner, von der fröhlichen und guten Atmosphäre – und ich glaube nicht die Hälfte davon.

Hin und wieder kommt der Kindergarten zu Besuch, bringt Selbstgebasteltes mit, singt ein Lied und gibt uns Alten auf Befehl die Hand. Die dürfen dann mit den Kindern reden und sie lobend tätscheln. Weil ja die Kinder das alles so gut gemacht haben. Fremde Kinder, fremde Alte. Muss das sein? Die Heimleitung schwärmt dann auf der homepage wieder von den strahlenden Gesichtern der Alten und Kinder. Ich hätte das als Kind nie und nimmer mitgemacht, sondern hätte mich vor den faltigen und knochigen Gesichtern und Händen der Pflegeheimbewohner gefürchtet.

Und dann gibt es ja noch den Akkordeonspieler, dazu den Projektchor aus dem Nachbarort mit alten Volksweisen. Alle nur wenig jünger als wir Heiminsassen. Oder ein altes Musikerehepaar mit Musik für Klavier und Querflöte. Wir sitzen und hören zu oder träumen uns weg. Weit weg möglichst. Ich erinnere mich dann vermutlich an meine Jugendzeit, an die endlosen Etüden und eintönigen Fingerübungen zu Hause am Klavier. Eine bittere Zeit und so schrecklich langweilig. Ich dämmere dann sicher langsam hinüber, schlafe fast ein und erschrecke, weil es plötzlich still ist, und wir jetzt anscheinend klatschen müssen. Das fällt auch mir zum Glück noch rechtzeitig ein.

Wir müssen auf jeden Fall froh sein, dass sich die Heimleitung so viel Mühe um uns Alte macht. In unseren eigenen vier Wänden käme das nicht vor, da säßen wir missmutig und gelangweilt in der leeren Stube und warteten vor dem Fernseher auf den Abend, dann auf die Nacht, putzten unsere Zähne und wischten am nächsten Morgen den Staub vergangener Tage aus den Zimmerecken.
Wir wären hilflos der unendlichen Stille ausgesetzt.

Was ist besser? Ich weiß es nicht. Noch nicht.




Anmerkung von tulpenrot:

Dieses Thema beschäftigt mich und erfüllt mich mit Grausen. Vermutlich hab ich sowas Ähnliches schon mal geschrieben. Tut mir leid.

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