Berufswunsch? Hausfrau und Mutter.

Betrachtung zum Thema Biographisches/ Personen

von  tulpenrot

Es war Ende der 60er Jahre.

Ich hab mich schon damals geschämt, als ich unserer Lehrerin diese Antwort „Hausfrau und Mutter“ auf ihre Frage gab, welchen Beruf wir nach dem Abitur anstreben wollten. Heute schäme ich mich erst recht – angesichts der „trad wife“-Bewegung. Alle meine Mitschülerinnen hatten kompetentere Ideen: Rechtsanwältin, Apothekerin, Ärztin, Unternehmensberaterin, Geologin, Auslandskorrespondentin …

Bis zu diesem Moment hatte ich mir noch nie Gedanken über einen Beruf gemacht und hatte keinerlei Vorstellung davon, überhaupt einen Berufswunsch haben zu dürfen. In meinem Leben galten bis dahin überhaupt keine Wunschäußerungen als wichtig, schon gar nicht von mir, einer Tochter. Man tat als Heranwachsende, was die Eltern vorgaben. Und die hatten bis dahin nichts gesagt, was ich werden sollte. Also war ich völlig überrumpelt von der Frage der Lehrerin und musste in Windeseile etwas parat haben. Aber was? „Hausfrau und Mutter“, was anderes fiel mir nicht ein.

Im selben Moment ahnte ich, dass meine Worte „falsch“ waren und ich mich damit restlos blamierte. Eine Oberstufen-Schülerin des altsprachlichen Mädchengymnasiums mit Latein-, Englisch- und Griechischkenntnissen wollte nur Hausfrau und Mutter werden! Wie seltsam, wie wenig anspruchsvoll! So jemanden mit solch altertümlichen Vorstellungen konnte man ja nicht ernst nehmen, dachte ich. Allerdings lachte auch niemand.

Hausfrau und Mutter. Dieser Wunsch hat mich mein ganzes Leben nicht losgelassen. War es vielleicht doch ein Lebensziel, meines? Ich fand es jedenfalls nicht besonders anziehend, berufstätig zu sein und daneben eine Familie zu haben. Ausgesprochen bedrückend fand ich die Vorstellung, meine zukünftigen Kinder fremden Leuten oder einer Institution in die Hände zu geben. Sie sollten vielmehr gut behütet zu Hause aufwachsen, in aller erzieherischen Fürsorge und gleichzeitig in großer Freiheit.

Mir schwebte vor, einen Pfarrer zu heiraten, 4 Kinder zu haben und einen großen Pfarrhaushalt mit Garten zu führen. Und es sollte ein „offenes Haus“ sein, wo jederzeit Besucher willkommen waren. Mein Ideal wurde von den Erzählungen meiner Mutter gespeist, wie sie bei ihren Großeltern als Großfamilie zusammen kamen, die Eltern, die Tanten und Onkel, die Geschwister mit ihren Kindern. Das konnte meine Urgroßmutter natürlich nur mit Hilfspersonal bewältigen, und zu solchem Vorhaben gehörte selbstverständlich auch ein großes Haus. Aber das ging damals. Mein Urgroßvater war Pastor und wohnte mit seiner Familie in einem Pastorat mit großem Garten in Mecklenburg. Mehrere Tage lang dauerten diese Treffen.

Das beflügelte meine Phantasie. Ich fand die Vorstellung schön, viele Gäste neben den eigenen 4 Kindern um mich zu haben, zu bewirten, und ihnen Gelegenheit zu geben, sich zu treffen und gemeinsame Unternehmungen zu machen oder die Tage mit Musik, Theaterspiel, gutem Essen und einfach nur mit Herumtollen zu gestalten. Dass dazu das Haus geputzt, geschmückt und die Betten bezogen werden mussten, dass der blumenreiche Garten hergerichtet werden musste, war mir klar. Aber ich würde es schaffen. Mir schwebte eben vor, neben der eigenen Familie ein offenes Haus zu haben für viele Menschen, auch fremde, die immer wieder, angemeldet oder nicht, das Haus bevölkerten, versorgt wurden, hilfreiche Gespräche führen konnten, aufatmen konnten.

