Reiseleiter

Anekdote zum Thema Gewissen

von  Citronella

Das Gelingen einer geführten Rundreise durch ferne Ländern hängt natürlich zum Großteil von den Fähigkeiten eines Reiseleiters ab. Am besten und zuverlässigsten erwiesen sich bei unseren Reisen deutschsprachige Auswanderer, die schon länger im Land lebten.


Der junge B. war einer von ihnen: Jung und unbeschwert genug, um einige zusätzliche, manchmal nicht ungefährliche Zusatzabenteuer einzubauen, die so nicht in der Reisebeschreibung standen, aber zielstrebig genug, um von einem eigenen Hotel in diesem Land zu träumen. Gute Trinkgelder waren ihm sicher.


Ein anderer Fall war R., der sein eigenes exotisches Land nie verlassen hatte, aber vorzüglich Deutsch sprach. Er verschaffte uns Zugang zu Einheimischen und deren Festen und machte nicht den Fehler, etwaige Souvenirshops seiner Verwandten anzusteuern. Die Besuche in einer Schule und einem Waisenhaus beruhten zwar auch auf seiner Eigeninitiative, aber sie waren ein beeindruckender Zusatzgewinn auf dieser Reise. Die Kinderchen sangen und tanzten ganz reizend, und da öffnete man gern sein Portemonnaie für eine Spende.


Am Ende der Reise tauschten wir auf Wunsch von R. Adressen aus – falls er doch mal nach Deutschland kommen sollte. Meistens landen solche Adressen dann bald vergessen bei den Reiseunterlagen. So auch in diesem Fall. Bis wir einige Monate später, zu Weihnachten, einen netten Brief von ihm bekamen, der seine ganze finanzielle Misere für sein kleines bäuerliches Anwesen, das er nebenbei betrieb, und seine mittlerweile mehrköpfige Familie in herzzerreißenden Worten schilderte. Und ob wir nicht ...


Wir waren tagelang hin- und hergerissen. Abgesehen davon, dass ein seriöser deutscher Reiseveranstalter sicher nicht begeistert von so einem Bettelbrief gewesen wäre, waren wir der Ansicht, dass das üppige Trinkgeld für gute Dienste, das R. am Ende der Reise erhalten hatte, ausreichend gewesen sein sollte. Dennoch blieb ein ungutes Gefühl.



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