„Das wolltest du alles schaffen? Unmöglich! Viel zu viel Arbeit! Die Kinder, die fremden und anderen Leute, der Haushalt, der Garten!“ Solche Gedanken kannte ich nicht. Meine Umgebung war entsetzt. Ich aber stand in den Startlöchern. Es konnte losgehen.

Es kam natürlich anders.

Nach dem Abitur machte ich ein Praktikum in der Großküche des Universitäts-Klinikums in Essen. Anschließend studierte ich an der JLU Gießen Naturwissenschaften – das sagte ich, weil man sich unter der richtigen Studiumsbezeichnung „Diplom-Ökotrophologie“ nichts vorstellen konnte, und mich, falls man das Wort übersetzen konnte, nur als „akademische Köchin“ herablassend bezeichnete. Dass man aber mit diesem Studium Grundkenntnisse auf allen Gebieten der Naturwissenschaften (Biologie, Chemie, Physik, Biochemie), auch der Wirtschaftswissenschaften oder der Human-Medizin und Tiermedizin, der Lebensmitteltechnologie, der Landwirtschaft und der Juristerei erwarb u.a., das wissen die wenigsten. Mit Kochkünsten und Rezeptsuchereien hat es überhaupt nichts zu tun. Es ist ein rein akademisches Universitäts-Studium. Vorsichtshalber hab ich zusammen mit dem Diplomstudium auch noch Erziehungswissenschaften studiert, damit ich „notfalls“ Lehrerin werden konnte. Ich habe das Studium jedenfalls nie bereut und wurde dann Oberstudienrätin an beruflichen Schulen. In späteren Jahren erwarb ich eine Zusatzqualifikation als Religionslehrerin.

Ich lebte von daher ein wenig aufregendes Leben. Meine Träume erfüllten sich also nicht.

Also doch die „3 K“, Küche, Kirche, Kinder? Bloß auf anderem Wege?

Ich bekam keinen Pfarrer als Mann, ich bekam keine 4 Kinder und erst recht kein großes Haus. Mein Mann war ebenfalls „nur“ Lehrer, wir bekamen eine einzige Tochter und wohnten in einer bescheidenen 3,5-Zimmerwohnung zur Miete, allerdings mit großem Garten. Und dennoch. Wir hatten gerne und oft Gäste. Zum Beispiel bei Hausmusikabenden oder wenn sich der Hauskreis von 15 Leuten bei uns traf, wenn es um Gartenfeste mit der Nachbarschaft ging oder ausgiebig Kindergeburtstag gefeiert wurde oder wenn ich dann später für andere in meiner Wohnung Kaffeerunden veranstaltete und sie ihren Geburtstag bei mir feierten. Für eine Zeitlang kochte ich für eine berufstätige Mutter mit ihren 2 Schul-Kindern dreimal die Woche, beaufsichtigte ihre Kinder auch beim Schularbeiten-machen. Und als der örtliche Kindergarten wegen Überlastung keine weiteren Kinder aufnehmen konnte, fand mehrere Tage pro Woche bei mir in der Wohnung eine kleine Kindergarten-Gruppe von 6 Kindern statt.

In meiner damaligen Gemeinde sang ich im Musikteam mit, half bei der Organisation von großen internationalen christlichen Treffen in unserem Ort mit ca. 400 Gästen mit. Die mussten bewirtet und in Hotels oder Pensionen untergebracht werden, die Tagungsräume bereit gestellt sein, der Tagungsbeitrag eingezogen werden usw. An anderer Stelle wurde ich während der Tagung als Dolmetscherin eingesetzt.
Später organisierte ich große Frauenfrühstücke, dazu wurden Referenten eingeladen, die Einladungszettel entwarf ich und schrieb sie mit der Hand, vervielfältigte sie und verteilte sie in Geschäften, auch in den umliegenden Dörfern. Ich färbte alte Laken, um sie später als Tischdecken bei den Treffen zu verwenden, die ich dann zu Hause anschließend an die Treffen wusch und bügelte. Einige Jahre später wurde ich dann selber Referentin bei Frauenfrühstücken in Gemeinden im näheren und weiteren Umkreis – manchmal 6 Veranstaltungen pro Jahr!
Ich machte über 30 Jahre lang Kindergottesdienst, organisierte und hielt Kinderbibeltage. Ich initiierte eine Mütter-Kind-Gruppe, entwickelte einen Gemeindebrief, den es bis dahin nicht gab. Man wählte mich für 3 Wahlperioden zur Kirchenältesten (18 Jahre) und wollte auch, dass ich Mitglied der Landessynode wurde, was ich aber ablehnte. Ich organisierte Gemeindefeste und gestaltete ein Ortsbuch zur Finanzierung der Kirchenrenovierung mit Geschichten, Rezepten und Fotos.

Machte ein Fernstudium in Theologie, leider ohne Abschluss. Ich machte Konfirmandenarbeit.

Zum Glück konnte ich mir erlauben, mich 12 Jahre aus dem aktiven Schuldienst beurlauben zu lassen und danach nur mit halber Stundenzahl bis zur Pensionierung zu arbeiten. Mein Mann war inzwischen verstorben, ich war allein mit unserer Tochter. Mir war es wichtig, genügend Zeit mit meiner Tochter zu verbringen und auch Zeit für Gemeindetätigkeiten zu haben. Viel Geld zu verdienen, war mir nicht wichtig, solange es reichte für den täglichen Bedarf und für die ein oder andere kurze Reise.
Hausfrau und Mutter? – ich hatte alle Hände voll zu tun, genoss die Wichtigkeit meines Tuns im Ehrenamt und hatte nicht den Eindruck, als Heimchen am Herd zu versauern. Langeweile kenne ich nicht. Bis auf den heutigen Tag. Ich habe nur Angst, dass meine Lebenszeit zu schnell abläuft oder dass ich zu sehr krank werde, um noch so einige Pläne zu verwirklichen.

Ich wurde zwar keine Pfarrfrau, ich war auch nur 9 Jahre verheiratet, bis mein Mann starb, bekam nur eine Tochter, aber letztlich eröffneten sich mir ungeahnte Möglichkeiten, mit Menschen (mit großen Massen oder im kleinen Kreis, mit alten und jungen) sinnvoll zusammen zu sein, meine Begabungen in Musik, Organisation und z.T. auch künstlerisch auszuleben. Und es war mehr als ich mir jemals erträumt hatte. Umfangreicher. Vielfältiger. Und mit Kontakten ins Ausland (nach Schweden, Frankreich, Schweiz, Holland, Nepal, England, Australien).

Und mein Mann? Er sah mich als gleichrangig an – er hat sich genauso in die Hausarbeit eingebracht wie ich, hat sich keineswegs bequem zurückgelehnt und sich bedienen lassen. Das war sehr ungewöhnlich für seine Generation – er war sehr viel älter als ich.

Wie anders als andere Männer er war, wurde mir erst später richtig bewusst, als ich erlebte, wie sehr viel jüngere Männer in ihrer Einstellung Frauen gegenüber recht dominant und fordernd auftraten und sogar versteckt frauenfeindlich. Jedenfalls zeigten sie, dass sie von den Frauen nicht viel hielten, die hatten in deren Augen eigentlich nicht wirklich was zu sagen. Ihre Wünsche wurden als unbedeutend abgetan oder überhört, ihre Empfindungen als unerheblich bewertet. Sie hatten zu funktionieren, und schön zu sein. Mehr wurde nicht verlangt.

Hausfrau und Mutter, ein idealisierter Frauentyp? Romantisch verklärt? Dabei weltfremd und auf eine falsche Art unterwürfig? Auf keinen Fall, das ist ein Zerrbild, unwürdig all der Frauen, die mit Umsicht und Souveränität, mit Können und liebevoll ihre Aufgabe in der Familie leisten, die ihren Ehemann, den Haushalt, die Kinder gut versorgen. Und die dabei sich selbst nicht verlieren oder vergessen. Die ihre Würde und Selbständigkeit nicht abgeben oder verantwortungslos opfern.



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